Welt : "Café Saratoga": Mutterland, ade

Anja Hirsch

In Malin Schwerdtfegers Texten steht die Welt Kopf. Mit ihrem Erzählband "Leichte Mädchen" debütierte die 1972 in Bremen geborene Autorin im Frühjahr, und schon kann man mehr bekommen von diesem klaren Tonfall: nie pathetisch, leicht böse, ohne Umstände. In ihrem ersten Roman "Café Saratoga" zeigt sich deutlicher noch als in den kurzen Texten, wie perfekt diese Sprache funktioniert. Weil sie so direkt ist und doch mehrschichtig. Weil sie von Tod, Sehnsucht, Liebe erzählt, ohne diese Worte überzustrapazieren. Was berührt, ergibt sich irgendwo in der Leerstelle zwischen diesen Sätzen. Malin Schwerdtfeger lässt aus, was sie sagen will.

Sonja ist die Ich-Erzählerin. Gerade volljährig, unterwegs in einem klapprigen Fiat von Deutschland zur polnischen Halbinsel Hel. Mit ihrer Freundin Jane und ihrer Mutter Lilka. "Mit einem Führerschein, der nicht älter war als drei Tage, und mit einem Auto, das viel älter war. Mit einem Auto, das Geräusche machte, und einer Mutter, die schwitzte." Zwei Sorgenkinder. "Beide hörten sich nicht gut an."

Die Töchter sind die Mütter

So beginnt der Roman, und man fühlt sich erinnert an all die Mütter aus ihren Erzählungen, denen es auch nicht gut geht. Die Töchter müssen sich um sie kümmern, selbst noch Kinder oder zu schnell erwachsen gewordene. Malin Schwerdtfeger bedient sich aus ihren Erzählungen, aber das stört überhaupt nicht. Im Roman hat sie die Chance, die Motive zu entfalten, eine Familiengeschichte aufzurollen. Symptome zu schildern, aber auch ihre Ursachen. Dadurch geht einiges von den schnellen Effekten verloren. Aber "Café Saratoga" ist immer noch dicht genug, spielt mit den Sympathien für die Figuren und schildert überhaupt erst deren Woher und Wohin, eingefügt in eine sorgsam erdachte Architektonik.

Deren erster Baustein, der Romanbeginn, ist bereits das Wohin, die Reise zu einem utopischen Ort einer Vergangenheit mit "perfekten Tagen". Auf Hel führte Sonjas Vater, immer nur Tata genannt, das Café Saratoga, und hier verbrachten Sonja und ihre Schwester Majka wunderschöne Sommer, bevor die Familie ihrem Tata in den Westen, nach "Bundes", folgte. Das Café war nur Absprungbrett, Zwischenstation - wenigstens für Tata, den man übrigens bereits aus der Erzählung "Fell und Federn" kennt; sie wirkt wie eine Vorstudie zum Roman. Auf Hel beginnt also die eigentliche Erzählung, in einer "Ferienlegende von Wildheit und Freiheit". Die Töchter noch in der Pubertät. Die Mutter depressiv, wie sich das gehört für eine Schwerdtfegerische Mutter. Wie wächst man auf zwischen diesen Extremen? "Tata ist das Leben". Packt zu. Euphorisch. Liebenswürdig verrückt. Ziemlich sexbesessen. Ganz Natur. Wartet auf die Regel seiner Töchter, später auf deren Entjungferung. Ist stolz auf seine Gene und will sie aufgehen sehen. Denkt zyklisch. Wäre gerne eine Frau.

Zuckerwatte für die Kinder

Einmal zerschlägt er besoffen Glas in Sonjas Gesicht und bringt sich fast um, weil Sonja nicht nach ihm sieht. Weil sein Schlag ein Kuss war und er sie aus Liebe für ihre Unwissenheit bestrafen wollte. Alles verkehrt. Sonja liebt ihn. - Lilka ist phlegmatisch. Statisch. Vergangenheitsorientiert.

