Brasilien : Sklaven am Amazonas

Brasiliens Polizei befreit 1108 Arbeiter aus einer Zuckerrohrplantage. 170 Firmen stehen auf der schwarzen Liste der Sklavenarbeit.

Sandra Weiss
Plantagenarbeiter
Schuldknechtschaft ist in Brasilien immer noch weit verbreitet. -Foto: Ullstein

Selbst die hartgesottenen Ermittler der Antisklaverei-Einheit waren überrascht, als sie die Zuckerrohrplantage im brasilianischen Amazonas-Staat Para in Augenschein nahmen: 1108 Zuckerrohrschneider lebten dort unter unmenschlichen Bedingungen. Zusammengepfercht in engen Verschlägen, Säcke als Betten, harte körperliche Arbeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zu mickrigem Lohn und bei schlechtem Essen. Unbeschreibliche Zustände hätten auf der Plantage in Ulianopolis geherrscht, die dem einheimischen Agrokonzern Pagrisa gehört, teilte ein Sprecher der mobilen Einheit mit. Ihr gehören Agenten des Arbeitsministeriums und der Bundespolizei an. Es war die bisher größte Befreiungsaktion versklavter Arbeiter seit der Schaffung der Sonderbrigade 2002 unter Präsident „Lula“ da Silva, einem ehemaligen Gewerkschaftsführer .

Berichte über moderne Sklaverei in aufstrebenden Ländern häufen sich in letzter Zeit. Erst vor zwei Wochen waren in der chinesischen Provinz Shanxi 359 Menschen befreit worden, unter ihnen zwölf Kinder und 65 geistig Behinderte. Sie waren entführt und in Ziegeleien gefangen gehalten worden, wo sie arbeiten mussten. In den Skandal sind auch Regierungsbeamte verstrickt.

Brasilien ist seit Jahren der größte Zuckerexporteur der Erde. Dank der umstrittenen EU-Zuckermarktreform von 2005 konnte das südamerikanische Land seine Exporte auch in europäische Länder wie Deutschland steigern. In den vergangenen Jahren landeten 170 Unternehmen auf der schwarzen Liste der Sklavenarbeit, die vom Arbeitsministerium veröffentlicht wird. Schätzungen der brasilianischen Delegation der Internationalen Arbeitsorganisation zufolge sind zwischen 25 000 und 50 000 Arbeiter in Brasilien versklavt. Brasilien war eines der letzten Länder, die 1888 die Sklaverei offiziell abschafften. Aber noch heute ist insbesondere im abgelegenen Landesinnern die Ausbeutung von Tagelöhnern in Form von Schuldknechtschaft üblich. Die Arbeiter sind oft Analphabeten und haben kaum Kontakt zum modernen Brasilien der Großstädte. Außerdem werden sie von Todesschwadronen der Großgrundbesitzer eingeschüchtert – etwa, wenn sie Gewerkschaften bilden oder Land besetzen wollen. Derzeit versuchen Großgrundbesitzer und Industrielle, mit einer Gesetzesänderung im Kongress sklavenähnliche Bedingungen wieder zu legalisieren, Lula hat dagegen jedoch sein Veto eingelegt. Erst vor kurzem wurde sogar ein Parlamentarier wegen Sklaverei zu Entschädigungszahlungen verurteilt.

Die Arbeiter in Ulianopolis hätten ihre Notdurft unter freiem Himmel verrichten müssen und zum Duschen und Wäschewaschen habe ein Stausee gedient, sagten die Ermittler. Die hygienischen Zustände der Kantine seien prekär gewesen, die Arbeiter hätten über schlechtes Essen geklagt. Für einen Arbeitstag von 4 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 erhielten sie aufgrund vieler Abzüge einen Tageslohn von weniger als zehn Reais (umgerechnet vier Euro). Die Lebensmittel und Medikamente im plantageneigenen Laden seien überteuert gewesen, weshalb viele Arbeiter sich heillos verschuldeten. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass das Unternehmen den Arbeitern 1,8 Millionen Reais schulde, und wies die Manager an, sofort mit der Auszahlung der geschuldeten Löhne zu beginnen. Das Unternehmen war nicht zu einer Stellungnahme gegenüber der Presse bereit. Pagrisa ist ein Agrarkonzern in Händen der Familie Zancaner und setzt mehr als 35 Millionen Reais jährlich um. Erst vor kurzem hatte das Unternehmen die Zuckerrohrfabrik in Para erweitert, um bis zu 45 Millionen Liter Alkohol aus Rohrzucker fabrizieren zu können.

Wohin die Produkte dieser Firma exportiert werden, ist unklar. 2004 besuchte der Schweizer Botschafter Jürg Leuter die Fabrik der Firma Pagrisa in Para. Er führte dort Gespräche über einen Vertrag zum Export von Ethanol. Die Schweiz plante ein Ethanolpilotprojekt als alternativen Treibstoff. Die Nachfrage nach Ethanol steigt weltweit. Angesichts der steigenden Erdölpreise und ihrem technologischen Vorsprung auf dem Gebiet forciert die brasilianische Regierung die Ethanolproduktion. Erst vor kurzem schloss Präsident Lula mit den USA einen „Ethanolpakt“. Brasilien hat gegenüber den USA dabei einen klaren Kostenvorteil und könnte zu einer Art „Saudi-Arabien des Ethanols“ werden.

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