Brandenburg : Auf den Spuren eines Sexualstraftäters

Überall anderswo ist man ihn losgeworden. Bis er schließlich dorthin kam, wo man seine Nähe am allerwenigsten aushält: in die Mitte eines Brandenburger Ortes, in die Mitte der Gesellschaft – die keine Antwort hat auf die Frage, wo ein als gefährlich geltender Sexualstraftäter wie Werner K. leben soll

Verena Mayer
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Die Angst der Nachbarn. Protest von Anwohnern in Joachimsthal. -Foto: imago/Thomas Lebie

JoachimsthalDas Haus, in dem der Mann wohnt, der vier Frauen vergewaltigt hat, liegt mitten im Ort. Zwei Minuten sind es zum Hauptplatz, zur Kirche von Schinkel und den renovierten Gebäuden, auf die man hier so stolz ist. Joachimsthal, 70 Kilometer nördlich von Berlin, sieht aus wie ein Playmobil-Ort, mit Wäldern rundherum und einem graublauen See. In diesem Jahr nun ist Werner K. nach Joachimsthal gezogen, der derzeit wohl bekannteste Sexualverbrecher Deutschlands. 22 Jahre seines Lebens hat er im Gefängnis gesessen. Danach wollte man ihn in Sicherungsverwahrung nehmen, denn Werner K. gilt als gefährlich. Das verhinderte jedoch der Bundesgerichtshof aus formalen Gründen, und K. kam frei.

Der 50-jährige Maurer lebt im alten Haus seiner Eltern. Es ist außen grau und baufällig, war innen lange voller Gerümpel. Von der Playmobil-Welt aus betrachtet ist es ein Schandfleck, genau wie Werner K., den man so schnell wie möglich wieder weghaben möchte. Seit Monaten demonstrieren die Joachimsthaler gegen Werner K., sie haben eine Bürgerinitiative gegründet und die Medien auf den Plan gerufen. Die Behörden suchen einen Platz für Werner K., eine Klinik, eine Therapie, irgendeinen Ort, an dem er betreut wird. Bis jetzt vergeblich. Keiner will ihn aufnehmen, zwei Einrichtungen hat Werner K. bereits wieder verlassen. Vorvergangenen Freitag schließlich sind 20 Neonazis mit Fackeln vor Werner K.s Haus gezogen und haben gegrölt: „Gebt mir einen Stock, gebt mir einen Stein, schlagt ihm den Schädel ein.“

Langsam fährt ein Streifenwagen durch die Straße. K. wird rund um die Uhr von der Polizei bewacht, mindestens bis Mai nächsten Jahres. Ein Paar läuft schnell und mit gesenktem Blick an dem Haus vorbei. So, als wäre das Problem nicht da, solange man sich nicht damit befasst.

An Werner K. ist nichts abnormes

Die Fall Werner K. ist eine lange Geschichte des Wegschiebens und Verdrängens. Aufgewachsen ist er in ländlichen Verhältnissen, mit drei Schwestern, von denen nur eine keine Probleme in der Schule hatte. K. wurde in ein Sonderschulinternat gesteckt, machte eine Teillehre als Maurer und arbeitete als Betonbauer in einem Kombinat in Schwedt. Als 17-Jähriger wurde er beim Stehlen erwischt, ein Jahr später bekam er wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ein Jahr Jugendstrafe. Dann, eines Abends, stieß er eine Frau vom Fahrrad und vergewaltigte sie. Er wurde zu zweieinhalb Jahren verurteilt, kam frei, vergewaltigte eine Frau, die er auf dem Heimweg von der Arbeit sah. Er saß wieder ein, kam frei, vergewaltigte wieder, eine Frau, die im Wald von Joachimsthal an ihm vorüberging.

Einige Medien bezeichnen Werner K. als „Sexbestie“. Bestien sind etwas Abnormes, man kann sie bezwingen, wenn man sie nur bekämpft. An Werner K. ist nichts Abnormes. Er ist nicht krank und nicht schwachsinnig, das haben psychiatrische Gutachter mehrfach festgestellt. Er habe seine Opfer nicht einmal besonders quälen oder gar verletzen wollen. K. wird als wortkarg, verschlossen und gehemmt beschrieben, als jemand, der sich allen Anforderungen entzieht und unfähig ist, mit Frauen in Kontakt zu treten. „Der klassische Vergewaltiger“, sagt ein Gutachter.

Fotos zeigen einen dicklichen Mann mit Schnauzer, K. gilt als handwerklich geschickt, ansonsten misstrauisch und auf sich selbst bezogen. Einmal wurde er von der Polizei erwischt, als er von einer Baustelle an einer Autobahnbrücke 300 Klinkersteine entwenden wollte.

