Brasilien : "Es herrscht Bruderkrieg in den Favelas"

Der Kinofilm "Tropa de Elite" von Jose Padilha beruht auf einem dokumentarisch angelegten Roman von Luiz Eduardo Soares und zwei ehemaligen Polizisten der Spezialeinheit Bope. Soares kritisiert die Willkür der Polizei von Rio de Janeiro scharf und plädiert für radikale Reformen der Sicherheitsbehörden.

Soares Foto: Promo
Luiz Eduardo Soares will die Polizei in Rio umkrempeln. -Foto: Promo

Um die Sicherheitslage in Rio in den Griff zu bekommen, wird erstmalig auf eine permanente Präsenz der Polizei in den Armenvierteln gesetzt.

Im Juni eröffneten Polizeistationen in

den Favelas "Morro da Babilonia" und "Chapeu da Mangueira". Wird sich der Konflikt zwischen Anwohnern, Drogendealern und Polizisten durch diese Maßnahmen nicht verschärfen?



Nein, ganz und gar nicht. Die ständige Präsenz der Polizei in den Favelas soll den dort wohnenden Bürgern mehr Sicherheit bringen. Die Armenviertel sind genauso ein Teil der Stadt wie Copacabana oder Ipanema und müssen eben als solches auch behandelt werden. Bislang gab es diese Polizeiposten nur in "Santa Marta" und "Cidade de Deus". Sie werden von der Bevölkerung gut angenommen. Insgesamt gibt es aber rund 1000 Favelas in Rio. Ich halte es für besser, die Polizei in den Armenvierteln permanent anzusiedeln, als eine militärisch organisierte Spezialeinheit nur dann hinein zu schicken, wenn die Sicherheitslage es notwendig macht.   

Die Sondereinheit Bope ist speziell auf den Einsatz in den Armenvierteln trainiert, um die sich dort verschanzte schwerbewaffnete Drogenmafia zu bekämpfen. Was ist das Problem an der Bope?

Es herrschen barbarische Zustände. Die Bope trägt maßgeblich zur Unsicherheit in der Stadt bei. Die Menschen leben in ständiger Angst vor der Polizeigewalt, dennoch  bleiben sie ihr gegenüber gleichgültig. Vielleicht weil sie das wahre Ausmaß der staatlichen Willkür nicht kennen. Innerhalb der vergangenen sechs Jahre erschossen die Polizisten insgesamt 6806 Menschen. Davon wurden 65 Prozent hingerichtet.

Es bleiben wohl diejenigen gleichgültig, die sich in Sicherheit wähnen. Wer sind eigentlich die Opfer?

Allein in 2008 wurden 5717 Menschen in Rio erschossen. Die meisten waren schwarze Jungen zwischen 15 und 25 Jahre alt und wohnten in den Favelas. Insgesamt 1137 starben während eines Polizeieinsatzes.

Ja, aber die Opfer waren zuvor wohl auch Täter. Wo ziehen sie die Grenzen zwischen Selbstverteidigung und Mord?

Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Gewalt und sagen, wer am meisten unter dem Kugelhagel zu leiden hat: die normale Bevölkerung. Die Polizei geht mit äußerster Brutalität vor. Die Opferzahlen sprechen eindeutig gegen reine Selbstverteidigung der Polizisten im Einsatz. Und die andere Seite, die Drogenbarone und ihre Clans, herrschen mit Waffengewalt über den Lebensraum der Favelabewohner. Sie bestimmen wer lebt und wer stirbt, wer die Straßen der Hügel hoch laufen darf und wer nicht oder wer die Waffen des Clans unter seinem Bett zu verstecken hat.  

Die Kritiker von Jose Padilha behaupten, sein Film "Tropa de Elite" verherrliche die Gewalt der Sondereinheit Bope. Was halten Sie von der Verfilmung ihres dokumentarisch angelegten Romans?

Wie viele Millionen Brasilianer und die Berlinale Jury 2008 unter der Leitung von Costa Gavras gefällt mir der Film. Padilha entblößt die krude Gewalt, die Foltermethoden und die Erschießungen der Bope.

Woher kommt diese Brutalität der Polizisten?

Die Polizisten werden in ihren Einheiten ausgebildet, um im Glauben an die Sicherheit der Truppe gegen ihr eigenes Gewissen, gegen die Menschenrechte und gegen die Verfassung zu handeln. Es herrscht gewissermaßen ein Bruderkrieg in den Favelas, denn die Polizisten kommen aus derselben Schicht wie ihre Opfer. Sie werden zu Handlangern einer tödlichen Maschinerie des Staates, die durch inkompetente Politiker und eine fehlende zivile Sicherheitspolitik am Leben erhalten wird.

