Welt : "Buena Vista. Die Musik Kubas": Hier geht es ums Ganze!

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Nein, obwohl auf der Titelseite ein älterer Compagnero als tres-Spieler mit Sonnenhut malerisch vor einer Garage mit Straßenkreuzer in Havanna sitzt, obwohl die Typographie der Lettern eine Karibik wie aus dem Bilderbuch suggeriert: "Buena Vista. Die Musik Kubas" von Maya Roy (Palmyra-Verlag, Heidelberg 2000, 243 Seiten mit Abbildungen und einer CD, 39,80 DM) ist nicht der zweihundertste Aufguss jenes Kuba, das durch Ry Cooder und Wim Wenders mit ihrem "Buena Vista Social Club" mehrheitsfähig geworden ist. Vielleicht ist gerade jetzt die richtige Zeit, wenn die Tex-Mex-Welle bis in westdeutsche Kleinstädte vorgedrungen ist und dort langsam verebbt, eine kenntnisreiche Geschichte der spezifischen Musik auf Kuba zur Hand zu nehmen. Das französische Original erschien 1998: Maya Roy blendet zurück auf die vierhundertjährige Geschichte der kubanischen Volksmusik, die eng mit der Kolonialisierung und der Sklaverei zusammenhängt und in der europäische und afrikanische Einflüsse in einer charakteristischen Weise verschmolzen sind. Von den rituellen Yoruba-Gesängen über traditionelle Gruppen wie dem "Septeto Nacional Ignacio Pineiro", Benny More oder dem "Orquesta Aragon" bis zu den zeitgenössischen Formationen wie "Los Van Van" oder "Irakere" lernen wir die gesamte Bandbreite der kubanischen Musik kennen. Von Militär und Kirche als den ersten Musikschulen, von der typisch afrokubanischen Mischkultur, in der die katholische Kirche kaum vom "santeria"-Kult zu trennen ist, von den spezifischen Musikinstrumenten und vom frühen Export des "Exotischen" in die USA: Hier geht es ums Ganze. Es gibt Tausende von alten Bändern, die in den Archiven der staatlichen Plattenfirma "Egrem" schlummern und die allesamt die Qualitäten der wunderbaren und jetzt berühmt gewordenen "Buena Vista Social Club"-Musiker haben. Maya Roy beschreibt sehr differenziert die Tradition und den Boom, und so sehr er auch Verdienste anerkennen kann, die sich Ry Cooder mit seiner Kuba-Politik erworben hat - er spricht vielen aus dem Herzen, wenn er feststellt, dass die Slide- oder eben auch die Hawaii-Gitarre Ry Cooders, "die auf der Platte einigermaßen diskret klingt, sich im Film in jeder der in den kubanischen boleros so wichtigen Pausen schrill in den Vordergrund drängt, was für Kenner fast unerträglich ist." Die beigefügte CD kommt ohne Musiker von außen aus und vermittelt etwas von jenen Stimmungen, die manchmal bis in den Karneval von Santiago de Cuba reichen.

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