Welt : Bomben beim EM-Gastgeber Ukraine

Anschlagsserie im Osten des Landes mit vielen Verletzten / Charité-Ärzte fordern Timoschenkos Ausreise.

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Sechs Wochen vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaft hat eine Serie von Bombenanschlägen die ostukrainische Stadt Dnipropetrowsk erschüttert. Mindestens 27 Menschen wurden nach Angaben des Innenministeriums verletzt, darunter neun Kinder. Die Hintergründe der vier Bombenexplosionen waren zunächst unklar. Der erste Sprengsatz ging an einer Straßenbahnhaltestelle hoch, weitere Detonationen gab es in der Nähe der Oper, bei einem Kino und am Bahnhof. Die Generalstaatsanwaltschaft stufte die Anschläge als Terrorakt ein. Präsident Viktor Janukowitsch sprach von einer „Herausforderung für das ganze Land“.

Dnipropetrowsk ist die Heimatstadt der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Der demokratischen Opposition gegen den immer autoritärer auftretenden Janukowitsch wird ein solcher Anschlag eigentlich nicht zugetraut.

Angesichts der bevorstehenden Fußball-EM bemühte sich die Regierung in Kiew um Schadenbegrenzung. „Die ukrainische Regierung garantiert die Sicherheit ihrer EM-Gäste“, versicherte EM-Sicherheitschef Oleksandr Birsan. Das Auswärtige Amt gab nach den Anschlägen einen Sicherheitshinweis heraus: Reisenden „in der Region“ wird nun zu „besonderer Vorsicht“ geraten.

In Dnipropetrowsk werden keine EM-Spiele ausgetragen. Allerdings spielt die deutsche Nationalelf am 13. Juni im nur 200 Kilometer nordöstlich gelegenen Charkiw. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) sah zunächst keine unmittelbare Veranlassung zu neuen Sicherheitsmaßnahmen. „Es ist zu früh, etwas zu sagen“, hieß es. Die Situation in der Ukraine werde „beobachtet“. Die Uefa war zuletzt wegen der politischen Entwicklung im EM-Gastgeberland in die Kritik geraten. Timoschenko sitzt nach einem international kritisierten Prozess und einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauch derzeit im Spielort Charkiw in Haft. Uefa-Chef Michel Platini verteidigte die EM-Vergabe und verwies auf die stabile Situation in der Ukraine zum Vergabe-Zeitpunkt 2007.

Die Bundesregierung forderte die ukrainische Führung zu schnellem Handeln im Fall Timoschenko auf. „Es kann hier kein Spiel auf Zeit geben von der ukrainischen Regierung“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert mit Blick auf den Gesundheitszustand der Inhaftierten. Innenminister Hans-Peter Friedrich forderte, Timoschenko ausreisen zu lassen. Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, sagte, er sehe nur außerhalb der Ukraine eine Chance, Timoschenko erfolgreich zu behandeln. Die von Kiew offiziell erbetene Behandlung Timoschenkos durch deutsche Ärzte vor Ort sieht der Charité-Chef dagegen mit großer Skepsis. Zudem stellte er fest, dass Timoschenko nicht angemessen medizinisch behandelt worden sei. Ihr Gesundheitszustand hat sich nach Angaben der Charité-Ärzte „deutlich verschlechtert“. Timoschenkos Mann Oleksandr warf den Behörden vor, seine Frau umbringen zu wollen.

Die Absage des Besuchs von Bundespräsidenten Joachim Gauck wurde von der Regierung in Kiew als „aufgebauscht“ bezeichnet. „Wir wussten seit langem, dass der Bundespräsident nicht kommt.“

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