Brand in Ludwigshafen : Eine Spur des Misstrauens

Das Rätselraten um den verheerenden Brand in Ludwigshafen geht weiter. Ein Anschlag wird von den Ermittlern nicht ausgeschlossen. Türken haben offenbar einen Feuerwehrmann angegriffen. Bei vielen liegen die Nerven blank.

Hannes Heine[Ludwigshafen]
Ludwigshafen
Die Fassade des in Brand geratenen Hauses in Ludwigshafen. -Foto: dpa

Viele Gerüchte, manche Vermutung, wenig gesichertes Wissen – in Ludwigshafen herrscht eine neue Unübersichtlichkeit. Noch ist die Ursache des verheerenden Hausbrands mit neun Toten und 60 Verletzten nicht geklärt, doch die Erinnerung an Brandanschläge auf Ausländer in Solingen und Mölln wirkt nach: Die Nerven liegen mancherorts blank. So griffen gestern junge Türken einen Feuerwehrmann vor der Brandruine an und verletzten ihn. Hintergrund waren offenbar Gerüchte in türkischen Medien, nach denen die Feuerwehr viel zu spät am Brandort angekommen sein soll. Die Staatsanwaltschaft erklärte dazu, eine Prüfung habe ergeben, dass die ersten beiden Löschzüge nach zwei Minuten am Ort waren, drei Minuten später seien sechs zusätzliche Löschzüge dort gewesen.

Doch wenn Polizei und Staatsanwaltschaft auch am Mittwochabend noch keine weiteren Hinweise auf einen Brandanschlag haben, so hat sich doch so mancher schon ein Urteil gemacht. Zudem an dem Haus das aufgesprühte Wort „Hass“ mit SS-Runen gefunden wurde. Es ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft älteren Datums und hat mit dem Brand direkt nichts zu tun. Vor mehreren Jahren gab es in diesem Eckhaus einmal eine Kneipe, die von rechtsradikalen Skinheads besucht wurde. Die Polizei ermittelt aber vorsorglich auch in diesem Umfeld.

Bosan aber, 26 Jahre alt und Mechaniker bei BASF, dem Chemiekonzern, von dem viele der knapp 9000 Türken in Ludwigshafen leben, traut den deutschen Behörden nicht. Zu schnell hätten Politiker kurz nach der Katastrophe gesagt, es gebe keinen fremdenfeindlichen Hintergrund, sagt er. Seit drei Tagen nun wartet er schon am Absperrgitter vor der Brandruine, zusammen mit unzähligen Kamerateams, Fotografen und Polizisten: Vier türkische Ermittler und zwei belgische Schäferhunde sind seine große Hoffnung. Er zeigt sich erleichtert, als die Spezialisten aus Ankara zusammen mit dem türkischen Minister Yazicioglu am Mittwoch in Ludwigshafen eintreffen. Sie wollen den deutschen Beamten helfen, den Tod von neun türkischen Kindern und Frauen zu untersuchen, die kurz nach dem traditionellen Fastnachtsumzug am Sonntagabend starben, als ihr Haus in den Flammen aufging. Noch immer steigt Rauch aus der Ruine auf.

„Verdächtig“, findet Bosan, dass die Aussage eines neunjährigen Mädchens, noch immer nicht vollständig ausgewertet worden sei. Das Mädchen habe einen Mann im Treppenhaus zündeln gesehen, bestätigen mehrere Vertreter der Türkischen Gemeinde, die mit dem Kind gesprochen haben. Ein Phantombild sei geplant, hieß es von Polizisten. „Immerhin etwas“, sagt Bosan und setzt missmutig seine Kapuze auf – in Ludwigshafen ist der Himmel seit Sonntag mit grauen Regenwolken verdeckt.

Erstmals dürfen am Mittwoch Ronja und Balu in das Haus: Die belgischen Schäferhunde können winzige Reste von Brandbeschleunigern riechen. Doch die Beamten sind nervös, rufen die Hunde zurück: Trotz des Regens steigt Qualm aus dem Haus auf. Verbrennt sich einer der Hunde die Pfoten, fällt er bei der Spurensuche aus. „Das war ein Höllenfeuer, so heiß, dass es immer noch schwelt“, sagt eine Nachbarin.

Bosan wohnt nicht weit weg vom Danziger Platz, wo das vierstöckige Haus brannte. Er hat sich frei genommen. Er solle lieber wieder zur Arbeit gehen, hätten ihm seine Eltern gesagt. Die Rummel um den Brand sei nicht gut für die Stadt, glauben sie. Die türkische Boulevardpresse habe das Unglück hochgespielt und damit zum Spielball politischer Auseinandersetzungen gemacht, sagt ein Mitarbeiter der Landesregierung, der nicht genannt werden möchte.

Die Sonderkommission von Ludwigshafen umfasst 50 Beamte. Die Polizei bestätigt, dass das Haus vor eineinhalb Jahren Ziel eines Anschlags war. Unbekannte warfen in der Nacht im August 2006 zwei Brandsätze in das Vereinslokal im Erdgeschoss, die schnell gelöscht werden konnten. Die Ermittlungen blieben erfolglos, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren damals ein. „Nun haben wir die Akten wieder rausgeholt“, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft, Lothar Liebig, dem Tagesspiegel.

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