Einst gab es für sie eine Chance der Liebe. Dann kam Tata und machte alles kaputt. Jetzt nörgelt sie. Lässt sich gehen. Kommt kaum mehr aus ihrer dunklen Wohnung. Bei Ausflügen kauft sie den Kindern Eis oder Zuckerwatte. "Aber Majka und ich hätten gern einen Apfel gehabt, einen Apfel, den Mama aus der Tasche geholt hätte. Vielleicht noch ein Messer, eingewickelt in eine Serviette, womit sie den Apfel in zwei Hälften geschnitten hätte." Längst ist diese Mutter geschieden von Tata und kommt trotzdem nicht von ihm los. Sie ist die einzige im Buch, die schlecht wegkommt, vielleicht auch, weil sich keiner recht für die Ursachen ihrer Krankheit interessiert. Eigenartig, wie wenig Sympathie die von Tata mürbe gemachte Lilka erhält, die ihrer ältesten Tochter stets die wirklich wichtigen Entscheidungen überlässt und ihr damit eine unangemessene Verantwortung aufbürdet.

Welchen Preis zahlt man für solche Eltern? Welchen Preis für ein neues Land? In den Erzählungen war kein Platz für viel Psychologie. Deshalb wirkten sie eine Nuance endgültiger. Auch schärfer. Unverrückbar.

Im Roman will man die Figuren schütteln. An ihre Verantwortung appellieren, obwohl man ahnt, warum sie so geworden sind, wie sie uns jetzt vorgeführt werden - etwa wenn Sonja sich als Bettnässerin beschreibt. Die Inkontinenz ist nicht nur schales Attribut dieser Figur, sondern eingefasst in ein Schicksal. Noch tragischer ist das von Majka. Auf Hel war sie auch das Leben, wassernärrisch, begeistert. In Bremen entweicht alles Leben aus ihr. Als wäre sie von der Mutter, bei der sie lebt, infiziert. Irgendwann ist sie "wie ein Zug aus dem Gleis gesprungen". Und "genau wie sich zwei Parallelen erst in der Unendlichkeit trafen, gab es in diesem Leben keine Möglichkeit, auf das Gleis zurückzufinden, weder für Majka noch mich", sagt Sonja. Kaum merklich hat sie den Bezug zu ihrer Schwester verloren, sie haben sich auseinandergelebt.

Topographien von Land und Seele

Die Figuren sind klar charakterisiert. Trotzdem geraten sie nicht statisch. Die Orte verändern sie. Malin Schwerdtfeger entwirft diese Orte mit leichter Hand, aber vergisst nie, sie mit den Menschen zu verknüpfen, Topographien von Land und Seele zu erschreiben. Sie spannt ihren Roman zwischen Polen und Deutschland auf, ohne mit dem Thema zu wedeln. Sie beschreibt eine tiefe Irritation, wie sie nur stattfinden kann, wenn man sich zwischen extremen Eltern und wechselnden Wohnorten definieren muß, zweierlei Flüchtling ist. Ihre eigenwillige Sprache hält dem stand, mehr noch: findet neue Töne, weil Pointen hier nicht taugen. Sie vertraut auf die Wahrnehmung äußerer Details, solche, die eine Gegend oder die gesamte Innenschau einer Figur zu erfassen in der Lage sind. Verlässt sich auf Dialoge, in denen kein Wort zuviel steht, und arrangiert Passagen voller Poesie. Ein wunderbar ehrliches, originelles Zeugnis vom Erwachsenwerden in einer Welt von verrückten Erwachsenen.

Tata hätte übrigens das Ende gefallen. Es macht den Roman zyklisch wie Tatas Denken. Etwas keimt, für die Ich-Erzählerin Sonja ein Glück, das auch ohne Tata möglich wird. Ausgerechnet auf der Reise zum Café Saratoga, das nur zu einer großen Enttäuschung geworden wäre. Die Reise stockt, aber der Prozess der Reife als Loslösung von den Eltern scheint stattgefunden zu haben. Einmal heißt es, Tata hatte "den Mittelpunkt der Welt mitgenommen, und von da an war er immer dort gewesen, wo Tata gewesen war." Das Erzählen hat die Kraft, den Mittelpunkt zu verschieben.

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