BRIEF DER MUTTER DES KÖLNER SCHÜLERS ROBIN B. : Was ist ein Sonderling?

„Ein zurückhaltender und ruhiger Schüler, der als Kind lieber gelesen hat, als draußen zu spielen, und dem es von Beginn an nicht leicht fiel, von sich aus auf andere zuzugehen. Sein Musikgeschmack entwickelte sich anders als der der meisten Mitschüler. Während viele Gleichaltrige beispielsweise Hip-Hop hören, fühlt er sich am wohlsten bei den lauten Klängen von Heavy Metal. Und während Hip-Hopper ihren Musikstil kleidungsmäßig durch modische Markenkleidung unterstreichen, trägt ein echter „Metaller“ eben schwarze Klamotten. Oft mit bunten Aufdrucken vorne auf T-Shirt oder Sweat-Shirt.

Ich weiß, dass er oft angefeindet wurde, allein schon seiner äußeren Erscheinung wegen. Wenn ich ihn fragte, ob wir nicht mal ein paar andere Sachen für ihn kaufen sollten, meinte er: „Wenn die mich so nicht mögen, sollen sie es lassen.“

Zu diesen unterschiedlichen Musik- und Kleidungsgeschmäckern, zwischen denen ja wirklich Welten liegen, kommt aber noch etwas hinzu. Unser Sohn lehnt das Rauchen in jeglicher Form ab und tendiert auch nicht sonderlich zu Alkohol. Weiterhin hält er nichts von Piercings oder Tattoos. Wenn ich mir jetzt vorstelle, mit welchen Bemerkungen er vielleicht so manches kommentiert, was ihm auf dem Schulhof in den Blick fällt, glaube ich schon, dass viele ihn nicht sonderlich mögen.

Dass er sich schließlich auch noch aus Fußball nichts macht – weder das Spielen noch das Zugucken reizt ihn – macht die Sache auch nicht besser. Und ein „anständiges“ Handy – offenbar sehr wichtiges Aushängeschild vieler Jugendlicher, ohne das man überhaupt niemand ist – hat er auch nicht vorzuweisen; jedenfalls liegt seins, mit dem man lediglich telefonieren und SMS verschicken kann, meist zu Hause herum.

Aber ist er deshalb ein Sonderling ?

Von seiner Sorte gibt es bestimmt viele, an allen Schulen dieser Welt wahrscheinlich, und die meisten sind – wie er – froh, wenn sie einfach nur in Ruhe gelassen werden. Mit den Reaktionen seiner Mitschüler auf all die beschriebenen Dinge schien er dennoch gut fertig zu werden. Recht ausgeglichen wirkend verließ er morgens die Wohnung, und es machte nicht den Eindruck, er würde allzu ungern zur Schule gehen.

Wenn durch die Presse wieder mal ein Fall von Mobbing ging, fragten wir oft, wie es denn ihm oder anderen in dieser Hinsicht in der Klasse gehe. „Geht eigentlich“, so etwa kam dann die etwas zögernde Antwort, und hier hätten wir nachhaken müssen, was uns im Nachhinein schwer zu schaffen macht. Aber so, wie es – bei leider nicht genauem Hinhören – klang, schien ja alles in Ordnung zu sein.

Während der Elternsprechtage hörten wir von den Lehrern überwiegend, er beteilige sich zwar leider nicht aktiv am Unterricht, sei aber stets auf dem Laufenden, denn wenn er etwas gefragt würde, käme meist schon die richtige Antwort. Ungefragt allerdings kämen von ihm häufig sehr trockene oder witzige Kommentare zu allem Möglichen, was dann für großes Gelächter unter den Schülern – und oft auch bei den Lehrern – sorge. In diesen Momenten bekam er sogar Zuspruch von seinen Schülerkollegen, die Spaß an seinem subtilen Wortwitz hatten. Wohl so gut wie nie kam es vor, dass er die Schule schwänzte. Wenn er tatsächlich mal nicht gehen wollte, fühlte er sich tatsächlich nicht wohl. Auf so manchem Halbjahreszeugnis wurden seine Fehlzeiten mit null oder nur wenigen Stunden quittiert.

Da wir als Eltern leider nicht bemerkten, dass er Probleme hatte, denn nach außen hin wirkte ja alles zufriedenstellend, hat er all seinen Frust und seine Traurigkeit wohl über Jahre in sich hineingefressen.

Soweit ein paar Gedanken der Mutter eines „Sonderlings“, der laut Kriminalpolizei genau „ins Raster“ passte.“

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat den Brief freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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