Brandkatastrohe in Ludwigshafen : Aufklärung: Türken bleiben "skeptisch"

Nach dem katastrophalen Brand in Ludwigshafen, bei dem neun Aleviten starben, stürzen sich die türkischen Medien auf das Ereignis. Es wird spekuliert und verdächtigt. Der Nahost-Experte Ferhad Ibrahim erklärt im Interview mit tagesspiegel.de, was hinter dieser Reaktion steckt und warum sich Aleviten in Deutschland jede türkische Einmischung verbitten.

Türkische Medien berichten in großer Aufregung über die Ereignisse aus Ludwigshafen. Was steckt dahinter?



Die türkischen Medien berichten schon differenziert über den Fall. Die Presselandschaft ist sehr bunt in der Türkei. Zeitungen wie "Milliyet" und englischsprachige Zeitungen wie "Turkish Daily News" und "Zaman" beschuldigen niemanden. Natürlich werden Fragen gestellt. Stehen die Nazis dahinter? Führt die Polizei die Untersuchung sachlich durch? Hat die Feuerwehr schnell genug reagiert?

Deutsche Zeitungen würden erstens dieselben Fragen stellen. Zweitens ist man in der Türkei durch die schlechten Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte sensibilisiert. Es gab viele Anschläge gegen Ausländer in Deutschland und nicht in allen Fällen hat man geklärt, wer die Täter waren. Es ist aber nicht so, wie es in Deutschland dargestellt wird. Es wird keine aggressive Stimmung in der Türkei gemacht.

Worüber wird spekuliert?

Zum Beispiel darüber, ob die deutsche Feuerwehr rechtzeitig am Unglücksort war, ob sie sich nicht aus Absicht zu viel Zeit gelassen hat. Ob sie technisch ausreichend ausgerüstet war. Das kann man leicht aus der Welt schaffen, wenn die Landesregierung Fakten vorlegt. Die Polizei kann ihre Ermittlungen nicht preisgeben. Das verlangen die Türken auch gar nicht. Aber man ist doch skeptisch und fragt sich in der Türkei, ob Deutschland überhaupt die Verursacher feststellen kann.

Woher kommt dieses Misstrauen?

Weil man bei den letzten Anschlägen in Deutschland keine konkreten Ergebnisse vorgelegt hat. Ich finde es interessant, dass die türkische Polizei bis heute nicht festgestellt hat oder nicht willens war, wer die Verursacher der Sivas-Ereignisse waren. Auch der türkischen Polizei gelingt es offensichtlich nicht immer, Anschläge aufzuklären. Da kann die türkische Presse viel sagen, auch bei der türkischen Polizei liegen Versäumnisse vor.

Die alevitische Gemeinde in Deutschland hat sich besorgt über die „Stimmungsmache“ in den türkischen Medien geäußert. Warum betrachten sie die türkische Berichterstattung nicht als Unterstützung?

Die Aleviten verstehen den Besuch des türkischen Staatsministers Recep Tayyip Erdogan als Einmischung. Genauso gilt als Einmischung, dass die Türkei Experten nach Deutschland schickt, die bei der Aufklärung helfen sollen und die Bezichtigungen der türkischen Bopulevard-Presse.

Sehen Sie, die AKP-Regierung ist nicht gerade ein Liebling der alevitischen Vertreter in Deutschland. Die AKP ist eine Partei wie die CDU. Aleviten in Deutschland tendieren mehr zum Kommunismus, zu einer Regierung, die sich ganz klar zu Atatürk bekennt und zu einer modernen Türkei in seinem Sinne. Das ist der erste Hintergrund. Der zweite ernste Hintergrund ist, dass die Polizei die Ereignisse in Sivas bis heute nicht geklärt hat. Diese negative Haltung zur AKP und die Haltung zur türkischen Polizei, beeinflussen viele Aleviten in Europa wirklich negativ. Es gab viele Skandale in der Türkei, in denen die Polizei mit radikalen und islamistischen Gruppierungen gemeinsame Sache gemacht hat. Dieser Konflikt macht sich hier bemerkbar, weil Alevisten Positionen beziehen, die eher politisch sind.

Sie glauben, dass es um politische Prinzipien geht und nicht um die Brandkatastrophe?

Alles ist politisch. Auch der Kopftuch-Streit in der Türkei ist politisch.

Wird sich die Situation hochschaukeln?

Das glaube ich nicht. Es wird nicht so aggressiv diskutiert wie bei den Ereignissen in Solingen 1993. Es ist nicht so, dass Anschläge relativiert werden, aber es gibt keine Anhaltspunkte, dass es sich um einen Anschlag von Rechtsradikalen handelt.

Wie kann man den Konflikt entschärfen?

Transparenz ist ganz wichtig. Es spricht nichts dagegen, dass türkische Experten Ludwigshafen besuchen. Man sollte einige Sachen klären, damit die türkische Boulevard-Presse keine Nahrung mehr für Spekulationen findet.

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