Welt : Brand im Moskauer Fernsehturm: Keine Hoffnung mehr für die Eingeschlossenen

Elke Windisch

Für ihren zehnten Hochzeitstag hatten Irina und Arkadij lange gespart. Man gönnt sich ja sonst nichts, fand Irina und schlug ihrem Mann ein Festessen im siebten Himmel vor. Der siebte Himmel liegt in Moskau in einer lichten Höhe von 340 Metern und ist Restaurant des Fernsehturms im Stadtteil Ostankino. Über die Vorspeise - Eierkuchen mit rotem Kaviar und ein Glas Sekt - kamen die beiden jedoch nicht hinaus. Die Düfte aus der Küche überlagerte plötzlich beißender Geruch, wie er beim Verbrennen von Plastik entsteht. Plastik brannte in der Tat und das gleich in Massen: Die Ummantelung des Hauptkabels, das zur Antenne des Sendemastes führt, hatte sich entzündet. Dicker, beißender Rauch waberte den Schacht hoch, in dem sich das Feuer langsam, aber stetig in Richtung siebten Himmel fraß. "Wir waren vor Schreck alle wie gelähmt", sagt Irina. Nur dadurch, meint sie, sei Panik vermieden worden.

Ausnahmsweise trafen Feuerwehren und Rettungsmannschaften aus dem Ministerium für Katastrophenschutz schon wenige Minuten nach der Katastrophe am Unglücksort ein. Gut zwanzig Minuten später begann die Evakuierung der Gäste aus dem Restaurant. Über 2000 Stufen Wendeltreppe. Durch Rauch und Funkenregen. Als Irina und Arkadij endlich unten sind, brauchen sie mehrere Minuten, bis das Bild vor ihren Augen wieder gerade und still steht. Die ganze Nacht, sagt Irina, die Migräne hat und gestern nicht zur Arbeit ging, habe sich in ihrem Kopf alles weiter gedreht und mehrmals stand sie auf, um sich zu erbrechen.

Irina ist fest davon überzeugt, dass an allem das Schaltjahr schuld ist. Bloß, fragt sie ratlos, warum immer wir. In der Tat: Moskau erlebt trotz Regen und Kälte wieder mal einen heißen Sommer: Anfang August der Sprengstoffanschlag im Fußgängerlabyrinth unter dem Puschkin-Platz mit Dutzenden Toten, Verletzten und Verstümmelten. Das Land hat den Schreck noch nicht verdaut, als erste Meldungen vom Unglück des Atom-U-Bootes Kursk das Fernsehen erneut zu stündlichen Sondersendungen zwingen. Dort ist man mit Folgen und Ursachenforschung noch vollauf beschäftigt, als Agenturen am Sonntagnachmittag den Brand des Fernsehturms melden. Doch in den Nachrichtenstudios löst die Eilmeldung keinerlei Hektik aus. Im Gegenteil: Die diensthabenden Chefs schicken ihre Mannschaften zum Ausschlafen nach Hause: Im Äther geht nichts mehr. Kurz vor sechs Uhr Ortszeit wird es landesweit auf den Bildschirmen dunkel.

Der Brand hat die Sendefunktion des Fernsehturms vollständig außer Kraft gesetzt. Das Fernsehen kann daher nicht berichten, was der Inhalt der Nachrichtensendungen sein müsste: Die Moskauer Feuerwehr hat am Montagnachmittag den Brand im Fernsehturm gelöscht. Trotzdem sank die Hoffnung, mehrere in dem knapp 540 Meter hohen Turm eingeschlossene Menschen noch lebend zu retten. Ein Sprecher des Ministeriums für Katastrophenschutz sagte, in einem Fahrstuhlschacht seien Leichenteile gefunden worden. Nach Angaben eines Vermessers beeinträchtigte der Brand die Statik des Gebäudes, das sich zwei Meter zur Seite neigte.

Es gab widersprüchliche Angaben über die Zahl der eingeschlossenen Personen. Laut Feuerwehr waren drei Menschen in einem Fahrstuhl eingeschlossen; das Katastrophenschutzministerium sprach von vier Personen, russische Nachrichtenagenturen dagegen von zwei. Der Fahrstuhl konnte von den Rettungskräften nicht erreicht werden; es wurde vermutet, dass die Menschen am Rauch erstickten.

Der stellvertretende Feuerwehrchef Wjatscheslaw Mulischkin sagte, die stählernen Aufhängungskabel im Inneren des Turms seien beschädigt worden und bedrohten möglicherweise das gesamte Bauwerk. "Die Kabel sind geschwächt, aber nicht gebrochen", erklärte er. Das automatische Löschsystem des Turm versagte offenbar. Möglicherweise ging auch der Löschschaum aus. Die etwa 300 Feuerwehrleute mussten ihr schweres Gerät Hunderte von Stufen den Turm hinauftragen. Ein Hubschrauber umkreiste den Turm, offenbar, um das Ausmaß der Schäden festzustellen.

Anders als beim Unglück des Atom-U-Boots "Kursk" vor zwei Wochen nahm Präsident Wladimir Putin diesmal sofort Stellung zu dem Unglück. "Dieser Notfall unterstreicht, in welchem Zustand lebenswichtige Einrichtungen sind - genau wie die gesamte Nation", sagte er bei einem Kabinetttreffen am Montag. "Nur wirtschaftlicher Fortschritt wird uns in die Lage versetzen, solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden".

Der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow räumte ein, dass von den beschädigten Betonteilen eine Gefahr für den Turm ausgehe. Zuvor hatte er erklärt, das 55 000 Tonnen schwere Bauwerk könne nicht einstürzen. Er kündigte an, das Gebiet mit einem Radius von 500 Metern um den Turm zu sperren. Schaulustige, die sich am Sonntagabend im Park um den Turm versammelt hatten, wurden von der Polizei vertrieben.

Die Moskauer, die von der Datsche oder vom Pilze suchen nach Hause kommen, lassen ihre Wut über den dunklen Fernseher zuerst an den lieben Nächsten aus. "Du mit deiner technischen Unbedarftheit hast wieder mal auf den falschen Knopf der Fernbedienung gedrückt und alle Programme gelöscht", schimpft Diplomingenieur Sergej. Ehefrau Raissa bleibt nichts schuldig: "Wer hat denn am Freitag die Glotze spät in der Nacht ausgemacht, weil er unbedingt die Erotik-Show sehen musste?" Dann wird Scharik, der Hund verdächtigt. Der, so vermuten beide, könnte aus Langeweile das Antennenkabel angeknabbert haben. Des Rätsels Lösung erfahren sie wenig später aus dem guten alten Radio in der Küche: Nicht ohne Häme verkündet die Radiokonkurrenz, dass die Glotze für wenigstens eine Woche keinen Mucks mehr von sich geben wird.

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