Brunner-Prozess : Der erste Schlag

Am zweiten Tag des Prozesses um den Tod von Dominik Brunner kam jetzt einer der beschützten Schüler zu Wort. Ihm zufolge haben die Täter "mit Taktik" angegriffen - schlugen aber nicht zuerst zu.

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Die Ängste waren übertrieben. Doppelte Körperkontrollen hatten die Zuschauer am Dienstag noch über sich ergehen lassen müssen. Der erwartete Groll gegen die wegen Mordes an Dominik Brunner angeklagten jungen Männer Markus S. und Sebastian L. entlud sich im bunkerartigen Achteck des Münchner Strafjustizzentrums jedoch nicht. Am Mittwoch, dem zweiten Prozesstag, beginnt der Alltag in der Jugendkammer des Münchner Landgerichts mit weit weniger Sicherheitsmaßnahmen, einer aufgelockerten Sitzordnung und weniger Szenerie im Saal. Der Auftakt war der Tag der großen Reueworte, der Geständnisse, der aussagestarken Bilder und Gesten. Auch Oskar Brunner, dessen einziger Sohn der Getötete war und der nun Nebenkläger ist, hat jetzt in dem fensterlosen Saal die Sonnenbrille abgesetzt und das dunkle Jackett gegen ein helles getauscht. Es wird nüchterner. Jetzt ist Zeit für die Wahrheit.

Was geschah auf dem S-Bahnsteig München-Solln an jenem Septembertag 2009? Ein Mann, 50 Jahre alt, wurde von zwei rasenden Jungmännern zu Tode geprügelt. Die Wahrheit zu finden, bedeutet in diesem Prozess, die Umstände zu erforschen, wie Brunner starb, nachdem er vier Jugendliche vor Markus und Sebastian hatte beschützen wollen. Diese Umstände sind es und das, was sich in den Köpfen der Täter abgespielt haben muss, die über ihr weiteres Schicksal entscheiden. Ins Gefängnis werden sie kommen, so viel scheint nach den Geständnissen festzustehen. Aber für drei, fünf oder acht Jahre? Vielleicht, bei Markus, sogar lebenslang? Wer eine zeitige Freiheitsstrafe als zu milde erachtet, sollte daran denken, dass acht Jahre für einen sehr jungen Menschen so etwas bedeuten können wie für einen älteren der Tod: eine Ewigkeit.

Mit Spannung wurde am zweiten Prozesstag die erste Zeugenaussage eines Schülers erwartet, den Brunner beschützt hatte. „Als wir da standen, war es offensichtlich, dass gleich etwas passiert“, beschrieb der 15-jährige Schüler Richard M. die Situation am Münchner S-Bahnhof Solln. „Sie sind uns gefolgt und drohend auf uns zugegangen.“ Um auf einen möglichen Angriff vorbereitet zu sein, habe Brunner seinen Rucksack und seine Jacke abgelegt und schließlich den ersten Schlag getan. Brunner habe zwar zuerst zugeschlagen, jedoch nur, um den drohenden Angriff der beiden Angeklagten abzuwehren, sagte der Schüler. Er berichtete weiter, dass sich die beiden Angeklagten in der S-Bahn unüberhörbar über die Schülergruppe unterhalten hätten. „Wann schlagen wir sie, wann rauben wir sie aus“, hätten sie gesagt. Auf Brunners Ermahnung, dass das nicht in Ordnung sei, hätten sie geantwortet: „Da scheißen wir drauf.“ Der Aussage des Schülers zufolge haben die Täter „mit Taktik“ angegriffen. Als die Situation auf dem Münchner S-Bahnhof Solln eskalierte, habe man zunächst gesehen, dass Brunner überlegen gewesen sei. Daraufhin hätten sich Markus S. und Sebastian L. kurz beraten. Danach hatte S. dem Zeugen zufolge einen Schlüsselbund in der Hand. Markus S. sei nach dem ersten Schlag durch Brunner „richtig ausgerastet“. Sebastian L. habe seinen Freund bei dem Übergriff zunächst unterstützt, am Schluss aber auch versucht, S. von weiteren Schlägen abzuhalten. Brunner sei durch den Angriff gestürzt und mit dem Kopf auf das Bahnsteiggeländer gefallen. Am Boden habe er nicht mehr geschlagen, sondern nur noch „eine Verteidigungshaltung eingenommen“. Doch Brunner hätte womöglich nicht sterben müssen, hätte er Hilfe bekommen. Wie Richard ebenfalls schildert, gab es am Bahnsteig Menschen, die die Schüler in ihrer Panik angesprochen hätten. „Aber keiner hat geholfen.“ Diese Zeugen konnten nie ermittelt werden. Kurz nach der erfolglosen Hilfesuche stand der zu Boden geschlagene Brunner ein letztes Mal auf. „War das hart“, habe er gesagt – dann fiel Brunner um.

