Bollschoi : Mörderischer Rollenkampf

Der Ballettchef des Bolschoi-Theaters in Moskau droht nach einer Säureattacke zu erblinden. Hintergrund sind offenbar Enttäuschungen und Kränkungen von Tänzern, die nicht die gewünschte Rolle bekommen haben.

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Krieg der Tänzer. Ballettstar Sergej Filin, hier in einer „Giselle“-Inszenierung, als er noch auf der Bühne stand.
Krieg der Tänzer. Ballettstar Sergej Filin, hier in einer „Giselle“-Inszenierung, als er noch auf der Bühne stand.Foto: dapd

Das Bolschoi ist kein gewöhnliches Theater. Sein Name heißt auf Russisch „das Große“, es gilt als Wiege des klassischen Balletts, wird als das „Allerheiligste der russischen Kunst“ bezeichnet, Tschaikowskys „Schwanensee“ wurde dort 1877 uraufgeführt. Mit über 200 Tänzern ist die Ballettruppe des Bolschoi die größte der Welt – und aus ebendiesem Kreis sollen die Verantwortlichen für einen Übergriff stammen, der nicht nur die russische Theaterwelt bewegt.

Ballettchef Sergej Filin wurde in der Nacht zu Freitag überfallen, er bekam Säure ins Gesicht gespritzt und wird vielleicht sein Augenlicht verlieren. „Ich dachte, er wollte mich erschießen“, sagte der 42-Jährige bei einem Interview in einem Moskauer Krankenhaus dem Fernsehsender Ren-TV. Er habe versucht zu fliehen, doch der Angreifer – ein maskierter Kapuzenträger – habe ihm den Weg abgeschnitten.

Hintergrund der Tat sollen Kämpfe um die besten Rollen gewesen sein. Wie die Zeitung „Izwestija“ meldet, sollen die Behörden auch einen konkreten Verdacht haben, welcher Tänzer den Anschlag auf Filin ausgeführt oder in Auftrag gegeben hat. „Was passiert ist, schockiert jeden, aber viele Leute überrascht es nicht“, kommentierte der russische Balletthistoriker Vadim Gajewski. Zu Sowjetzeiten hätten Bolschoitänzer Konkurrenten Glasscherben in die Spitzenschuhe gesteckt, um deren Füße zu ruinieren. Der legendären sowjetischen Primaballerina Galina Ulanowa sei damit gedroht worden, ihr beide Beine zu brechen. Filin, der eine inhaltliche Modernisierung des Theaters anstrebt, hat viele Feinde.

Russische Medien melden, dass der frühere Startänzer Filin systematisch terrorisiert wurde. Er sei „ständig bedroht worden, und seine Vorgänger wurden es auch“, bestätigte Theatersprecherin Katja Nowikowa. Sie hätte jedoch nie gedacht, „dass der Krieg um Rollen ein kriminelles Niveau erreichen könnte“. Drohanrufe, zerstochene Autoreifen, ein gehacktes Mailkonto und ein gefälschtes Facebook-Profil, auf dem sich jemand als Filin ausgab und Lügen über ihn verbreitete, musste er in den letzten Monaten erdulden. Dennoch wollte Filin keinen Personenschutz, obwohl Verwandte versuchten, ihn zu überzeugen. Der Angriff stehe „ganz klar im Zusammenhang mit Filins beruflichen Aktivitäten“, sagte auch Bolschoi-Generaldirektor Anatoli Iksanow. Er hoffe, dass der Täter gefasst werde. „Diese Person ist ein Monster.“

Der Fall wird in Russland nun auch zum Politikum. Kulturminister Wladimir Medinski hat den Generalstaatsanwalt mit den Ermittlungen beauftragt, die Reputation Russlands stehe auf dem Spiel. Schließlich war das Bolschoi erst Ende 2011 nach sechs Jahren wiedereröffnet worden. Offiziell kostete die Renovierung eine halbe Milliarde Euro, Experten gehen jedoch von über eine Milliarde für die Erneuerung des mehr als ein Vierteljahrtausend alten Hauses aus. Ob Renovierungskosten, Ensemblegröße oder geschichtliche Bedeutung: Das Bolschoi ist ein Theater der Superlative – zum Leidwesen von Sergej Filin auch was die Konsequenzen aus dem übertriebenen Ehrgeiz und dem verletzten Stolz seiner Tänzer angeht.

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