Welt : Brückeneinsturz: Für Eselskarren konstruiert

Tragisches Ende eines Ausflugs im Norden Portugals: Beim Einsturz einer 115 Jahre alten Straßenbrücke kamen 70 Menschen ums Leben, als ein Reisebus und zwei Autos am Sonntagabend 50 Meter tief in einen reißenden Fluss stürzten. Unter den Opfern sind mehrere Kinder. Die Brücke über den Douro war genau in dem Augenblick zusammengebrochen, als die Fahrzeuge die altersschwache Konstruktion überquerten. Bus und Autos versanken in dem mehr als 20 Meter tiefen Fluss. Es bestehe keine Hoffnung, dass irgendjemand noch lebend geborgen werden könnte, fürchteten die Rettungsmannschaften am Montag. Sie fanden nur zwei Leichen. Die Rettungsteams suchten auch die Flussufer nach möglicherweise fortgeschwemmten Toten ab.

Hintergrund:
Brückeneinstürze in Europa

Wo bis vor kurzem die auf Steinpfeilern ruhende Metallbrücke 50 Kilometer östlich der Hafenstadt Porto den Douro überspannt hatte, klafft jetzt eine große Lücke. Lediglich Beton- und Eisenteile ragen noch aus dem Wasser. Der Bus und die beiden Autos waren nicht zu sehen, sie lagen auf dem Grund des Flusses, dessen Wasserpegel den Normalstand nach viermonatigen Regenfällen um zehn Meter überstieg. Die Fluten hatten einen der sechs Pfeiler weggerissen und damit zwei Brückenabschnitte von insgesamt 80 Meter Länge zum Einsturz gebracht. Die starke Strömung machte es äußerst schwierig, die Opfer aus den Fahrzeugen zu bergen. Das Unglück ereignete sich bei Entre-os-Rios zwischen den Ortschaften Castelo de Paiva und Penafiel.

Grafik:
Die Einsturzstelle

Die Anwohner hatten schon seit langem davor gewarnt, dass die nur einspurig befahrbare Brücke nicht mehr sicher sei. Im Januar blockierten sie in einer Protestaktion das Bauwerk aus dem Jahr 1886 und forderten den Bau einer neuen Brücke. Ausgerechnet am Tag des Unglücks sollten zwei der Blockierer vor Gericht gestellt werden.

Noch in der Nacht erklärte der für Bauten und öffentliche Arbeiten zuständige Minister Jorge Coelho, die "rechte Hand" des sozialistischen Ministerpräsidenten Antonio Guterres, seinen Rücktritt. Fünf Staatssekretäre legten ebenfalls ihre Ämter nieder. Die Regierung in Lissabon verhängte eine offizielle Trauer von zwei Tagen.

Regierungschef Antonio Guterres ist bei seiner Ankunft am Unglücksort von hunderten Menschen ausgebuht worden. Viele der Umstehenden empfingen den Ministerpräsidenten am Montag mit "Mörder"-Rufen. Guterres appellierte an die Menschen, der Trauer der Angehörigen "mit dem größten Respekt und dem größten Verständnis" zu begegnen. Er kündigte staatliche Hilfe für die Familien der Opfer an sowie eine staatliche Untersuchung zur Ursache des Kollapses der Brücke.

In dem Unglücksbus waren nach Angaben der Behörden 67 Ausflügler, die sich die Mandelblüte in der Region Tras-os-Montes angeschaut hatten. Eine Augenzeugin des Unglücks berichtete: "Ich sah den Bus auf der Brücke auf mich zukommen. Plötzlich waren seine Scheinwerfer verschwunden." In den beiden Personenwagen sollen zehn Menschen gesessen haben. Unter den Opfern waren nach Angaben der Behörden keine Ausländer.

Der Bürgermeister von Castelo de Paiva, Paulo Teixeira, sagte: "Die Brücke wurde im 19. Jahrhundert für Pferdewagen und Eselskarren konstruiert, nicht für 1800 Autos und Lastwagen am Tag." Er habe seit langem eine Sperrung der Brücke verlangt, sich damit aber in Lissabon nicht durchsetzen können. Der Bau einer neuen Brücke war bereits ausgeschrieben worden. Mit der Fertigstellung wurde aber erst in mehreren Jahren gerechnet.

"Es mussten erst Menschen sterben, damit die Verantwortlichen einsehen, dass wir mit unseren Warnungen Recht hatten", beklagte eine Anwohnerin. Demgegenüber betonten die Baubehörden, die Brücke sei vor wenigen Jahren erneuert und vor zwei Monaten inspiziert worden. Es habe keinerlei Anzeichen für Sicherheitsmängel gegeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben