Welt : Bücher zur IBA Emscher Park: Blühende Mondlandschaften

Robert Kaltenbrunner

Dass ausgerechnet ein brackiger Abwasserstreifen dem Unternehmen seinen Namen gibt, ist nicht ohne Ironie, aber Programm: Die Emscher, jener kümmerliche, restlos verdreckte, komplett kanalisierte und von Sicherheitszäunen eingefasste Fluss mäandert auf siebzig Kilometer Länge durch das nördliche Ruhrgebiet. Und soll das Rückgrat bilden für einen 350 Quadratkilometer großen Landschaftspark, der in der Geschichte ohne Vorbild ist. Er beinhaltet die Transformation einer untergehenden Industriegesellschaft, ihrer baulichen Hinterlassenschaften und abgeräumten Gegenden in eine Art postmontanes Arkadien.

Das Revier in Ordnung bringen

Zehn Jahre lang hat der Strukturwandel im Ruhrgebiet ökologische und kulturelle, zum Teil auch ökonomische und soziale Impulse erfahren durch die "Internationale Bauausstellung Emscher Park". Ihr Inhalt war die Erneuerung einer in weiten Teilen brachgefallenen Industrieregion. Dabei hat man auf Unerreichbares - aber auch auf manches Notwendige - verzichten müssen, hat aber nicht nur den Landstrich zwischen Duisburg und Kamen, Bochum und Recklinghausen nach Kräften "in Ordnung gebracht", sondern dem ganzen "Revier", ja allen Ländern, die sich mit ramponierten alten Industriegebieten und wegrationalisierten Arbeitsplätze plagen, mit weit über hundert Beispielen zu Anregungen verholfen.

Eine Reihe von Büchern präpariert die unterschiedlichsten Facetten des gigantischen Unternehmens heraus. In welchen Verhältnis stehen sie zueinander, die Ambitionen und das Erreichte? Darauf geben die Bücher unterschiedliche Antworten. Manfred Sack erzählt beredt von diesem Experiment, von der Idee, ihrer Verwirklichung, von Anstiftern und Impulsgebern. Sein Ansatz ist ein genereller, wohingegen die anderen Bände versuchen, jeweils einen der drei Komplexe Landschaft, Industrie und Siedlung so umfassend wie möglich aufzubereiten. Der Tenor aber ist gleich. Einhellig konstatieren sie den - relativen - Erfolg des Unternehmens. Zwar missfiel manchem Apologeten der großen Vision die Bruchstückhaftigkeit des IBA-Programms und seine angebliche Wirkungs- und Harmlosigkeit.

Auch wurde moniert, dass die IBA an einem "Machbarkeitswahn" gelitten und "eher staats- und kapitalnah denn bürgernah" agiert hätte. Gleichwohl aber wird man ihr allenfalls vorwerfen können, vorrangig das Wesentliche definiert, realistisch gehandelt und ihre Grenzen gekannt zu haben; zudem erlaubte sie sich noch ein paar zukunftsträchtige Vorstellungen. Als "Wesenskern seiner Aufgabe" sah es Karl Ganser, der tatkräftige und eloquente Direktor der IBA, an, diese "Vergangenheit nun nicht musealisierend zu konservieren, sondern als Baukasten für neue Nutzungen und ästhetische Antriebe zu verstehen."

