Brasilien : Richterin auf offener Straße erschossen

Eine Richterin kämpft im Korruptionssumpf Rio de Janeiros gegen Polizei, Politik und Mafia – sie wird hingerichtet. Was nach einem Thriller klingt, ist real. Die Täter nahmen sich aber möglicherweise einen Film zum Vorbild.

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Einsatz im Grenzbereich. In Rio de Janeiro gibt es regelmäßig Korruptionsvorwürfe auch gegen Beamte.
Einsatz im Grenzbereich. In Rio de Janeiro gibt es regelmäßig Korruptionsvorwürfe auch gegen Beamte.Foto: Reuters

Stoff wie aus einem Film: In Rio de Janeiro ist vor gut einer Woche eine Richterin auf offener Straße hingerichtet worden. Der Oberste Gerichtshof Brasiliens hat Sonderermittler im Einsatz, um den brutalen Mord aufzuklären. Die Täter werden in den eigenen Reihen der Behörden vermutet. Und tatsächlich erinnern die Abläufe des Verbrechens an den preisgekrönten Kinofilm „Tropa de Elite 2“. Haben sich die Täter den Streifen zum Vorbild genommen?

Es war das erste Mal, dass eine Vertreterin der brasilianischen Justiz im nördlichen Stadtrand von Rio de Janeiro regelrecht hingerichtet worden ist. In der Nacht zum Freitag vergangener Woche starb Patrícia Lourival Acioli in einem Kugelhagel vor ihrer Haustür in dem beliebten Küstenort Piratininga. Nach Augenzeugenberichten feuerten mehrere bewaffnete Mopedfahrer über zwanzig Schuss in den silbergrauen Kleinwagen, an dessen Lenkrad die dreifache Mutter saß.

Macher von Kinoproduktionen weisen immer auf eines hin: Die Geschichten seien frei erfunden. Aber gerade der Polizeistreifen „Tropa de Elite 2“ von Regisseur José Padilha – die zweite Folge des Gewinnerfilms des Goldenen Bären von 2008 – beschreibt eine Realität, in der die Cariocas, so nennen sich die Einwohner von Rio de Janeiro selbst, leben: korrupte Politiker, Misstrauen gegen Polizeibeamte und Angst vor Schüssen an der nächsten Straßenecke.

Der oberste Gerichtshof in der Hauptstadt Brasília entsandte Sonderermittler, um den Mord aufzuklären. „Unsere Richter sind geschockt. Aber wir werden uns nicht verstecken und weiter die organisierte Kriminalität bekämpfen. Wir werden die Täter finden und verurteilen“, sagte Antonio Siqueira, Verbandschef der Richter von Rio de Janeiro vor Journalisten. Unklar ist bislang, wer den Auftrag gab und wer ihn ausführte. Zunächst wurden einige mutmaßlich involvierte Polizisten bis zum Abschluss der Untersuchungen zwangsversetzt. Fest steht: Richterin Acioli war nicht zimperlich in ihren Ermittlungen gegen korrupte Beamte, schrieben die Tageszeitungen. Über 60 Polizisten brachte sie ins Gefängnis. Berichten zufolge war die 47-jährige Richterin einer heißen Spur in ihrem Distrikt São Gonçalo gefolgt, die zu Drahtziehern einer einflussreichen kriminellen Organisation führte. Diese sei unter anderem verantwortlich für illegale Absprachen im öffentlichen Nahverkehr und illegale Wettspiele, zahlreiche Entführungen, Morde und Drogenhandel.

„Sie hat in einem großen Wespennest herumgestochert“, sagte Rodrigo Pimentel, Ex-Kommandant der Spezialeinheit Bope vor laufenden Kameras. Pimentel kannte nach eigenen Aussagen die Richterin mehr als 20 Jahre lang. Der Ex-Cop brach Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als erster hochrangiger Offizier das verordnete Schweigen über die Verhältnisse innerhalb der extrem korruptionsanfälligen Polizei, der so genannten Policia Militar do Rio de Janeiro.

