Brände in Kalifornien : Feldbetten und Clowns im Stadion

Im kalifornischen San Diego haben Tausende im Qualcomm-Stadion Zuflucht vor dem Flammeninferno gefunden. Dort herrscht eine Mischung aus Ferienstimmung und Fatalismus.

Barbara Munker[dpa]
071024qualcomm Foto: AFP
Das Qualcomm-Stadion in San Diego -Foto: AFP

San DiegoAuf langen Wühltischen stapelt sich Kleidung, daneben türmen sich Spielsachen auf. Ein paar Schritte weiter werden riesige Mengen Sandwiches, Hamburger und Kekse serviert. Es wirkt wie eine Mischung aus Flohmarkt und Sommerfest, wären da nicht die vielen Gesichtsmasken, mit denen sich Tausende gegen den feinen Aschestaub in der heißen Luft schützen. Auch fühlt es sich schon am frühen Nachmittag wie beim Sonnenuntergang an, wenn der Himmel orangerot glüht. Überall hängt Rauch in der Luft. "Willkommen im Qualcomm-Stadion", empfängt ein Schild die Besucher. "Hier bitte anmelden". Das gilt für die über zehntausend Menschen, die in dem Sportstadion in San Diego Zuflucht vor dem Flammeninferno in Südkalifornien gesucht haben.

Hibo Bonaya hat es sich mit ihren vier Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren auf Feldbetten bequem gemacht. Es ist das erste große Feuer, das die 27-jährige alleinerziehende Mutter aus Äthiopien in ihrer kalifornischen Wahlheimat erlebt. "Lauf, lauf" hätten ihr die Nachbarn in Rancho Bernardo am Montagmorgen zugerufen. Sie habe gerade Zeit gehabt, ihre Papiere, eine Milchflasche, Windeln und die Kinder ins Auto zu packen und zu fliehen. Der achtjährige Simon findet die riesige Notunterkunft "einfach großartig". Er folgt einem Clown auf Stelzen durch die Menge und spielt mit einer neuen Freundin Verstecken.

"Keine Ahnung, ob mein Haus noch steht"

Die 28 Jahre alte Sprachtherapeutin Brooke Laughlin zählt zu den mehr als 1500 freiwilligen Helfern, die Essen verteilen, aber auch Yogastunden geben, dolmetschen, Zelte aufbauen und einfach zuhören. "Einige Leute sind total gut drauf, auch wenn sie vielleicht alles im Feuer verloren haben, andere sind am Boden zerstört", sagt sie.

"Keine Ahnung, ob mein Haus noch steht", erzählt Neil Rubin, während er sich Akupunkturnadeln in den Nacken stechen lässt. Mit nacktem Oberkörper sitzt der 44-jährige Buchhalter entspannt auf einem Klappstuhl und genießt die Behandlung, natürlich zum Nulltarif. Rubin hatte schon das schwere Feuer im Jahr 2003 in San Diego erlebt. "Damals wurde ich gleich zwei Mal evakuiert. Mit Feuern und Erdbeben muss man hier eben leben, so wie die Leute im Osten Schneestürme und im Süden Hurrikane und Tornados haben", sagt er lakonisch. Die Akupunktur-Studentin Jenna Depino erzählt: "Ich wollte etwas tun und den Leuten helfen, statt zu Hause auf dem Fernseher die Brände anzuschauen."

Im Handumdrehen hatten die Behörden das Football-Stadion in ein Auffanglager mit Matratzen, Decken, Lebensmitteln und vielen Hilfsleistungen verwandelt. "Anders als bei früheren Katastrophen haben wir hier dafür gesorgt, dass die Leute vor Ort, der Staat und die Bundesbehörden ganz schnell handeln", erklärte Gouverneur Arnold Schwarzenegger nach einem Rundgang durch das Stadion.

"Kein zweites Katrina-Drama"

Wo der "Gouvernator" auftritt, zücken Menschen ihre Handy-Kameras für einen Schnappschuss und applaudieren. Dies sei "kein zweites Katrina-Drama", sagt die Helferin Brooke Laughlin. Vor zwei Jahren hatten sich nach Hurrikan "Katrina" zehntausende Flüchtlinge vor den Fluten in New Orleans in den "Superdome" gerettet und in dem Football-Stadion tagelang in chaotischen Verhältnissen, ohne ausreichend Essen und Trinken gehaust.

Bewaffnete Nationalgardisten mischten sich am Dienstag unter die Flüchtlinge in Kalifornien. Gab es aus einigen Ortschaften Berichte über Plünderungen, so blieb es in der Evakuierungs-Hochburg San Diego ruhig. "Keine Verhaftungen, keine Vorfälle, keine Probleme, alles ruhig", versicherte George Biago, Pressesprecher von San Diegos Bürgermeister Jerry Sanders.

Laut geht es in einem Camp am Parkplatz vor dem Stadion zu, wo mehr als 200 Haustiere von freiwilligen Helfern versorgt werden. "Wir haben von allem ein bisschen: Pferde, Vögel, Eidechsen, Katzen, Hunde, Ratten und Kaninchen", zählt die Tierschützerin Becky Olivier auf. "Nicht nur ihre Besitzer haben Stress", sagt die Pflegerin. Vor allem die kreisenden Hubschrauber schreckten die Pferde und Hunde auf.

Angst vor der Rückkehr

"Wir wollen den Menschen hier den Aufenthalt so angenehm machen wie Vorzugsgästen in einem 5-Sterne-Hotel", verspricht Biago. Doch die schlechten Nachrichten treffen auch im Qualcomm-Stadion ein. "Das ist die traurige Kehrseite, wenn wir bald lange Listen mit den Adressen der abgebrannten Häusern aushängen". Hibo Bonaya will am Donnerstag noch einmal versuchen, zu ihrem Haus zu kommen. Am Dienstag musste sie an den Absperrungen umdrehen. "Eigentlich graut es mir davor", sagt die 27-Jährige. "Was mache ich denn, wenn nichts mehr da ist?"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben