Welt : Brennstoff der Finanzkrise

Mallorca importiert Müll aus ganz Europa.

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Eigentlich ist es ja gut, wenn eine Gesellschaft weniger Müll produziert. Wie etwa auf der spanischen Ferieninsel Mallorca, wo das Abfallaufkommen in den letzten Jahren drastisch sank. Doch nicht alle freuen sich im Urlaubsparadies darüber. Für die Inselregierung ist der Müllschwund ein großes Problem, weil die gigantische Müllverbrennungsanlage im Norden der Inselhauptstadt Palma de Mallorca nicht mehr ausgelastet ist und nun Verluste einfährt.

Deswegen wollen die Inselfürsten jetzt Müll aus ganz Europa einführen, damit der Verbrennungsanlage auch nicht der Nachschub ausgeht. Und damit nicht, als Ausgleich für die Verluste der Anlage, die Gebühren für die Müllabfuhr auf der Insel erhöht werden müssen. Doch Hoteliers, Anwohner und Umweltschützer laufen Sturm gegen das Projekt, weil sie fürchten, dass Mallorca zur „Müllkippe Europas“ verkommen könnte. Schließlich sei das Etikett „Sonne, Strand und Abfall“ nicht gerade förderlich für das Image der Insel.

Schon im kommenden Jahr soll der erste Frachter mit europäischem Abfall in Palma eintreffen. Bis zu 100 000 Tonnen Müll pro Jahr will man dann nach Mallorca bringen. Vor allem aus Städten in Großbritannien, Irland und Italien, wo man nicht weiß, wohin mit den Hinterlassenschaften der Konsumgesellschaft. Ein Albtraum für die Müll-Gegner, die mit aufgesetzten Gasmasken vor dem Regierungsgebäude Mallorcas demonstrierten.

Damit es nicht ganz so unappetitlich klingt, sprechen die konservativen Inselpolitiker statt von Mülltransport lieber vom „Brennstoff-Import“. Denn schließlich werde ja mit der Verbrennungsanlage auch noch Strom für die Inselbewohner produziert. „Wir importieren keine stinkenden Müllbeutel, sondern sauberen und zerkleinerten Brennstoff mit hohem Energiewert“, sagt Mallorcas Umweltministerin Catalina Soler. „Wir werden keinen Hausmüll importieren.“ Die beim Verheizen entstehende Giftasche soll zudem wieder in die Herkunftsländer zurückreisen.

Streng genommen ist Mallorcas Müllkrise auch ein Ergebnis des spanischen Wirtschaftskollapses. Denn früher, im Jahr 2005, als die Bauwirtschaft und der Tourismus noch boomten, drohte die Insel tatsächlich in ihrem eigenen Abfall zu ersticken. An kaum einem anderen Ort in Europa wurde damals so viel Müll pro Einwohner produziert wie auf dem Ferieneiland. Und deswegen wurde damals beschlossen, die Kapazität der Verbrennungsanlage auf gut 700 000 Tonnen Müll gleich zu verdreifachen.

Doch als die neuen Verbrennungsöfen im Jahr 2011 endlich fertig waren, hatte Spaniens Wirtschaftskrise längst einen Strich durch alle schönen Rechnungen gemacht. Die Bauwirtschaft war zusammengebrochen, genauso wie der Konsum auf der Insel, der Tourismus schwächelte plötzlich. Statt der erwarteten 700 000 Tonnen kommen nun derzeit nur noch etwa 480 000 Tonnen Abfall im Jahr zusammen.

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