Die brutale Realität der vergangenen Woche erinnert an Szenen des weltweit viel gelobten Films „Tropa de Elite 2“. Kommandant Nascimento (gespielt von Wagner Moura) macht sich als ehrlicher und loyaler Einsatzleiter im Sicherheitsapparat unbeliebt. Korrupte Politiker und Polizisten versuchen, den einsamen Wolf auszuschalten. Im wahren Leben klingen aktuelle Twittermeldungen des ehemaligen Polizeibeamten Pimentel umso erschreckender: „Die Justiz half mit, die Richterin zu töten.“

Brasilianische Medien veröffentlichten gleichzeitig ein brisantes Papier der Bundespolizei. Demnach hatte die oberste Strafverfolgungsbehörde dem Nachrichtenportal Veja Online zufolge bereits 2009 ein Telefongespräch abgefangen, in dem ein Mafioso ankündigte, „eine Bombe werde in São Gonçalo explodieren“ und „eine Person, die den Hammer schwingt, werde Tränen aus Blut weinen“. Der Anwalt der ermordeten Richterin, Técio Lins e Silva, bestätigte diese Recherchen: „Meine Mandantin erhielt von der Bundespolizei einen Brief, in dem von dem Vorgang berichtet wird.“

Acioli schwebte also bereits seit Jahren in Lebensgefahr. Umso verwunderlicher, dass gerade die Truppe für ihren Schutz abgestellt wurde, gegen die sie Untersuchungsverfahren einleitete. Ex-Elite-Polizist Pimentel kritisierte scharf den Personenschutz der Behörden: „Mit einem einzigen Bodyguard schützt man niemanden, dessen Leben bedroht ist.“ Zumal Patrícia Lourival Acioli ihren Personenschützer ablehnte und das auch ihren Vorgesetzten erklärte. Sie misstraue dem Beamten zutiefst, schrieb sie an den zuständigen Bundesgerichtshof.

Im Film wird klar, wie groß das Misstrauen innerhalb der Bevölkerung und innerhalb der staatlichen Behörden ist. Denn zwischen Freund und Feind ist kaum zu unterscheiden. Kommandant Nascimento beschwört geradezu die Einheit der Truppe, eine rigorose Ausbildung seiner Polizisten und die strikte Ausführung seiner Befehle – jederzeit bereit zum Abschuss von bewaffneten Gangstern. Menschenrechtler werfen der schwarz gekleideten Truppe mit dem aufgenähten Totenkopf vor, sie verletze schlichtweg die Verfassung.

Auf der anderen Seite stehen in den eigenen Reihen korrupte Polizisten und Politiker, die, ohne mit der Wimper zu zucken, das scheinbar unbestechliche Einsatzkommando dann doch für ihre eigenen Machenschaften missbrauchen. Denn Drogendealer und korrupte Polizisten kämpfen um die Macht in den einzelnen Revieren in den Armenvierteln und Mittelklasse-Vororten. Wer vorherrscht, macht viel Geld mit illegalen Geschäften. Und die organisierte Kriminalität kassiert bei den Anwohnern ordentlich ab: sei es bei der täglichen Busfahrt zur Arbeit, beim Kauf der Gasflasche für den Herd oder bei der Standmiete auf dem Wochenmarkt.

Seit einigen Tagen ist auch klar, dass andere öffentliche Vertreter auf einer in dem kriminellen Netzwerk kursierenden Abschussliste stehen. Diese Liste fanden Spezialermittler bei der Festnahme von „O Gordinho“ (deutsch: „Dickerchen“), einem Chef eines Killerkommandos, so die Tageszeitung „O Dia“. Einer der Bedrohten ist demnach Marcelo Freixo, Abgeordneter der Linkspartei PSOL und Vorsitzender der ersten parlamentarischen Untersuchungskommission gegen die bewaffneten Milizen in Rio de Janeiro.

Der Menschenrechtler boxte 2008 als erster Politiker eine parlamentarische Untersuchungskommission über die korrupten Polizisten durch. Über Twitter verkündete er: „Es wurde nicht eine Richterin, sondern die Justiz ermordet.“ Ihm zufolge wurden bislang die Ergebnisse der Kommission ignoriert und nichts von den Vorschlägen umgesetzt. „Bis heute ernährt sich die Korruption innerhalb der Polizei von der Korruption innerhalb der Politik und die wiederum schützt die Mafia.“

Keine andere Metropole auf der Welt muss derartig viele Gewaltopfer beklagen wie Rio de Janeiro: 2010 starben nach Angaben des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit 4768 Menschen im Kugelhagel, immerhin 1000 Tote weniger als vier Jahre zuvor. Und das in einer Stadt, die demnächst mehrere internationale Großevents ausrichten will, so die Fußball-WM 2014 und die Sommerolympiade 2016.

Mit zugeklebten Mündern protestierten Angehörige und Bürger vor dem ehemaligen Amtssitz der Richterin gegen die Gewalt. Tagelang lagen rote Rosen auf der Treppe des Gerichtsgebäudes. Patrícia Lourival Acioli hinterlässt drei Kinder und ihren Ehemann. Auf einer Trauerfeier sagte ihre zwölfjährige Tochter zu anwesenden Journalisten: „Meine Mutter wird ein Leben lang meine Heldin bleiben.“

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