Wegsperren wäre am einfachsten

Nach jeder Haftentlassung lebte K. weiter, als sei nichts gewesen. Er ging zurück an seinen Arbeitsplatz im volkseigenen Betrieb und zu seiner Familie. Zu Hause wurde nicht viel geredet, schon gar nicht über Sexualität. Die Mutter schob seine Taten darauf, dass er als Siebenjähriger beim Spielen von einem Trecker gefallen war und sich am Kopf verletzt hatte. Die Eltern gingen dazu über, jeden seiner Schritte zu überwachen, man hatte dem Opa auf dem Sterbebett versprochen, „auf den Werner aufzupassen“. Fortan musste K. sagen, wo er hinging, und sich melden, wenn er bei Freunden war. Alle wussten Bescheid, ausgesprochen hat niemand etwas. Am wenigsten Werner K. Bei der Polizei gab er so viel zu, wie man ihm nachweisen konnte. Wie die meisten Vergewaltiger behauptete er, die Frauen hätten mitgemacht.

Eine „ungesunde, von Verschweigen und Verdrängen geprägte Atmosphäre“ nannte es ein Gericht. Seine Eltern versuchten, eine Freundin für ihn zu finden, K. fand sie zu hässlich. So oft er konnte, entzog er sich der Familie und fuhr mit seinem VW Jetta durch die Gegend. Am Pfingstsonntag des Jahres 1998 war er wieder unterwegs. Im Handschuhfach hatte er eine Schreckschusspistole, Handschellen und ein Seil. Am Sabinensee, 50 Kilometer nördlich von Joachimsthal, stieg gerade eine Urlauberin aus dem Wasser. Eine junge Frau, „glücklich und gelöst und völlig ohne Furcht“, wie es später vor Gericht hieß, das Werner K. zu neun Jahren Haft verurteilte. Noch lange nach der Tat konnte sie nicht ohne Angst aus dem Haus. K. schob alles von sich, seine Mutter log im Prozess, er sei den ganzen Tag bei ihr zu Hause gewesen.

Was tun mit einem solchen Täter? Wegsperren wäre am einfachsten. Den Mann aus den Augen der Öffentlichkeit verschwinden lassen, so, als gäbe es ihn nicht. Die Justizbehörden taten alles, um K. nachträglich in Sicherungsverwahrung zu nehmen. Der Bundesgerichtshof lehnte das jedoch ab, aus Gründen, die kompliziert sind, aber an denen nicht zu rütteln ist. Als Werner K. im Frühjahr aus der Haft kam, war er ein freier Mann.

Keiner will das Problem vor der eigenen Tür haben

Er wurde erst von sozialen Diensten betreut und war dann eine Zeit lang freiwillig im offenen Vollzug einer Justizvollzugsanstalt. Sogar in die Psychiatrie wies man ihn ein. Die Ärzte schickten ihn nach drei Tagen wieder weg, K. war nicht psychisch krank. Er ging erst zu einer Tante, dann zurück nach Joachimsthal. Ohne Einsicht und stark rückfallgefährdet. „Eine tickende Zeitbombe“, sagt einer seiner Betreuer.

Thomas Melzer, Sprecher im brandenburgischen Justizministerium, versucht seit Monaten, die Bombe zu entschärfen. Melzer war früher Richter und hatte selbst mit Sexualverbrechern zu tun. Er kennt ihre Taktiken des Ausblendens und Beschönigens. Ihr Selbstbild sei das Letzte, was diesen Männern noch bleibe, sagt Melzer. Er redet bedächtig, so, als müsse er jedes Wort abwägen wie ein Urteil. „Taten zuzugeben, das ist ein selbstzerstörerischer Schritt, den keiner freiwillig macht. Aber dieser Weg muss gegangen werden.“ Also Therapie. Im Justizministerium begann man, einen Platz für K. zu suchen, telefonierte, schrieb Briefe.

Vor Melzer liegt ein Packen Papier, Absagen oder Unterschriftenlisten. Endlich fand sich eine Wohngruppe in Stralsund, die Werner K. aufnahm. Doch die Medien bekamen Wind von der Sache, es gab Widerstand, und K. musste wieder gehen. Sein Fall erinnert weniger an eine tickende Bombe als an einen Atommülltransport. Alle wissen, dass das Problem in der Welt ist, und alle wollen es nicht vor der eigenen Tür haben.

