Brunner-Prozess : Angeklagter sagt aus - erste Joints mit zehn

Sebastian L. bereut im Brunner-Prozess seine Tat. Wortkarg und mit schwerer Zunge antwortet er auf die Fragen des Richters. Seine Kindheit ist eine Tragödie.

Monika Goetsch[München]
Der Angeklagte Sebastian L. gestern im Gerichtssaal in München.
Der Angeklagte Sebastian L. gestern im Gerichtssaal in München.Foto: AFP

Das erste Bier bereits mit zehn, die ersten Zigaretten und Joints auch, von da an ein fast lückenloser Missbrauch von Alkohol und Drogen: Vor der Jugendkammer im Münchner Landgericht I erzählte der Angeklagte Sebastian L. Erschütterndes aus seiner Kindheit und Jugend. Stockend, wortkarg und mit schwerer Zunge antwortete Sebastian L. auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Reinhold Baier. Erhellt wurde so die Tragödie hinter der scheinbar gleichmütigen Fassade eines sensiblen Jugendlichen, der seine Tat ganz offensichtlich sehr bereut.

Schon der Start ins Leben war schwierig: Sebastian L., eine Frühgeburt, erhielt vorübergehend einen künstlichen Darmausgang, im Alter von 13 Jahren stellte man bei ihm die chronische Darmkrankheit Morbus Crohn fest. Seine Eltern trennten sich, als er vier war. Beide waren alkoholabhängig, die Mutter, bei der er zunächst aufwuchs, ohne Arbeit. Die Alkoholabhängigkeit der Eltern, die Scheidung, eine Hirnblutung der Mutter, die sie zum Pflegefall stempelte, schulische Misserfolge und vor allem der Tod des Vaters vor zwei Jahren haben im Leben des Jungen deutliche Spuren hinterlassen. Sebastian L. hatte sich noch mit seinem Vater gestritten und dann das Haus verlassen. Als er zurück kam, war der Vater bereits an den Folgen einer Hirnblutung gestorben. Sein Sohn allerdings sah eine Weile fern, ohne etwas vom Tod des Vaters zu bemerken. „Eine ausgeprägte depressive Störung“ hatten Gutachter bei Sebastian L. bereits im Juli 2009, zwei Monate vor dem gewaltsamen Tod Brunners, festgestellt. Er schäme sich oft, klage über Einsamkeit, könne schlecht schlafen und werde die Bilder vom toten Vater nicht los. „Öfters sei er so traurig“, heißt es im Gutachten, „dass er es kaum aushalten könne.“ Der psychiatrische Gutachter vor Gericht, Franz-Josef Freisleder, stellte fest: „Vieles ist Ihnen schon längere Zeit wurscht. Seit wann mangelt es Ihnen so an Drive?“ „Seit ich keine Eltern mehr habe“, antwortete L. „Sehen Sie im Nachhinein eine gewisse Verantwortung dafür, dass Sie rumgelungert und in den Tag hinein gelebt haben?“, fragte Richter Reinhold Baier. „Ich hätte im Wohnheim bleiben und die Ausbildung machen sollen, statt immer abzuhauen“, sagte Sebastian L.

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