Welt : Bush - aufgeblasen

Wahlkampf-Shops in den USA verkaufen Pappkameraden und Halloween-Masken – die Verkäufer wissen schon, wer gewinnt

Lars von Törne[Washington]

Für 35 Dollar kann man den Präsidenten oder seinen Herausforderer als Pappkamerad mit nach Hause nehmen. Den aufblasbaren Plastik-Bush im Kampffliegeranzug gibt es für 15 Dollar, das Gleiche zahlt man für eine Voodoo-Puppe von Kerry samt Nadeln zum Reinpieksen. Und wer schon morgens beim Frühstück von George W. oder John F. angelächelt werden will, bekommt für je drei Dollar Kaffeetassen mit den Konterfeis der beiden Konkurrenten ums höchste Amt der USA. In den letzten Tagen vor der Wahl boomt der Markt für Polit-Souvenirs und WahlkampfKitsch. Je näher der alles entscheidende Tag rückt, desto mehr Amerikaner munitionieren sich in letzter Minute mit Wahlwerbung und demonstrativen Zeichen ihrer politischen Zugehörigkeit.

Besonders deutlich spürt man das in diesen Tagen in einem kleinen Eckladen einen Block östlich des Weißen Hauses in Washington. „Political Americana“ steht am mit Wahlwerbung beider Parteien dekorierten Schaufenster, und drinnen drängeln sich auf wenigen Quadratmetern ein gutes Dutzend Bush-Anhänger und Bush-Gegner, Kerry-Fans und Kerry-Feinde, um sich für die entscheidende Schlacht zu munitionieren. Jeff Stitely und Heather Weidner sind Bush-Fans und an ihrem freien Tag aus dem benachbarten Staat Maryland angereist, um sich neue T-Shirts und Anstecker zu besorgen. Damit wollen sie unter Freunden und Bekannten für George W. Bush und Vizepräsident Dick Cheney werben. „In unserem Bekanntenkreis sind viele demonstrativ für Kerry – dem wollen wir etwas entgegensetzen“, erzählt die 30-jährige Heather Weidner, die für ein großes Chemieunternehmen arbeitet. Stolz zeigt sie eine Handvoll Bush-Anstecker, einen Autoaufkleber mit dem Schriftzug „Bush-Cheney“ und ein T-Shirt, das eine Waffel und ein Steak zeigt, zwischen denen sich der Betrachter entscheiden soll. Eine Waffel und ein Steak? „Die Waffel steht für Kerrys Wischiwaschi-Kurs, das Steak für Bushs Standhaftigkeit“, erklärt die Frau und grinst. Demokraten-Anhängerin Carolyn Walker rümpft über soviel Bush-Begeisterung verächtlich die Nase. „Ich kaufe hier regelmäßig Aufkleber und Kerry-Wahlschilder für unseren Vorgarten und für Freunde“, erzählt die 52-jährige Washingtonerin, die bei einer Gesundheitsorganisation arbeitet. Heute hat sie außerdem eine Handvoll Wimpel und Flaggen gekauft – von beiden Parteien. „Die bringe ich meiner Mutter mit, damit sie in ihrem Altersheim am Dienstag eine Wahlparty feiern kann.“ Inmitten des Getümmels in dem kleinen Laden stehen Verkäufer Tom Carrier und Geschäftsführerin Tatiana Centeno und freuen sich über die vielen Besucher. Seit 20 Jahren gibt es den kleinen Laden, aber so ein gutes Geschäft wie in diesem Jahr haben die beiden noch nie erlebt. „Die Leute wollen ihre politische Zugehörigkeit mehr ausdrücken als je zuvor“, sagt Tom Carrier. Der 48-Jährige hat früher mal für die Regierung und unter Clinton sogar direkt im Weißen Haus gearbeitet. Als die Republikaner an die Macht kamen, ging er in die Wirtschaft. „Bis zu dieser Wahl war das Interesse an Politik bei uns eher niedrig – in diesem Jahr ist es sprunghaft gestiegen“, sagt er. Alleine seit Juli haben in seinem Laden und über das Internet (www.politicalamericana.com) 18000 Kunden Artikel mit Wahlwerbung oder dem Bild eines Kandidaten drauf gekauft – mehr als sonst in einem ganzen Jahr.

Die Begeisterung vieler Amerikaner für politische Memorabilia mag für Besucher von außen kurios erscheinen. Für viele Amerikaner ist es ganz selbstverständlich, ihre Zustimmung zu einem Kandidaten mit Schildern, Ansteckern, Aufklebern oder T-Shirts auszudrücken. Der Einfallsreichtum der Hersteller ist dabei fast ebenso unbegrenzt wie die Kauflust der Polit-Junkies. So hat Tom Carrier in den letzten Wochen nicht nur Tausende T-Shirts, Anstecker und Aufkleber verkauft; auch die kleinen Stoffelefanten und Stoffesel, die die jeweiligen Symboltiere der Republikaner und Demokraten symbolisieren, gehen in diesem Jahr sehr gut. Ebenso Schlipse, Baseball-Mützen, Gedenkmünzen, Autogrammkarten und sogar das Sitzkissen für Hunde, bei dem Herrchen zwischen einem Kissen mit Bushs und einem mit Kerrys Porträt auswählen kann. Und die lebensgroßen Pappfiguren der beiden Kandidaten mussten wegen der regen Nachfrage schon mehrmals nachbestellt werden. Verkäufer Tom Carrier sieht die Verbindung von Kitsch, Kommerz und Kampagne auch als Beitrag zur Demokratie in seinem Land: „Wenn Politik auch mal lustig sein kann und Spaß macht, dann interessieren sich auch mehr Leute dafür.“

Nebenbei helfen die Polit-Souvenirjäger, Carriers private Wahlvorhersage zu unterfüttern. In einer Ecke hat er einen Computer aufgestellt, der genau registriert, welches verkaufte Stück für welche Partei warb. „Bei allen früheren Wahlen haben wir mit unserer Verkaufsstatistik das Ergebnis der Präsidentschaftswahl bis auf ein oder zwei Prozent genau vorhergesagt“, sagt Carrier stolz. So gesehen, kann Kerry aufatmen: Fast 51 Prozent der Kunden kauften bislang demokratisch, nur 49 Prozent kauften republikanisch.

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