Buchvorstellung : „Wenn du lachst, freut sich der Körper“

Schreibt ein Mensch ein Buch, wird er den Moment, in dem er es das erste Mal in Händen hält, wohl nie vergessen. Ebru Pek, 16 Jahre, erlebte diesen besonderen Augenblick nicht mehr. Sie war schon tot, als ihr Buch erschien.

Adelheid Müller-Lissner
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Das Bild hat Ebru selbst gemalt. Es hängt in der Kinderklinik, in der sie starb. -Foto: ddp

„In diesem Buch habe ich mein Leben aufgeschrieben“, heißt es im Vorwort. „Aber ich habe nur die schönen Erlebnisse beschrieben, weil ich die traurigen zu traurig fand. Ich lache gerne und möchte anderen Menschen Mut machen. Damit sie wissen, dass man, auch wenn man krank ist, stark sein und sein Leben weiterführen kann.“ Als Ebru Pek diese Zeilen verfasste, war sie schon fast erblindet. Seit ihrer Geburt litt sie an einer seltenen Immunschwäche. Die letzten Monate vor ihrem Tod am 3. Juni verbrachte sie in der Professor-Hess-Kinderklinik in Bremen. Hier arbeitete Karen Duden als Erzieherin im sozialpädagogischen Team der Klinik. Die 37-Jährige erkannte das Erzähltalent der todkranken Ebru und half ihr bei der Arbeit an dem Buch. „Ebru hatte eine gute Beobachtungsgabe“, sagt Karen Duden. Alle Geschichten stammten von dem Mädchen. Sie selbst habe nur ein bisschen redigiert. „Ich habe einen Engel in mir …: Mein Leben und meine Geschichten“, ist der Titel des Buches, das Ende Juni wie das Vermächtnis des Mädchens im Pro Business Verlag erschienen ist. Versammelt sind in dem kurzen Band Träume, Gedichte und Kurzgeschichten. Die zahlreichen bunten Zeichnungen, die das Buch schmücken, stammen alle von Ebru selbst, auch wenn sie am Ende zu einer Lupe greifen musste, um sie anzufertigen.

Das farbenfrohe Bild mit Sonne, Schmetterling und Regenbogen, das auf dem Einband abgebildet ist, hängt immer noch im Flur der Bremer Kinderklinik. „Lacht immer wie die Sonne“, steht darunter. Den Patienten in der Kinderklinik wurde in den vergangenen Wochen oft aus Ebru Peks Buch vorgelesen. Nach Auskunft von Kliniksprecherin Helga Loest interessieren sich inzwischen Krankenhäuser aus ganz Deutschland für die bemerkenswert heiteren Geschichten. Vorlesen gehört in vielen Einrichtungen zum Behandlungskonzept. „Es tut Kindern, denen es schlecht geht, ausgesprochen gut, wenn ihre Fantasie angeregt wird oder wenn man sie einfach ablenkt“, sagt Hans-Iko Huppertz, Chefarzt der Bremer Klinik. „Und die Geschichten von Ebru haben den riesengroßen Vorteil, dass man dabei schmunzeln kann“, ergänzt der Mediziner, der selbst in einer der Geschichten gehörig aufs Korn genommen wird.

Kummer und Schmerz von der Seele schreiben

Ebru Pek, die seit frühester Kindheit immer wieder ins Krankenhaus musste, erzählt nicht von langwierigen Therapien und Phasen der Isolation. Ihr Buch handelt davon, dass der nette Stationsarzt ein wenig wie der Weihnachtsmann aussieht oder dass sie von den anderen Kindern den Spitznamen „Flosse“ bekam, weil sie sich jeden Mittag Fischstäbchen bestellte. „Die Ärzte können nicht immer helfen, aber man braucht dann Mut und Hoffnung und muss selber kämpfen, dann geht es auch alles leichter“, steht in Ebru Peks Buch.

Ihr selbst hat die Arbeit an dem Buch sicherlich auch Kraft gegeben. Dass Schreiben bei der Krankheitsbewältigung helfen, man sich Kummer und Schmerz mitunter von der Seele schreiben kann, haben einige Studien an Erwachsenen bewiesen. Auch Ebru Peks Eltern sagen, das Schreiben habe ihrer kranken Tochter gutgetan.

Kurz vor ihrem Tod wuchsen Ebru Pek dann noch einmal neue Kräfte

So jung Ebru war, so lebenserfahren wirkt sie, wenn man ihr Buch liest. „Ebru konnte viele Dinge nicht tun, die andere Jugendliche in ihrem Alter machen, deshalb war sie einerseits noch recht kindlich“, sagt Karen Duden, die das Mädchen seit viereinhalb Jahren kannte. „Andere Anteile ihrer Persönlichkeit waren dagegen ausgesprochen reif.“ Tatsächlich wirkt es wie eine Zusammenfassung modernster wissenschaftlicher Erkenntnisse von den Zusammenhängen von Körper und Psyche, wenn die junge Deutsch-Türkin an einer Stelle schreibt: „Wenn du lachst, freut sich der Körper.“

Ebru hatte aufgrund des Immundefekts, unter dem sie litt, oft ständig mit Infekten zu kämpfen. Krankheitskeime, die für gesunde Kinder kein Problem darstellen, waren für sie eine stetige Bedrohung. Trotzdem, so schreibt sie in dem Buch, sei sie „eigentlich ein sehr kräftiges Mädchen“ und wolle keinesfalls bemitleidet werden. Chefarzt Hans-Iko Huppertz bezeichnet seine junge Patientin als besonders starke Persönlichkeit. Kurz vor ihrem Tod wuchsen Ebru Pek dann noch einmal neue Kräfte. Ihr Augenlicht verbesserte sich kurzzeitig – und so konnte sie wenigstens noch den Entwurf zu ihrem Buch sehen.

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