Botellon : Öffentliche Massenbesäufnisse - im Internet verabredet

Es nennt sich "Botellon" und greift gerade in der Schweiz um sich: Öffentliche Massenbesäufnisse, die per Internet organisiert werden.

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Saufen, Saufen, Saufen. Und das am besten inmitten einer grölenden Horde. Immer mehr Jugendliche in der Schweiz kommen auf den Geschmack am sogenannten Botellon: Per Internet organisierte Trinkgelage im öffentlichen Raum. Ohne Hemmung, mit einem zentralen Ziel: „Wir lassen uns so richtig volllaufen“, sagt Urs, ein sechzehnjähriger Zürcher Lehrling. Mit der eidgenössischen Liebe zum Detail perfektionieren die dürstenden Jungen ein Phänomen aus Spanien – und schocken das konservative Establishment.

Die Schluckspechte wollen das nächste Fass bei einem Massenbesäufnis in Luzern aufmachen. Auch anderen Schweizer Städten steht das feuchte Ritual bevor. Die Welle schwappt seit Monaten über das kleine, reiche Land: Zuerst versammelten sich mehr als 1000 Zecher in Genf, becherten bis zum Umfallen. Dann blieb auch die Hauptstadt Bern nicht verschont: Mehr als 500 Jugendliche frönten dem Suff in der sonst so ernsten „Bundesstadt“. Der Höhepunkt des helvetischen Kampftrinkens ließ sich kürzlich in Zürich beobachten. „Gegen 21 Uhr, dem offiziellen Beginn des Botellon, waren rund 400 bis 500 Jugendliche auf der Wiese am See“, hielt der Reporter einer örtlichen Zeitung fest. „Doch mit jeder Straßenbahn, die bei der Haltestelle Höschgasse anhielt, strömten weitere Menschenmassen zur Blatterwiese beim Chinagarten – bewaffnet mit Kartons, Tragtaschen und Einkaufswagen voller Bierdosen, Weinflaschen und Spirituosen.“ Gegen Mittenacht schwoll die Menge auf 3000 an. Am nächsten Morgen bot sich den Zürchern ein ernüchterndes Bild: Abfallberge, Erbrochenes, Bierleichen.

Friedliches Zusammentreffen oder Massentrinkgelage?

Die meisten Trinker sind junge Männer – etwa der siebzehnjährige Jan Fröhlich. Der Teen hatte das Zürcher Botellon organisiert. Doch je größer der Zulauf wurde, desto fahriger reagierte Jan Fröhlich. Schließlich ließ er per Internet wissen: „Durch die einseitige, ungenaue und zum Teil falsche Berichterstattung der Medien, welche aus einem friedlichen Zusammentreffen ein Massenbesäufnis herbeigeschrieben haben, bin ich in eine Situation gekommen, in welcher ich den Aufruf zu diesem Botellon nicht mehr verantworten kann.“

Sind also die Medien schuld? Der Soziologieprofessor Kurt Imhof gibt den Journalisten zumindest eine Teilschuld. „Nach der Medienberichterstattung müssen nun alle Jugendlichen hin“, sagte er in einem Interview. „Wichtig für sie ist nicht mehr das Besäufnis, sondern der Kick der allgemeinen Empörung.“ Schließlich gab Imhof zu Protokoll: „Jugendliche macht Massenbesäufnisse! Ihr könnt viel Dümmeres tun. Allerdings auch Klügeres.“

Die Aussagen des Professors trieben vielen Eidgenossen die Zornesröte ins Gesicht. Der Gelehrte Imhof solle einmal „eine verkotzte Notaufnahme eines Spitals inspizieren“, hieß es in einem Leserbrief. Die Politiker hingegen stehen dem kollektiven Streben nach dem Vollrausch fassungslos gegenüber. Verbote? Massive Polizeieinsätze gegen Jugendliche? Bundespräsident Pascal Couchepin riet zum Dialog mit den Trunkenbolden.

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