Brasilien : Der rätselhafte Deutsche

Zwei Wochen lang lebte ein Mann auf einem brasilianischen Flughafen und wartete auf seine Freundin. Offenbar ist der 46-Jährige Pilot und leidet unter Parkinson.

Philipp Lichterbeck

Der mysteriöse Fall des Deutschen, der zwei Wochen auf einem brasilianischen Flughafen lebte, hat sein vorläufiges Ende in der Psychiatrie der Stadt Campinas gefunden. Eine Ambulanz nahm den Mann mit, nachdem er einen psychotischen Anfall erlitten hatte und Flughafengäste aggressiv angegangen war, wie die Leitung des Flughafens Viracopos mitteilte. Der Mann, der Heinz Müller heißt und 46 Jahre alt ist, hatte sich auf dem Terminal eingerichtet, weil ihn seine brasilianische Internet-Freundin nicht mehr sehen wollte. Ein Rückflugticket hatte er nicht und lediglich 15 Reais in der Tasche, umgerechnet sechs Euro.

Brasilianische Medien, die den Fall melodramatisch ausschlachten, berichten, dass Müller einen Pilotenschein und Zertifikate der Bundeswehruniversität München besitze. Anderen Quellen zufolge ist er diplomierter Luft- und Raumfahrttechniker. Einstimmig heißt es, dass Müller unter der Nervenkrankheit Parkinson leide, im Vorruhestand sei und eine Pension erhalte. Auf Videos wirkte er angespannt und fahrig. Er gestikulierte unkontrolliert und lief in T-Shirt, Jeans und Badelatschen ziellos auf dem Flughafen umher. Auf einem Gepäckwagen hatte er seinen Besitz verstaut: zwei Taschen, zwei Koffer, ein Pappkarton und Dokumenten-Ordner.

Vor seinem Abtransport wurde Müller von der Leitung des internationalen Flughafens toleriert, der rund 100 Kilometer südwestlich von São Paulo liegt. Müller schlief auf den Flughafensitzen, wusch sich auf der Toilette und wurde von den Angestellten des Airports mit Essen versorgt. Ab und zu telefonierte Müller mit dem Handy. Das Desktopbild seines Laptops zeigt eine junge dunkelhäutige Frau mit zwei Kindern, angeblich seine brasilianische Geliebte Josiane. Auf dem Computer befinden sich wohl auch Fotos von drei Kindern, die Müller mit einer in Mexiko lebenden Frau haben soll.

Müller kam Anfang Oktober nach Brasilien, um Josiane in dem Ort Indaiatuba zu treffen. Seinen Angaben nach hatten die beiden sich im März 2009 im Internet kennengelernt. Doch als man sich nun in natura erlebte, fand die Frau offenbar, dass Müller nicht zu ihr passe und beendete die Beziehung. Dennoch will Müller in Brasilien bleiben, wie er in einer akzeptablen Mischung aus Portugiesisch und Spanisch erklärt. Deutschland sei ihm „zu blöd und zu kalt“ sagt er. Und: „Brasilien macht mich glücklich.“ Müller möchte nun ein Konto in Südamerikas größtem Land eröffnen und seine Ersparnisse aus Deutschland transferieren lassen. Dann wolle er ein Haus kaufen. Aus dem deutschen Konsulat in São Paulo heißt es, dass man Müller nicht helfen könne, solange er nicht um Hilfe bitte. Seine Dokumente sind in Ordnung, er hat ein Touristenvisum, das ihm den Aufenthalt in Brasilien bis kommenden Januar erlaubt.

Der Fall erinnert an den Japaner Hiroshi Nohara, der im vergangenen Winter drei Monate auf dem Flughafen von Mexiko-Stadt ausharrte. Oder an die Finnin, die Anfang dieses Jahres wochenlang auf den Berliner Flughäfen umherirrte. Erinnerungen werden auch an den Iraner Mehran Karimi Nasseri geweckt, der jahrelang auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle hauste. Seine Geschichte wurde von dem US-amerikanischen Regisseur Steven Spielberg in dem Film „Terminal“ verarbeitet. Tom Hanks spielte darin die Hauptrolle. Von einigen Flughafen-Angestellten in Viracopos wurde Heinz Müller deshalb Tom genannt.

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