Brunner-Prozess : Von Mord und Totschlag

Während der zu Tode geprügelte Dominik Brunner als Held gefeiert wird, sitzen in München seine mutmaßlichen Mörder vor Gericht. Welche Rolle spielt der Prozess für die Diskussion um Zivilcourage?

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Angeklagte. Sebastian L. und Markus S. haben Dominik Brunner im September 2009 getötet.
Angeklagte. Sebastian L. und Markus S. haben Dominik Brunner im September 2009 getötet.Foto: dpa

Sie sitzen außen auf der Bank, den Blick gesenkt, je einen Wachmann hinter sich – nicht, weil man andere vor ihnen schützen muss, sondern weil man sie beschützen will. Sie sollen schnell hinaus, wenn das Publikum toben sollte. Markus S. und Sebastian L., die beiden jungen Männer, die Dominik Brunner getötet haben. Es war eine Tat im September 2009 am S-Bahnhof München-Solln, die niemanden unberührt ließ. Sie erfüllte mit Abscheu. Und sie war Anlass, einen Helden auszurufen, Zivilcourage einzufordern, das feinere, abgerüstete Wort für Mut.

Ein Samstag. Brunner kommt vom Schwimmen. Während er mit seinem Rucksack in der S-Bahn Richtung Solln sitzt, streiten sich an der Haltestelle Donnersberger Brücke Jugendliche. Markus S., Sebastian L. und Christoph T. wollen Geld, pöbeln zwei Jungs und zwei Mädchen an, mit 13 bis 15 Jahren jünger als sie. Christoph T. mimt den Starken, beschimpft sie als „Hurensöhne“, boxt und ohrfeigt, lässt dann von ihnen ab. „Haut’s rein“, ruft er zum Abschied. Ein Gruß, sagen die Angeklagten. Ein Auftrag für Ärger, sagt die Staatsanwaltschaft.

Brunners S-Bahn fährt ein. Die Vier hoffen, den Pöblern zu entkommen. Doch in der Bahn geht es weiter, direkt daneben: Brunner. Er mischt sich ein, ruft per Handy die Polizei, spricht von Raub. Die Angeklagten hätten den Vier nur Angst einjagen wollen, sagen sie jetzt. In Solln steigen die Vier mit Brunner aus, Markus und Sebastian folgen. Markus zieht laut Anklage seinen Schlüsselbund heraus und steckt einen Schlüssel wie ein Schlagwerkzeug durch die Finger seiner Faust. Sebastian soll ein Feuerzeug gegriffen haben. Besinnungslos prügeln sie auf ihr Opfer, Brunner, ein. Der wehrt sich. Gegen den von reichlich Alkohol entfesselten Aggressionswahn jedoch hat er keine Chance.

Die Version der Angeklagten geht anders: Er habe nicht als Depp dastehen wollen, sagt Markus’ Verteidiger. Die Jugendlichen hätten getuschelt, gegrinst. „Eigentlich war für mich die Sache erledigt.“ Brunner habe dann plötzlich gesagt, er sei Zeuge, habe alles mitbekommen. Das sei ihm, Markus, aber egal gewesen – er habe ja nichts getan. Brunner, der Kickbox-Fan mit ein paar Trainingsstunden, habe später auf dem Bahnsteig seine Jacke ausgezogen und sei mit erhobenen Fäusten getänzelt. „Was willst Du jetzt?“, habe Markus gefragt. Dann trifft ihn die Faust im Gesicht. „Ich war geschockt. Ich hatte große Schmerzen und wurde richtig wütend.“ Tränen flossen, sagen Zeugen. An mehr könne er sich nicht erinnern.

Sebastian spricht von „Boxerhaltung“. „Bist du ganz ein Harter?“, fragt er Brunner. Als sein Kumpel aus der Nase blutet, auch mal zu Boden geht, schlägt er los. Fünfmal, sechsmal, sagt er. Einer der Jugendlichen habe ihn wegziehen wollen. Sebastian sieht in Markus den Hauptverantwortlichen. Er habe versucht ihn zu bremsen: „Hör’ auf!“ Der aber tritt weiter auf den am Boden liegenden Brunner ein. „Mir kam alles zu krass vor.“

Brunner hat sich wie ein Held verhalten, als solcher hat man ihn geehrt. Aber man wollte mehr, ein Denkmal. Ein dauerhaftes Memento, auf dass andere auch so handeln mögen wie er. Die Gründe dafür mögen auch in der kollektiven Verletztheit liegen, wie nach einem Terroranschlag. Gewalttaten Jugendlicher erschüttern die Gesellschaft immer wieder. Hier wurde zudem ein Komment verletzt: Wer eingreift, wer sich gerade vor jugendlich-kindliche Opfer stellt, mit quasi elterlicher Autorität, der ist als Schlichter zu akzeptieren. Markus und Sebastian durchbrachen mit ihrer Gewaltexplosion den unausgesprochenen Erziehervertrag. Brunner musste davor kapitulieren – und wurde selbst zum Opfer.

Die öffentliche Seele heilt schlecht mit so einer Wunde, wie beim Terror. Deshalb wurde der Fall in die politische Etage gereicht. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler entschied so wie andere in seinem Amt bei den Opfern des RAF-Terrors: Brunner sollte posthum ein Bundesverdienstkreuz bekommen für sein „selbstloses, mutiges und vorbildliches Verhalten“. Einen „ganz seltenen Ausnahmefall“, so sieht es das Bundespräsidialamt heute. Die Posthum-Ehrung wurde mit Brunner nur 13 Menschen in der Geschichte der Bundesrepublik zuteil – allen voran den Opfern des RAF-Terrors. Brunner steht jetzt auf einer Stufe mit dem „Landshut“-Piloten Jürgen Schumann, dem Generalbundesanwalt Siegfried Buback, dem Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts. In seinem Heimatort wird zurzeit ein überlebensgroßer Brunner in Bronze gegossen. Man hatte eine Stiftung ins Leben gerufen. Und am S-Bahnhof Solln will die Bahn ein Denkmal errichten.

Die Denkmalwerdung Brunners spielt auch eine Rolle für die Einordnung der Tat. Beide Angeklagte fallen unter das mildere Jugendrecht, der 19-jährige Markus könnte als Heranwachsender auch nach Erwachsenenrecht bestraft werden. Selbst wenn er wegen Mordes verurteilt würde, drohen dem Jüngeren, Sebastian (18 Jahre und zur Tatzeit 17 Jahre) maximal zehn Jahre Haft. Markus könnte lebenslang kriegen, muss er aber nicht, auch bei Mord nicht. Wenn die Richter es wollen, können sie einen Heranwachsenden in einem solchen Fall nur zehn bis 15 Jahre ins Gefängnis schicken.

Die Aufgabe des Gerichts, in dem auf neun Tage angesetzten Prozesses, ist, schuldangemessen zu strafen. War es wirklich Mord, eine Tötung aus Rache? Oder ein Totschlag, vielleicht sogar einer im Affekt, bei dem auch das Handeln des späteren Opfers eine Rolle spielte? Oder, worauf die Verteidiger eher hinauswollen, sogar nur eine Körperverletzung mit Todesfolge? Dann könnten die Angeklagten mit wenigen Jahren Haft davonkommen. Jetzt kommt es auf die Aussagen der 53 Zeugen an. Sie können am Denkmal Brunner bauen – oder es wackeln lassen.

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