Welt : Blutige Lippen

Roland Koch

Seine Vergangenheit weist dunkle Flecken auf. Irgendwelche Typen sind hinter ihm her, als er sich in Irland herumtreibt. Es ist das Jahr 1924 und der Beginn einer langen Reise für Henry Smart. Erste Station: New York, das gelobte Land für den Flüchtigen, der einen Neuanfang wagen will.

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Gut sieht er aus, wie er da amerikanischen Boden betritt. Er ist groß, kräftig, kommt bei den Frauen an. Und weil er gewitzt und geschäftstüchtig ist, steigt er schon bald zum Kleinunternehmer auf. Allerdings nimmt er es mit den Regeln nicht so genau und hat daher bald Ärger am Hals. Begleitet von einer namenlosen Abenteurerin, verschlägt es ihn in die Nachtclubs von Chicago. Hier begeistert ein anderer Mann die Menschen: Louis Armstrong, der begnadete Musiker, der mit blutenden Lippen Trompete bläst und die Zuhörer zur Raserei treibt. Er kann Smart gut gebrauchen, einen Weißen, der all das tun kann, was einem Schwarzen verboten ist. Smart wird sein Partner – bis er wieder einen entscheidenden Fehler begeht.

In „Jazztime“ erzählt Roddy Doyle die Geschichte des irischen Außenseiters, der sein Glück in der neuen Welt versucht. Musik, Sex, Prohibition, Geld und Gewalt: Das sind die Zutaten, aus denen er in kurzen, stakkatohaften Sätzen die wilde Zeit beschwört. Die Dialoge sind oft ruppig knapp, treiben den Leser über die Seiten, als sei er selbst auf der Flucht. Sie zeichnen das Bild eines gnadenlosen Existenzkampfs, bei dem man hinter der nächsten Ecke das Glück treffen kann. Oder das Verderben.

Roddy Doyle: Jazztime. Roman. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Hanser Verlag, München. 480 Seiten, 24,90 €.

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