Welt : BSE: Briten rechnen mit mehr Opfern als vermutet

Wenige Tage nach Veröffentlichung des BSE-Untersuchungsberichts hat der Tod von zwei Creutzfeldt-Jakob-Kranken die britische Öffentlichkeit weiter verunsichert. In Wigan nahe Manchester starb am Sonnabend, wie berichtet, ein 14-jähriges Mädchen an der vermutlich durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch ausgelösten Krankheit, wie die Polizei mitteilte. Das Schicksal der kleinen Zoe Jeffries hatte erst am Mittwoch die britische Öffentlichkeit erschüttert, als das Fernsehen Bilder des leidenden Mädchens zeigte.

Außerdem wurde am Wochenende bekannt, dass auch ein im vergangenen Jahr verstorbener 74-Jähriger der Krankheit erlegen war. Bislang gingen die Mediziner davon aus, dass nur jüngere Menschen an Creutzfeldt-Jakob (CJK) erkranken.

Experten zeigten sich beunruhigt über den Fall des 74-Jährigen, bei dem die Mediziner bisher von einer anderen Todesursache ausgegangen waren. Nun müssen möglicherweise alle Schätzungen über die voraussichtliche Zahl der Todesopfer nach oben korrigiert werden. Der Chef der Gesundheitsbehörde Liam Donaldson sagte der BBC, möglicherweise litten zahlreiche alte Leute, bei denen Demenz (Altersschwachsinn) diagnostiziert werde, in Wirklichkeit an CJK. Die tatsächliche Verbreitung der Krankheit könne wesentlich höher sein als bislang befürchtet, bestätigte der Mediziner Roy Anderson. Auch der britische Landwirtschaftsminister, Nick Brown, rechnet mit zahlreichen weiteren Fällen. Beim derzeitigen Stand der Forschung sei jedoch eine genaue Prognose nicht möglich, sagte er am Sonntag.

In dem Fernsehbericht über Zoe Jeffries hatte die Mutter den Verlauf der unheilbaren Hirnkrankheit vom Auftreten des ersten Symptoms, einer Depression, bis zum völligen geistigen Verfall ihrer Tochter beschrieben. Der Sender Channel 4 zeigte die 14-Jährige stöhnend und hustend, mit geschlossenen Augen und erloschen wirkendem Gesicht auf dem Totenbett. Die Krankheit war bei dem Mädchen erst im April 1998 diagnostiziert worden.

Zoes Mutter Helen warf den britischen Behörden vor, ihr Kind durch mangelnde Information der Öffentlichkeit über die Risiken einer BSE-Übertragung auf den Menschen quasi "ermordet" zu haben. Zoe ist offiziell das 81. Todesopfer der qualvollen Krankheit. Weitere vier Menschen sind derzeit an Creutzfeldt-Jakob erkrankt.

Unterdessen berichtete die Wochenzeitung "The Observer", dass selbst durch die Einäscherung der Rinderkadaver das BSE-übertragende Eiweiß nicht vollständig vernichtet werden kann. Demnach ergaben Tests der britischen Umweltschutzbehörde, dass Asche aus einem Verbrennungsofen im ostenglischen Lincolnshire noch immer Spuren der Rinderkrankheit aufweist. Da die Asche in Landauffüllungen verwendet werde, könne sie auch ins Grundwasser gelangen, schreibt "The Observer". Nach Bekanntwerden des BSE-Skandals wurden in Großbritannien insgesamt 4,3 Millionen Kühe notgeschlachtet. Der Zeitung zufolge liegen in Lagerhäusern in ganz Großbritannien 400 000 Tonnen "Berge wahnsinniger Rinder-Kadaver".

Erst am Donnerstag hatte eine unabhängige Untersuchungskommission bei der Vorlage des Berichts ehemaligen britischen Regierungen vorgeworfen, Warnungen von Wissenschaftlern über eine mögliche Übertragung des Rinderwahnsinns auf den Menschen nicht beachtet zu haben. Die derzeitige Regierung hatte daraufhin einen Entschädigungsfonds für BSE-Opfer im Umfang von mehreren Millionen Pfund angekündigt.

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