Das klingt alles nach sehr undurchschaubaren Strukturen, die für die staatliche Ordnung verantwortlich sind. Im Film werden Polizisten gezeigt, die außerhalb ihres Dienstes noch einen Nebenjob als privater Sicherheitsmann ausüben. Wie sind diese beiden Aufgaben überhaupt zu vereinbaren?

Gar nicht. Damit der Bürger der Polizei vertrauen kann, muss er sich von den privaten Sicherheitsunternehmen und den illegal bewaffneten Gruppen abgrenzen. Meines Erachtens müsste dieses Problem ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Denn der Staat muss seine Souveränität über die Ordnung und Sicherheit auf seinem Territorium sicherstellen. Zudem beruht der Rechtsstaat darauf, dass der Bürger vor staatlicher Willkür beschützt wird.

Warum tut sie das nicht?

Tatsache ist: Bundespolizei und Justizminister wissen ganz genau über die bestehenden Verhältnisse bescheid. Sie wollen nur nicht ihre eigenen Leute in ihren Nebentätigkeiten kontrollieren. Der zur Verfügung stehende Haushalt von Bund, Land und Kommune kann die staatlichen Aufgaben allein nicht erfüllen, insgeheim rechnen sie sogar mit der Aufteilung des Gewaltmonopols. Denn würde es diese Sicherheitsunternehmen nicht geben, dann würde die Ordnung in Rio de Janeiro zusammenbrechen.

Die Erschießung von acht schlafenden Straßenkindern vor den Toren der Candelaria, der Kathedrale von Rio de Janeiro, im Jahre 1993 ist das international bekannteste Massaker der Todesschwadronen. Warum bilden sich bis heute immer wieder diese illegal bewaffneten Gruppen?

Zum einen wollen viele Polizisten ihr geringes Gehalt aufbessern. Nicht nur private Sicherheitsunternehmen bieten lukrative Nebenjobs. Um keine Steuern bezahlen zu müssen, arbeiten sie oftmals schwarz. In diesem informellen Umfeld rutschen die Polizisten schnell in illegale Machenschaften ab. Schleichend verliert der Staat die Kontrolle über sein Territorium, vor allem in den westlichen Stadteilen von Rio de Janeiro und in den Vororten der Baixada Fluminense.   

Rio ist eine der schönsten Städte der Welt, betonen seine Einwohner. Spaziert man durch die Straßen der luxuriösen Wohngegenden, entlang der Strände von Ipanema und Leblon, kommen einem aber vor lauter Mauern, Überwachungskameras und privatem Sicherheitspersonal ganz andere Gedanken.

Ja, die Cariocas haben, wie sie oft selbst sagen, ihre eigenen Gefängnisse erschaffen. Sie fühlen sich auf den Straßen nicht sicher, aber auch in ihren Wohnungen nicht wohl.

Wie können die Menschen und ihre Stadt Rio de Janeiro aus diesem Ausnahmezustand herauskommen?

Der Bürger muss vor staatlicher Willkür geschützt werden. Es wird keine Verbesserung geben, solange die Stadt Rio de Janeiro nicht endlich ihre Polizisten entlässt, um neue Strukturen aufzubauen. Die Polizeibehörden sind durch und durch korrupt, selbst wenn es hunderte aufrechte Polizisten geben möge. Auf der anderen Seite geht es letztlich um eine effektive Politik der Gewaltprävention. Dazu gehören die gezielte Bekämpfung des illegalen Waffenhandels und eine erhebliche Investition in die Bildung. Solange die Doppelmoral regiert, wird dies jedoch nicht geschehen. Das zeigt sich an der Drogenpolitik. Die Wohlhabenden bekämpfen nicht nur die Drogenmafia auf den Hügeln, sie kaufen ihnen gleichzeitig auch noch ihr Kokain ab.

Das Gespräch führte Matthias Lehmphul. Mitarbeit Luciana Rangel.

Luiz Eduardo Soares, 1955 in Nova Friburgo im Bundesstaat Rio de Janeiro geboren, ist Anthropologe und Politikwissenschaftler. Soares lehrt an der Universität von Rio de Janeiro (UERJ). Er war Staatssekretär für Öffentliche Sicherheit unter der ersten Regierung von Präsident Luiz Ignacio da Silva von Januar 2003 bis Oktober 2003 und ist derzeit als Stadtrat für Gewaltprävention des Stadtteils Nova Iguacu in Rio de Janeiro zuständig. Nova Iguacu zählt zu den gefährlichsten Orten der Metropole. 2006 erschien "Elite da tropa", welches Soares zusammen mit André Batista und Rodrigo Pimentel, zwei ehemaligen Offizieren der Sondereinheit Bope schrieb. Der Roman basiert auf den Erfahrungen von Batista und Pimentel. Die wahren Begebenheiten wurden in eine fiktive Geschichte eingewoben, um die darin verwickelten Personen vor Verfolgung zu schützen. Die Geschichte war die Grundlage für den Film "Tropa da Elite" von Jose Padilha.

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