Vor der Aussage des Schülers hatte Thomas S., Kommissar, die Einlassungen des Angeklagten Markus in gewisser Weise gestützt. Er hatte eine halbe Stunde mit ihm unmittelbar nach der Tat gesprochen. Wie ein Gangster schien er sich nicht benommen zu haben. Ein käsiges Gesicht, glasige Augen, so schildert der Beamte den jungen Mann. „Er war sehr, sehr bedrückt“ von den Folgen seiner Tat, habe fast nur auf den Boden geschaut. „Sie wollten nur provozieren“, habe Markus gesagt, Brunner aber sei auf ihn zugegangen, habe ihm mit der rechten Faust ins Gesicht geschlagen. „Ich habe mich nur verteidigt“, habe Markus gesagt, und: „Ich würde nie jemanden schlagen, der am Boden liegt.“ Für das, was nach Brunners Stolpern geschah, die Schläge und Tritte gegen Kopf und Oberkörper, habe Markus einen „Filmriss“ geltend gemacht, sagte der Beamte. Der Zeuge berichtet auch von SMS und Anrufen, die registriert wurden, als sich die beiden im Gebüsch des Bahnhofs versteckt hielten. Von viel Polizei war die Rede, und davon, dass nun Haft drohe und man sich für lange Zeit nicht sehe.

Der Polizist bestätigt aber auch, dass Brunner womöglich jemand war, der einem Konflikt nicht um jeden Preis aus dem Weg gehen würde. Ab 1996 habe Brunner für ein- bis anderthalb Jahre eine Boxschule besucht, 2008 noch einmal einen Selbstverteidigungskurs absolviert, wie er von Brunners Lebensgefährtin wisse. „Er hat sich fit halten wollen. Aber er wollte sich auch verteidigen können“, habe die Freundin gesagt.

Markus schweigt. Er und Sebastian bleiben während der Berichte der als Zeugen geladenen Polizeibeamten vollkommen ruhig. Mitunter blicken sie gelangweilt an die Decke. Markus’ Verteidiger hatte am Dienstag eine Reueerklärung verlesen. Gehalten war sie in der Diktion des Jugendlichen. Das sollte authentisch wirken, tat es auch. Ob es stimmt, ist eine andere Frage. Sein Verteidiger schildert ihn als schüchtern, als einen, der sich unterordnet. Im Internet präsentierte sich Markus als harter Gangster, der seinen inhaftierten Bruder anhimmelt und die „Drecksbullen“ jagen will, die ihn geschnappt haben. Fotos gibt es von dem Schüler, auf denen er stolz sein Unterarmtattoo in die Kamera reckt. Der Jüngere und Kleinere, der zur Tatzeit 17-jährige Sebastian, ein Heimkind, heute arbeitslos, wirkt älter. Doch wie sie beide so auf ihren Angeklagtenstühlen sitzen, frisiert und artig gekleidet, haben sie wenig von Schwerverbrechern; sie sind die typischen Jugendtäter: Schulversager mit Neigung zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, unfertige Gestalten, deren trotzige Gernegröße auffallend mit ihrem wirklichen Format kontrastiert. Das sieht auch Oskar Brunner so, der den beiden gegenübersitzt. Brunner hat schriftlich erklärt, dem gesamten Verfahren beiwohnen zu wollen. Er will, dass der Tod seines Sohnes „in einem rechtsstaatlichen Verfahren lückenlos aufgeklärt wird“. Ihm und seiner Frau gehe es psychisch und physisch sehr schlecht seit der Tat. Aber er will keine Rache. Er will „für beide Angeklagte eine tat-, schuld- und erzieherisch angemessene Rechtsfolge“. Besser hätte es kein Jugendrichter ausdrücken können.

Um Rache geht es dafür sehr wesentlich der Staatsanwaltschaft, wenn auch in anderem Kontext: Sie will ein Urteil wegen Mordes, ein Zeichen, das die Tat ahndet als Anschlag auf die Zivilcourage. In einem Mord sieht das Strafgesetzbuch ein besonderes Unrecht und bedroht es mit Lebenslang, etwa wenn jemand heimtückisch oder besonders brutal tötet. Oder, wie womöglich in diesem Fall, ein verachtenswertes Motiv hatte. Von niedrigen Beweggründen spricht das Gesetz, dazu zählt auch, wenn jemand Rache nehmen will. So sieht es die Staatsanwaltschaft hier: Die beiden Schläger hätten sich an Brunner gerächt, weil er ihre Pläne vereitelt haben soll, die Jugendlichen auszunehmen. Brunner habe nur zugeschlagen, weil er sich wehren musste. Wenn die Ankläger dies dem Gericht plausibel machen können, hätten sie triumphiert. Stellt sich heraus, dass die tödliche Prügelei andere Hintergründe hatte als einen koordinierten Plan der Täter, könnte das Motiv aber entfallen. Deshalb sind die ersten Vernehmungen nach der Tat so wichtig, die SMS und die Telefonate, als die beiden sich im Busch versteckten. Hatten Sie tatsächlich damit gerechnet, jemanden totgeprügelt zu haben? Handelte es sich am Ende um einen Aggressionsausbruch, aufgeheizt durch den Konflikt mit den vier Jugendlichen und die später handgreifliche Einmischung Brunners? Dann könnte man auch daran zweifeln, dass die beiden überhaupt vorsätzlich töten wollten. Körperverletzung mit Todesfolge hieße dann das Delikt, und das Bestreiten jeder Tötungsabsicht sowie die ersten Einlassungen der beiden Beklagten weisen darauf hin, dass sie ein Urteil mit diesem Ergebnis erreichen wollen. In der Mitte liegt ein Urteil wegen Totschlags – wenn die Motive unklar bleiben, die Jugendlichen den Tod aber mindestens billigend in Kauf nahmen, wie Juristen sagen. Richter Reinhold Baier gilt in Münchner Strafverteidigerkreisen als moderater Mann, als einer, der gründlich aufklärt und angemessene Urteile spricht. Möglich, dass er in der Mitte landen wird.

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