Brand in Ludwigshafen : Aleviten fordern türkische Medien zur Mäßigung auf

Die Opfer gehören der diskriminierten Glaubensgemeinschaft an. Ihr Generalsekretär warnt vor fahrlässigen Spekulationen.

Thomas Seibert[Istanbul]

Die Brandkatastrophe lässt den Streit zwischen Türken und den in der Türkei diskriminierten Aleviten aufflammen. Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, erklärte am Mittwoch, bei den Opfern in Ludwigshafen handele es sich um Mitglieder der alevitischen Glaubensgemeinschaft. Heftige Kritik richtete er an die türkischen Medien. „Fahrlässige Spekulationen in den türkischen Medien, die ohne eine hinreichende Grundlage über einen fremdenfeindlichen Hintergrund als Brandursache mutmaßen, vermitteln ein falsches Deutschlandbild, führen zur gesellschaftlichen Spaltung und schaden der Integration“, heißt es in einer Stellungnahme. „Der tragische Tod von Menschen eignet sich nicht für hetzerische Spekulationen durch die türkische Medien. Die türkischen Medien sind gut beraten, die Ergebnisse der polizeilichen Untersuchungen abzuwarten und von einer Spaltung der Gesellschaft in Täter- und Opfergemeinschaften abzusehen.“ Der Wunsch der Türkei, eigene Experten mit der Ermittlung der Brandursachen zu betrauen, sei befremdlich und schüre Misstrauen gegenüber „unseren deutschen Behörden“. Toprak: „Wir haben volles Vertrauen in unsere deutschen Ermittler und können den Misstrauen der Türkei in die Arbeit unserer Behörden in Deutschland nicht nachvollziehen. Solche Forderungen verunsichern die in Deutschland lebenden Migranten und belasten deren vertrauensvolles Verhältnis zu den deutschen Behörden. Die türkischen Ermittler und Staatsminister sind gut beraten, ihre Hausaufgaben zunächst in der Türkei zu machen. Die Brandanschläge auf Aleviten in der türkischen Stadt Sivas im Jahre 1993, bei der 37 Menschen ums leben kamen, warten bis heute noch auf Aufklärung.“

Für einen Großteil der türkischen Medien steht bereits fest, dass Neonazis das Haus anzündeten. „NaziVerdacht", titelte die Boulevard-Zeitung „Sabah“ am Mittwoch. Plötzlich sehen die Türken überall in Deutschland finstere Kräfte am Werk: Der Brand eines anderen vorwiegend von Türken bewohnten Hauses in Deutschland – in Herne – wird ebenfalls als rechtsradikaler Anschlag eingestuft, ohne dass dies durch Ermittlungen gestützt wird. „Sabah"-Chefredakteur Ergun Babahan betonte in einem Kommentar zwar, er hoffe nicht, dass es ein Anschlag gewesen sei. Sollte es aber so gewesen sein, trügen jene europäischen Politiker die Verantwortung, für die Türken und die Türkei als „völlig außerhalb der eigenen Werteordnung“ stünden. Die Zeitung „Vatan“ informierte ihre Leser über die jüngsten ausländerfeindlichen Kampagnen deutscher Rechtsradikaler. Dass nur kurz nach dem Brand in Ludwigshafen auch in einem türkischen Wohnhaus in Herne ein Feuer ausbrach, gilt als weiterer Hinweis auf anti-türkische Umtriebe in der Bundesrepublik. Selbst die deutsche Polizei sei angesichts der plötzlichen Häufung der Brände geschockt, berichtete eine Zeitung.

So setzt sich in der türkischen Öffentlichkeit schnell ein stimmiges Bild zusammen. Dabei sind die Zeugenaussagen der beiden türkischen Mädchen, die in Ludwigshafen von einem deutschen Brandstifter berichteten und der inzwischen bekannt gewordene Anschlag auf das Haus im Jahr 2006 nicht die einzigen Indizien. Verwandte der Opfer in der Türkei berichten von rechtsradikalen Drohungen gegen die türkischen Hausbesitzer in Ludwigshafen; auch eine rechtsradikale Parole an einer Wand wird als Beweis für eine Täterschaft von Rechtsetxremisten gesehen. Die Zeitung „Yeni Safak" bezeichnete die Ermittlungskommission der deutschen Behörden schlicht als „Nazi-Kommission", als Kommission, die Nazis aufspürt.

Zurückhaltender äußerte sich der für die Auslandstürken zuständige Staatsminister Said Yazicioglu, der am Mittwoch den Brandort und die Angehörigen der Opfer besuchte. Die Polizei gehe allen Spuren nach, und die türkische Regierung behalte die Entwicklung genau im Auge, sagte der Minister im türkischen Fernsehen. Spannungen seien fehl am Platz.

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