Ein Konsum von Landschaft

Was als neuartige Kulturlandschaft entsteht, ist bisher jedoch nur in Andeutungen zu erkennen: Zum einen verstellt das Bild von einer "schönen Landschaft und schönen Stadt" eine vorurteilsfreie Wertschätzung der völlig anderen industriellen Siedlungsstruktur. Zum anderen haben sich Leistungsträger und Meinungsführer ebenso wie breite Bevölkerungsschichten angewöhnt, ihren Bedarf an Freizeit und Konsum von attraktiver Landschaft in traditionellen Kulturregionen weit außerhalb des Ruhrgebiets zu decken. Es liegt also ein Leitbild- und ein Wahrnehmungsdefizit vor. Dieses doppelte Dilemma abzubauen ist ein herkulischer Akt. Rund 118 Projekte wurden im Rahmen der IBA bislang realisiert. Bau und Erneuerung von rund 6000 Wohnungen setzen die überlieferte Siedlungskultur des Wohnens im Ruhrgebiet fort. Eher als andere städtebauliche Modelle scheint die Gartenstadtsiedlung geeignet und in der Lage, Alternativen zum Siedlungsbrei am Stadtrand aufzuzeigen. Dies anhand von 20 neuen und alten Wohnquartieren anschaulich zu machen, versuchen die Aufsätze und Reportagen des Buches zur "Siedlungskultur". Wenn in Berlin Block und Kiez ein Leitbild abgeben, so ist es im Ruhrgebiet diese Siedlungsform. Sie schottet sich in gewisser Weise ab gegenüber den Zumutungen der großen Industriestadt, als "Insel der Ruhe" und als Identitätsangebot im suburbanen Zwischenland. Die Siedlungen Schüngelberg (Rolf u. Christian Keller) und Küppersbusch (Szyszkowitz-Kowalski) in Gelsenkirchen, die Dortmunder CEAG Siedlung (Hubert Riess); oder - aus dem Progamm "Einfach und selber bauen" - die Hubert-Biernat-Straße in Bergkamen (Post, Wolters, Becker) und die "Kinderfreundliche Siedlung" in Herten (3-Pass-Architekt/innen): Sie alle stehen beispielgebend für diesen so unspektakulären wie wohnungspolitisch effektiven Ansatz. Zudem sind im unteren Marktsegment des Reviers spektakuläre Gesten weder bezahlbar noch angemessen. Wo nur ein low-cost-budget zur Verfügung steht, ist der Zusammenschluss von Selbstbauern, Nachbarschaftshelfern und Berater-Architekten eher gefragt als souveräne Baukünstler mit berufsspezifischem Darstellungsdrang. Eine Reihe von vielen kleinen und wenigen großen Projekten - weit in der Region verstreut, aber geschickt platziert und emsig kommuniziert - kultivieren das Bild der behutsamen, ökologischen, nachhaltigen und vernetzten, gar flächendeckenden Planung. Die ist aber, genau genommen, gar keine, sondern eher eine Art Akupunkturbehandlung. Doch das Rezept ist recht erfolgreich.

Bauausstellung für Architekten

Wirft man einen Blick auf das Ruhrgebiet, so stellt sich die Frage, ob eine so dicht besiedelte Fläche nicht insgesamt einen entwicklungsplanerischen Rahmen braucht, in dem Städte, Landschaft und Verkehrswege in einem Ausgleich von Technologie, Ökonomie und Ökologie als ein zusammenhängendes System gesehen werden, als eine von großen landschaftlichen Zügen strukturierte metropolitane Region mit besonderen Schwerpunkten. Folgerichtig hat die IBA das auch zu ihrem Gegenstand gemacht.

Im tiefsten Grund ist sie deshalb als eine Bauausstellung für Landschaftsarchitekten anzusehen, die es für vordringlich halten, Abraumhalden zu modellieren, verwildertes Zechengelände wegsam zu machen und im Grünen gemeinsam mit bildenden Künstlern das eine oder andere Zeichen zu setzen. Indem die IBA eine weiträumige und deshalb nur schwer erfahrbare Struktur symbolischer Projekte weniger plante als vielmehr realisierte, steht sie eher in der Tradition konzeptueller Kunst, als dass sie wirklich ein urbanistisches Kalkül verkörperte. Natürlich hängt es vom Standpunkt des Betrachters ab, wieviel Erfolg man dem Unternehmen bescheinigen möchte: Immerhin, die IBA hat vieles - und vielleicht sogar mehr, als man erwarten konnte - umgekrempelt. Wüsteneien wurden in ungekannte, leicht struppige Paradiese verwandelt; aus monströsen Bauwerken, in denen viele nur noch rostende Ruinen, Schrott und Schutt vermuteten, wurden bestaunte Pretiosen der Industriegeschichte gemacht - und nicht zuletzt wurden Menschen auf ebenso ungewöhnliche wie inspirierende Weise zu mäßigen Preisen so gut wie nur irgend möglich behaust. Die vorliegenden Bücher dokumentieren einen eindrucksvollen Prozess auf nicht minder eindrucksvolle Weise.

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