Welt : "Cabaret Law": Lizenz zum Tanzen

Susanne Ostwald

Aufwachen in der Stadt, die niemals schläft - dieses von Frank Sinatra besungene Begehren scheint heute passé und einem ganz anderen Wunsch der New Yorker gewichen zu sein: Schlafen in einer Stadt, die immer wacht. Diesen Eindruck kann jedenfalls gewinnen, wer die immer heftiger geführte Diskussion um das New Yorker Nachtleben und seine akustischen Emissionen verfolgt. Um die ehemals gefeierte Clubszene der Stadt, die sich einst zur Dancing Queen krönte, ist es erstaunlich still geworden - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Darum bemüht, in der Stadt Ruhe und Ordnung zu schaffen und allzu zügellosem Treiben Einhalt zu gebieten, konzentriert sich Bürgermeister Rudy Giuliani nach seinem weitgehend erfolgreichen Feldzug gegen das Sexgewerbe rund um den Times Square nun auf einen anderen Bereich des Unterhaltungsbetriebes: die Danceclubs der Stadt. Haben sie in den vergangenen Jahren im Vergleich zu Berlin - wohin immer mehr New Yorker kommen - und London ohnehin stark an Attraktion eingebüsst, so leiden sie nun zusätzlich unter strikten und von der Polizei rigide durchgesetzten Auflagen zur Lärmbegrenzung, die Giuliani erlassen hat - wobei er sich eines lange nicht angewandten und beinahe vergessenen Gesetzes aus der Prohibitionsära bedient.

Das aus dem Jahr 1926 stammende sogenannte "Cabaret Law" wurde einst nicht nur als Handhabe gegen die illegalen Speakeasies erlassen, sondern insbesondere auch zur Regulierung der zahlreichen Jazzclubs in Harlem, die Nachtschwärmer aus ganz New York anzogen und somit die Rassentrennung unterliefen. Clubbetreibern, die nicht über eine nur schwer erhältliche "Cabaret License" verfügten, wurden jede Art von Tanz verboten sowie strenge Bestimmungen für Musikveranstaltungen auferlegt: Bands durften aus maximal nur drei Musikern bestehen; Perkussions- und Blasinstrumente waren ganz verboten.

Um seine berüchtigte Aufräumaktion in New York fortzusetzen, kam es Giuliani gerade recht, dass er sich eines schon bestehenden Gesetzes bedienen konnte, das er nun rigoros einsetzt, um den Bars und Clubs der Stadt das Leben so schwer wie möglich zu machen. Jene, die nicht über die nun wieder zu neuen Ehren gelangte "Cabaret License" verfügen, müssen zu geradezu absurden Massnahmen greifen, um ihrer Schliessung durch die Behörden zu entgehen.

"Bitte nicht tanzen!" - dieses Schild hängt gleich neben den zwei Turntables der DJane im "Standard", einem hippen Lokal im szenigen East Village, das sich bedeutungsvoll "Bar and Listening Room" nennt - denn die Aufforderung ist keineswegs der drangvollen Enge geschuldet, die hier in der Regel herrscht. Sobald die Gäste anfingen, zur Musik nicht nur zu lauschen, sondern sich in den Hüften zu wiegen oder gar ein paar Tanzschritte zu wagen, und in diesem gelösten Zustand einem der behördlichen Inspektoren auffielen, würde das zur Schliessung des "Standard" führen. Aus Angst, ihre Gäste könnten womöglich in Tanzlaune verfallen, blockieren viele Bars freie Plätze in ihren Räumen mit Sofas und Sesseln - die sogenannte "Ver-lounge-ung" des Nachtlebens. Diese ist zwar ohnehin ein Trend, wird unter Giuliani jetzt aber auch behördlicherseits durchgesetzt.

Andere bemühen sich um eine Differenzierung des Gesetzes und fordern die Aufnahme eines Zusatzartikels, der "beiläufiges Tanzen" von einer Bestrafung ausnimmt. Die Behörden haben sich tatsächlich ausführlich mit der korrekten Definition des Begriffes "Tanzen" auseinandergesetzt und von "einem Sich-Drehen" bis hin zu "rhythmischen oder zuckenden Bewegungen" alles als im Sinne des Gesetzes für illegal erklärt - es sei denn, es besteht die Lizenz zum Tanzen.