Aufgenommen wurde Werner K. schließlich auf Schloss Zahren. Es liegt am Rand des Müritz-Nationalparks in Mecklenburg-Vorpommern, weit ab von allem. Das Blaue Kreuz, eine Einrichtung des Diakonischen Werks der evangelischen Kirche, betreut hier Drogensüchtige und Alkoholkranke. Leute, die aus der Haft kommen und nicht wissen, wo sie hin sollen, gescheiterte Existenzen, Männer mit langen Strafregistern. Werner K. nahm am Leben teil, er sah mit den anderen fern oder machte in der Turnhalle Sport. Er begann eine Therapie, einzeln und in der Gruppe. Zum ersten Mal in seinem Leben sprach er von seinen Taten und von seiner Schuld.

Kann es Werner K. überhaupt schaffen?

Uve Simon leitet Schloss Zahren. Er ist 64, hat als Theologe und Gefängnispastor gearbeitet. Simon spricht mit dröhnender Stimme, er hat eine raubeinige Art, an den Menschen zu glauben, obwohl ihm nichts Menschliches mehr fremd ist. Uve Simon war zufrieden mit K. Er habe Einsicht gezeigt und wollte sich sogar freiwillig eine „elektronische Fußfessel“ anlegen lassen, erzählt Simon. Er sagt: „Wenn er Ruhe hat und die Therapie macht, bin ich sicher, dass er es schafft.“

Doch dann ging wieder alles von vorn los. Die Anwohner protestierten gegen K., die Medien schrieben über die „Sexbestie“. Die Landrätin des Landkreises Müritz sah die Bevölkerung und den Tourismus gefährdet und intervenierte bei den zuständigen Ministerien, Werner K. wegzuschaffen. „Ich bin bereit zu einer Therapie. Warum geht das nicht in Zahren, wo mich Menschen verstehen und ich ihnen vertraue?“, schrieb Werner K. in krakeliger Schrift auf ein Blatt Papier. Dann verließ er den Ort, an dem er vermutlich das erste Mal in seinem Leben gut aufgehoben war. Er kehrte zurück nach Joachimsthal. Dort wird er gemieden und überwacht. Die verängstigten und aufgebrachten Anwohner filmen jeden seiner Schritte mit dem Handy.

Kann es einer wie Werner K. überhaupt schaffen? Matthias Lammel seufzt, er hasst solche Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Lammel ist Psychiater und hat in einem Gutachten festgestellt, dass K. gefährlich sei. „Wenn er bereit ist, zu reden, und selbstkritisch ist, gibt es immer die Möglichkeit einer Verhaltenskorrektur“, sagt Lammel. Er sitzt in einem schwarzen Ledersessel in seinem Arbeitszimmer, am antiken Bücherschrank gegenüber hängt eine Postkarte mit dem Spruch: „Ich würde meine Fehler gerne zugeben, wenn ich welche hätte.“ Matthias Lammel hält in seinen Gutachten über Täter oft fest, dass jeder Erkenntnisprozess damit beginne, „dass man sagt: Ich habe es getan. Ich schiebe es nicht auf den Alkohol und nicht auf die anderen – ich selbst bin es gewesen“.

Vielleicht ist es ja das: So wie ein Täter sich zu seinen Taten bekennen muss, so muss eine Gesellschaft mit ihren Straftätern leben. Selbst wenn es Leute sind wie Werner K., die keiner gern in seiner Nähe hat.

Werner K.: Ich will aufräumen in meinem Leben

Im brandenburgischen Justizministerium telefoniert sich der Referent, der einen Therapieplatz für K. finden soll, noch immer die Finger wund. Ein Therapeut aus Schloss Zahren kommt jetzt mehrmals im Monat nach Joachimsthal, er verlangt nicht einmal Geld dafür. Werner K. hat inzwischen das Haus entrümpelt, ein Bad eingebaut und Rollläden. „Ich will aufräumen in meinem Leben“, schreibt er. Alle Versuche, ihn wegzubekommen, haben ihn dorthin zurückgebracht, wo man ihn am wenigsten haben will. In die Mitte eines Ortes, in die Mitte der Gesellschaft.

Um für solche Fälle gewappnet zu sein, ist das Land Brandenburg nun selbst aktiv geworden. Eine eigene Einrichtung soll gegründet werden, in der Leute wie K. von einem Therapeuten betreut werden können. Mit Hochdruck begann das Ministerium, ein Gebäude zu suchen. Doch jede leer stehende Immobilie, die geeignet schien, war nicht mehr zu haben, sobald der Name Werner K. ins Spiel kam. Nicht einmal ein einsames Forsthaus im Wald.

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