Bremen : Engel der Nacht

Sie verstehen sich nicht als Bürgerwehr, sie zeigen nur Präsenz. Die "Nachtwanderer"-Bewegung spricht Jugendliche an, um sie vom Komasaufen und Prügeln abzuhalten.

Ulf Buschmann
"Nachtwanderer" Lasse Berger, Björn Wehrs, Hartmut Laternicht, Annette Horn. Foto: Buschmann
"Nachtwanderer" Lasse Berger, Björn Wehrs, Hartmut Laternicht, Annette Horn.Foto: Buschmann

Auf den Bänken am Bremer Weserufer herrscht Partystimmung. Jugendliche, der jüngste ist kaum 14 Jahre alt, albern herum. Einige haben jetzt, gegen 23 Uhr, schon erhebliche Mengen Alkohol getrunken. „Ach schau mal, die Nachtwanderer“, ruft einer. Flugs sind die Frau und die drei Männer umringt von Mädchen und Jungen. „Wir haben Sie schon vermisst“, sagt einer. Lasse Berger lächelt. „Wie geht’s euch?“, fragt er in die Runde. „Alles fit“, lautet die Antwort. „Können Sie nicht ein Foto von uns machen?“, fragt eine 16-Jährige den Reporter und wirft sich mit einer Freundin in Pose.

Die erwachsenen Besucher scheinen nicht zu stören. Annette Horn, Hartmut Laternicht, Björn Wehrs und Lasse Berger gehören zu einer Gruppe Ehrenamtlicher, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nachts für die jungen Leute zur Stelle zu sein. „Nachtwanderer“ nennen sie sich. Lasse Berger, einst Lehrer, dann Leiter einer Drogenpräventions-Einrichtung, jetzt Leiter des Ortsamtes Burglesum und damit Verwaltungschef des Stadtteils, brachte die Idee vor einigen Jahren aus Stockholm mit. Zusammen mit Karin Sfar vom Jugendmigrationsdienst der Arbeiterwohlfahrt Bremen begeisterte Berger eine Reihe von Mitstreitern, die seit inzwischen fünf Jahren im Norden Bremens jedes Wochenende unterwegs sind.

„Wir sind keine Bürgerwehr“, wehrt sich Berger gegen Vorbehalte, im Gegenteil: Die „Nachtwanderer“ möchten Ansprechpartner für die Jugendlichen sein. Der erste Schritt dazu sei die bloße Anwesenheit und das Hinschauen. Schon die Erwartung der Feiernden, dass im Laufe der Nacht die Erwachsenen vorbeischauen, wirkt bei Konflikten deeskalierend. „Zuhören und nochmals zuhören – und erst dann kannst du als Erwachsener reden“, sagt Berger. Je mehr Erwachsene sich an Treffpunkten auf Straßen und Plätzen, vor Clubs und in Bussen aufhielten, desto ruhiger werde es im Stadtteil. „Wir brauchen Erwachsene, die sich kümmern.“

Was sie umtreibt, ist die Sorge um die Jugendlichen. „Wenn Eltern wüssten, was ihre Kinder nachts auf der Straße machen, würden sie sich mehr um ihre Kinder kümmern“, ist Berger überzeugt. Zu dieser Erkenntnis waren die ersten „Nachtwanderer“ in der schwedischen Hauptstadt schon lange gekommen. Alkohol, Schlägereien, Sachbeschädigungen – einige Bürger wollten sich mit den Zuständen nicht abfinden. Eine Reihe von Eltern tat sich zusammen und gründete das skandinavische Vorbild, das seit 2004 auch in Bremen sowie inzwischen 15 weiteren deutschen Städten Schule macht.

Die Aktiven kommen aus Sportvereinen, Kirchengemeinden, Schulelternbeiräten und Betrieben. Sie durchlaufen Seminare zur Deeskalation und sind an ihren blauen Westen erkennbar.

Auffallend ist, dass es Initiativen in kleinen und mittelgroßen Städten sind, wie hier in Bremen, oder in Konstanz, Ulm, Aalen. In Großstädten, wo es viel dringlicher wäre, gibt es die „Nachtwanderer“ nicht. Vielleicht kümmern sich in überschaubaren Städten die Bürger mehr, weil sie sich unmittelbarer betroffen fühlen: Und möglicherweise eine größere Aussicht auf Erfolg sehen als in Großstädten, denen die Probleme über den Kopf wachsen.

Es habe sich gezeigt, dass sich die Jugendlichen durch das Konzept ernst genommen fühlten. In Stockholm, weiß der gebürtige Schwede Berger, habe sich die Lage entspannt. Durch bloße Präsenz.

Die Bremer Gruppe trifft sich zuerst im „Dünenwind“, einem Treffpunkt einer Trabantensiedlung aus den 70er Jahren. Während Hartmut Laternicht Kaffee kocht, stellen Annette Horn, Björn Wehrs und Lasse Berger die Utensilien zusammen: Erste-Hilfe-Set, Taschenlampe und Mobiltelefon. Dann ziehen sie sich ihre blauen Westen an.