Die schikanösen Massnahmen sind allerdings nicht allein Giulianis ordnungsliebendem Eifer zuzuschreiben, sondern gehen auch zurück auf die immer zahlreicher werdenden Nachbarschaftsinitiativen gegen eine Lärmbelästigung durch das Nachtleben - die sich übrigens nicht nur gegen Clubs, sondern zunehmend auch gegen populäre Restaurants oder grosse Kinos wenden. Ehemals heruntergekommene Quartiere wie etwa das East Village, der Meatpacking District und TriBeCa in Manhattan, oder das boomende Williamsburg in Brooklyn haben sich in den vergangenen Jahren zu äusserst lebhaften Vierteln und Hotspots des Nachtlebens entwickelt - und in der Folge auch jene wieder zurück in die Stadt gelockt, die New York während der Krisenjahre verlassen hatten und in die Vororte gezogen waren, weil es dort weniger Kriminalität und Schmutz gab. In den vergangenen Jahren hat New York einen riesigen Zustrom von Bessersituierten erlebt.

Während die Mieten in nie gekannte Höhen klettern, verändern sich die Profile der ehemals gemiedenen Quartiere mit ihren neuen Bewohnern, die, so sagt der Soziologieprofessor Philip Kasinitz von der New York University, ihre Vorort-Erwartungen nach Ruhe und Frieden mitbringen und nicht einsehen wollen, dass dieses Bedürfnis mit dem gleichzeitigen Wunsch nach einem pulsierenden Leben in der Stadt nur schwer in Einklang zu bringen ist. Neben der Forderung nach stärkerer Durchsetzung des "Cabaret Law" wird beispielsweise auch nach strikten Parkverboten verlangt, um auf diesem Wege Nachtschwärmer aus der Nachbarschaft fernzuhalten.

Inzwischen hat sich freilich auch eine Gegenbewegung formiert: die sogenannte "Dance Liberation Front", eine Spass-Guerilla, deren Aktivisten Namen tragen wie Shake Guevara, Comrade Get Down und Deputy Disco Fever, und die bereits einen "Million Mambo March" durch das East Village veranstaltet haben. Sie sagen, es gehe um das Recht auf freie Meinungsäusserung, das sich im Tanzen ausdrücke. Allerdings hat bereits im Jahr 1989 das Oberste Gericht der USA festgestellt, dass der "Gesellschaftstanz" nicht unter den Schutz des First Amendment, das die Meinungsfreiheit garantiert, falle. Der Anwalt Robert Bookman, der die Night York Nightlife Association vertritt, fordert das bald 75 Jahre alte "Cabaret Law" auf dem Rechtsweg heraus und sagt, es werde angewandt, obwohl es in Teilen nicht mehr mit der heutigen Verfassung in Einklang zu bringen sei. Viele Clubs mussten inzwischen für Verstösse so hohe Geldstrafen entrichten, dass sie schon allein aus Geldnot von der Schliessung bedroht sind - selbst wenn ihnen nach vorübergehender Schliessung eine Lizenz erteilt wird. Der Musikproduzent Colin Strange sagt, was stattfinde, sei eine Kriminalisierung des Nachtlebens von New York - mit dem einst stolz für die Stadt Werbung gemacht wurde, während heute Sauberkeit und Sicherheit als Lockmittel hervorgehoben werden.

Die Giuliani-Administration macht sich indes keine Sorgen darum, dass das Image der Stadt als Nightlife-Metropole Schaden nimmt - auch wenn immer mehr enttäuschte Nightclubber klagen, New York sei nicht mehr, was es einmal war. Der stellvertretende Bürgermeister Rudy Washington, der die Anti-Club-Kampagne exekutiert, sagt, dass die Beschwerden, New York werde langweiliger als Kansas, aus seiner Sicht ein Grund zum Feiern seien.

Aber nicht zu laut, bitte.

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