Bruder auf Zeit : Schweizer Kapuziner bieten Schnupperjahre

Das Konzept des Mönchs auf Probe gehört zur Marketingoffensive des Kapuzinerordens. Der Schwund zwang die Brüder zum Handeln.

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Ein blonder Mann mit rotem Pullover und blauer Latzhose öffnet die massive Holztür. „Gutte Tag“, sagt er im gemütlichen Tonfall des Schweizers. Er dreht sich um: Hereinspaziert ins Kapuzinerkloster Rapperswil am Zürichsee. Der Mann in dem Outfit, das so gar nicht auf einen Mönch schließen lässt, heißt mit bürgerlichem Namen Fridolin Schwitter. Seit anderthalb Jahren ist er der Bruder Fridolin. Der 51-Jährige zeigt die „Pforte“ des Klosters, hier erwartet den Gast eine Rezeption, ein großer Tisch und ein kleiner Laden: Von Postkarten über Cappuccinotassen bis zu Konfitüre kann man im Kloster Rapperswil alles erwerben. „Ich bin ein Bruder auf Zeit“, sagt Fridolin in dem Werbevideo auf der der Internetseite Kapuziner.ch.

Drei Jahre verbringt er bei den Kapuzinern. Was dann kommt? Mal sehen. In seinem früheren Leben schaffte Fridolin als Wirtschaftsförderer in Luzern. Heute kann man ihn als eine kleine Berühmtheit bezeichnen. Denn Fridolin ist der einzige Bruder auf Zeit der Kapuziner in Helvetien. Das Konzept des Mönchs auf Probe gehört zu der Marketingoffensive des Männerordens: Die Kapuziner schalten auch normale Stellenannoncen in den Medien, sie betreiben einen Internetshop für „Fanartikel“ (Kapuzinerpullover mit Kapuze für rund 35 Euro). Und sie sprechen offen über ihre Schwierigkeiten: „Das Nachwuchsproblem ist schon dramatisch“, berichtet Bruder Damian vom Kloster Brig. Vor 40 Jahren wirkten noch 800 Kapuziner in der Schweiz. Heute zählt der Orden nur noch 200 Mitglieder. Die Pforten vieler Klöster schlossen schon für immer: In diesem Sommer verlassen die Brüder ihr altehrwürdiges Haus in Appenzell – nach 420 Jahren.

Der Schwund zwang die Brüder zum Handeln: Damian, der das Projekt Bruder auf Zeit leitet, erklärt: „Der Bruder auf Zeit ist ein Angebot für Menschen, die sich nicht gleich für das ganze Leben als Kapuziner verpflichten wollen.“ Man könne vorübergehend ein einfaches Leben wagen, ganz im Vertrauen auf Gott und ohne eigenen Besitz. Dann wird Damian ernst: „Niemand sollte aber glauben, er könne hinter den Klostermauern eine ruhige Kugel schieben.“ In der Tat müssen die Neuen genauso im Garten, in der Küche und bei der Reparatur der Klöster mit anpacken wie die alteingesessenen Brüder. Fridolin etwa, in Rapperswil, managt die Pforte.

Wieso schlüpfte Fridolin, der frühere Wirtschaftsförderer, in die Kutte der Kapuziner? Auf seinen Fahrradreisen durch Entwicklungsländer begriff er: „Menschen in Armut sind oft glücklicher.“ Fridolin entschied sich gegen die harte Wettbewerbsgesellschaft. Doch die Kapuziner stellen auch Ansprüche: Der Interessent sollte nicht viel älter als 45 Jahre sein, einen guten Leumund haben, katholisch getauft sein, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder abgeschlossenes Studium vorweisen können, er muss geistig und körperlich fit sein und – natürlich – er sollte nach einem religiös inspirierten Leben streben. Einigen sich die Kapuziner mit dem Bewerber, unterschreiben beide Parteien einen Vertrag. Dann geht es ab ins Kloster.

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