„Wo geht es heute hin?“, fragt Björn Wehrs in die Runde. „Wir sollten uns hier in Vegesack umschauen“, sagt Lasse Berger. Die Gruppe einigt sich auf Gewaltschwerpunkte wie den Bahnhofsvorplatz. Dann geht es entlang des Museumshafens weiter bis zum „Utkiek“, wo die dort ansässigen Gastronomen zu Live-Musik eingeladen haben.

Drei Jungs schauen interessiert auf die dunkelblauen Westen. Tim, Andree und Jan-Patrick, 16 und 17 Jahre alt, kommen mit Lasse Berger ins Gespräch. Noch nie haben sie etwas von den „Nachtwanderern“ gehört. Mit der Polizei gebe es häufig Probleme, beklagen sie sich. Neulich seien sie aus einer Disco gekommen und vor der Tür mit anderen Jugendlichen in Streit geraten, berichtet Tim. Und: „Statt sich um die Leute zu kümmern, die uns angegriffen haben, mussten wir uns dumme Fragen gefallen lassen. In der Zeit konnten die anderen natürlich abhauen.“

Das ist ihre Version. Aber mit ihren Schilderungen bestätigen die Jungen eine Erkenntnis der „Nachtwanderer“: Die Polizeibeamten gingen nicht wirklich auf die Anliegen der Jugendlichen ein, würden sie viel zu wenig ernst nehmen.

Die „Nachtwanderer“ zieht es weiter am Ufer der Weser entlang. Auf ihrem Weg zu den Partybänken am Ende der „Maritimen Meile“ treffen sich allerlei Bekannte. Björn Wehrs begrüßt lachend einen Jungen, der unter ihm wohnt. Er zieht mit Freunden durch die Nacht, die Bier- und Colaflaschen immer in Griffweite. „Na, was ist denn da wohl drinnen?“, fragt Björn Wehrs augenzwinkernd. Die Antwort: „Nur Cola.“

Doch das Angebot zum Probieren lehnt der Nachtwanderer ab. Stattdessen ziehen er und seine Mitmacher weiter. Durch die Fußgängerzone geht es in Richtung Bahnhof. Dort möchten sie sich an der neu eröffneten „1 Euro Bar“ umschauen. Lasse Berger und Annette Horn werfen einen Blick hinein. Mit einer Gruppe Jungen kommen sie ins Gespräch. Den Gesichtszügen nach zu urteilen ist keiner älter als 14 Jahre. „Was macht ihr denn noch hier?“, fragt Lasse Berger freundlich. „Wir chillen ein bisschen durch die Nacht“, meint einer, der sich als so etwas wie der Rädelsführer darstellt. Die Jungs, in der Mehrzahl mit Migrationshintergrund, machen auf cool. Sie haben Angst, das die Nachtwanderer so etwas wie der verlängerte Arm der Polizei sind. Doch daran, Beamte zu rufen, denkt keiner aus der Gruppe. Es gibt keinen unmittelbaren Anlass dazu, auch wollen sie nicht im Ruf von Hilfspolizisten stehen. Es geht nur darum, Präsenz zu zeigen. Nach wenigen Minuten verabschieden sich die „Nachtwanderer“ wieder – einige der Jungs sind sichtlich erleichtert. Dass sie gegenüber den Frauen und Männern in den blauen Westen so cool tun, kennen die „Nachtwanderer“ längst. Aber diese spezielle Art der Abwehr verfliegt mit der Zeit. „Viele Jugendliche warten an ihren Treffpunkten schon auf uns“, weiß Annette Horn. Besonders dann, wenn sie Probleme hätten und „sich einfach mal auskotzen möchten“. Und: „Die erzählen dir ihre ganze Lebensgeschichte.“

Oder sie werden auf andere Weise redselig. Lasse Berger und Annette Horn erinnern sich zum Beispiel an den Jungen, die im Sommer fürs Fernsehen interviewt wurde. Auf die Frage, ob sie in der Disco saufen würden, gab einer der Befragten gutgläubig Auskunft: Nein, aber sie würden den Alkohol an bestimmten Stellen deponieren. Erst anschließend sei ihm aufgegangen, dass er seine Kumpels und sich bloßgestellt hatte. Die „Nachtwanderer“ berichten davon, während sie mit dem Bus von Vegesack aus in eines der anderen Problemquartiere der Stadt fahren. Auf dem Weg dorthin treffen sie einige der vorher noch so fröhlichen jungen Leute von der Partybank wieder. Ihre Laune ist sichtlich verflogen. „Da hat es eine Messerstecherei gegeben“, erzählt ein Mädchen, „kurz nachdem Sie weitergegangen waren“. Zwei Rettungswagen und die Polizei seien vor Ort gewesen.

Die Nachtwanderer zeigen sich betroffen. Ihr Ziel, durch gelegentliche Präsenz Gewalt zu verhindern, ist in dieser Nacht an dieser Stelle offensichtlich nicht gelungen. Die Niederlage ist Lasse Berger ins Gesicht geschrieben. Entmutigen lassen will er sich nicht. „Wenn wir da gewesen wären, wäre wahrscheinlich nichts passiert. Aber wir können nicht überall gleichzeitig sein.“

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