Welt : Blutspur zum Versteck

Auch der zweite Attentäter von Boston ist gefasst – nach einer beispiellosen Verfolgungsjagd, die eine Millionenstadt lahmlegte.

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Wie am Nationalfeiertag. Eine Twitter-Nachricht der Polizei vermeldete den Erfolg der Fahnder. In Boston brach danach Volksfeststimmung aus. Foto: Kayana Szymczak/AFP
Wie am Nationalfeiertag. Eine Twitter-Nachricht der Polizei vermeldete den Erfolg der Fahnder. In Boston brach danach...Foto: AFP

Der Albtraum ist vorbei. Nach einer 22-stündigen Hatz konnten Einsatzkräfte in der Nacht zum Samstag den 19-jährigen Dschochar Zarnajew schwer verletzt festnehmen. Er hatte sich zuletzt in einem Boot verschanzt, das unter Plastikfolie im Garten eines Einfamilienhauses überwinterte. Sein 26-jähriger Bruder Tamerlan Zarnajew, von dem die Initiative für die Bombenanschläge auf den Boston Marathon ausgegangen sein dürfte, war bereits in der Nacht zum Freitag bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet worden.

In ganz Boston spielten sich in der Nacht emotionale Szenen ab. Wenige Minuten nach der Festnahme kam vom offiziellen Twitter-Account „Boston_Police“ die Nachricht, auf die das ganze Land gewartet hatte: „CAPTURED!!! The hunt is over. The search is done. The terror is over. And justice has won. Suspect in custody.“ („GEFASST!!! Die Suche ist beendet. Der Terror ist vorbei. Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Verdächtiger in Haft.“)

Auf den Straßen brach Jubel aus. Polizisten klatschten sich gegenseitig ab. Tausende Menschen, die tagsüber auf Anweisung der Polizei ihre Häuser nicht verlassen durften, feierten auf den Straßen und skandieren „U-S-A, U-S-A“. Nach viertägiger Angst regierten Erleichterung und Freude, dazu eine Spur Galgenhumor: Im Internet zirkulierte Minuten nach der Festnahme ein Foto des Bootes, in dem sich Zarnajew zuletzt verschanzt hatte, dazu die Unterschrift: „Schlechtester Fluchtwagen aller Zeiten!“

Zarnajew selbst hatte die Polizei Stunden zuvor nach Watertown geführt. Nach einer Schießerei auf dem Gelände der Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT), bei der ein 26-jähriger Campus-Polizist ums Leben kam, hatten die Behörden die Täter im Visier. Rund dreihundert Meter von diesem Tatort entfernt entführten die schwer bewaffneten Brüder einen schwarzen Mercedes. Den Fahrer setzten sie 30 Minuten später unverletzt an einer Tankstelle ab. Die Verfolgungsjagd, bei der die Terroristen auch Sprengsätze aus dem Wagen warfen, endete in einem Feuergefecht, in dem der ältere Tamerlan Zarnajew tödlich getroffen wurde. Dschochar Zarnajew entkam noch einmal, nachdem er seinen Bruder mit dem Wagen überfahren und eine Polizeisperre durchbrochen hatte. Er flüchtete zu Fuß weiter.

Nachdem die Polizei tagsüber systematisch die Nachbarschaft durchkämmt hatte, kam der entscheidende Hinweis von einem Anwohner, der sich den ganzen Tag lang „eingesperrt“ gefühlt hatte und frische Luft schnappen wollte. David Henneby ging in seinen Garten und sah, dass ein Halteriemen an seinem Boot durchschnitten war, daneben waren Blutspuren. Henneby hob die Folie an und „sah einen Mann, der sich zu einem Ball zusammengekauert hatte“.

Henneby setzte einen Notruf ab. Hunderte von Einsatzkräften lokaler und überregionaler Einheiten sowie des FBI rückten an. Dann gab es die Bestätigung von oben: Die Infrarotkamera eines Hubschraubers hatte das Wärmebild einer Person in dem Boot erkannt.

Einsatzkräfte belagerten das Boot mehr als eine Stunde lang mit dem Ziel, den Verdächtigen lebendig in Gewahrsam zu nehmen – ein gefährliches Unterfangen, zumal sein älterer Bruder bei seinem Tod eine Sprengstoffweste samt Zünder getragen hatte. Lange war unklar, welche Waffen und Sprengkörper Dschochar Zarnajew bei sich haben könnte. Fernsehberichten zufolge feuerten Sicherheitskräfte zunächst mehrfach Tränengas und Blendgranaten auf das Boot, schließlich entfernte ein Roboter Teile der Folie, bis man Zugriff auf den 26-Jährigen hatte. Entgegen aller Befürchtungen hatte der Täter wohl keine weiteren Waffen bei sich.

Nach dem erfolgreichen Zugriff auf Zarnajew ging alles weitere recht schnell. Der 19-Jährige wurde in einem Polizeiwagen weggebracht. Ein bereitstehender Krankenwagen wurde nicht eingesetzt, was zunächst darauf schließen ließ, dass er nicht schwer verletzt sein könne. Wenig später wurde sein Zustand allerdings als „kritisch“ beschrieben.

Für Dschochar Zarnajew beginnt jetzt eine wohl langwierige Erfahrung mit der amerikanischen Justiz. Bereits am Wochenende dürfte der Terrorist einem Haftrichter vorgeführt werden. Er dürfte binnen weniger Tage an ein Bundesgericht überstellt werden. Größte Priorität hat jetzt das Verhör des Attentäters. Die Behörden wollen die Hintergrunde des Anschlags aufklären und sicherstellen, dass die Brüder allein handelten. Zumindest der ältere Tamerlan hatte sich in der Vergangenheit verdächtig gemacht und war 2011 auf Bitten der russischen Regierung vom FBI verhört worden.

Ein Onkel der beiden sagte, die Familie schäme sich, mit den Tätern verwandt zu sein. Er bezeichnete den jüngeren Bruder als „Loser“ und beteuerte, keinen Kontakt zu seinen Neffen gehabt zu haben. Eine Schwester der beiden bekam Polizeischutz in ihrer Wohnung in West New York im Bundesstaat New Jersey. Polizeilichen Ermittlungen zufolge hatte auch sie seit Jahren keinen Kontakt zu ihren Brüdern.

Ein kurzes Statement gab es am Freitag von der Frau des getöteten Tamerlan Zarnajew, der auch ein Kind hinterlässt. „Wir haben wohl den wahren Tamerlan nie gekannt“, sagte die 23-jährige Katherine Russell, die den Attentäter während ihrer College-Zeit in Boston kennenlernte. Umso bekannter war dafür das Bild, das Tamerlan von sich für die Öffentlichkeit zeichnete: Hier war er athletisch und ein leidenschaftlicher Boxer, der von Olympia träumte. Über sein Training wurde vor zwei Jahren sogar in einem lokalen Magazin berichtet. Auch die Eltern der beiden meldeten sich zu Wort. Sie glauben noch immer an eine Falle und nicht daran, dass ihre Söhne Gewalttäter sind.

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