Chaos in Venedig : Streit um den Verkehr

Der Canal Grande soll nach mehreren Kollissionen und einem Todesfall endlich sicherer werden. Doch die Bevölkerung wehrt sich gegen die Pläne des Bürgermeisters

Paul Kreiner
Engstelle. Der Canal Grande mit der berühmten Rialto-Brücke
Engstelle. Der Canal Grande mit der berühmten Rialto-BrückeFoto: dpa

Unmöglich! Nur Effekthascherei! Was das kostet!“ Der Plan, mit dem Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni den chaotischen Verkehr auf dem Canal Grande entzerren, ausdünnen und sicherer machen will, stößt in der Lagunenstadt weitgehend auf Ablehnung. „Alle müssen Opfer bringen“, hatte Orsoni bei der Vorstellung der 26 Punkte am Montag dieser Woche gesagt: „Überall auf der Welt ist das so. Warum nicht auch in Venedig?“ Sein Stadtrat für Verkehrsfragen, Ugo Bergamo, fügte hinzu, die Stadt müsse „vor den Augen der Welt wieder glaubwürdig werden“ – nach jenem Unfall, der am 17.August den deutschen Richter und Strafrechtsprofessor Joachim Vogel das Leben gekostet hat. Vogel, der mit seiner Familie eine Gondelfahrt unternommen hatte, wurde am Freitag in Tübingen bestattet; eine Abordnung von Gondolieri war dabei.
Die Gondolieri haben ganz andere Probleme

Die Gondolieri sind im Streit um die neuen Sicherheitsmaßnahmen auf dem Canal Grande noch die ruhigsten. Sie haben andere Probleme – nicht erst seit dem 25-jährigen Fahrer der Unglücksgondel der Konsum von Haschisch und Kokain nachgewiesen worden ist. Schon Wochen zuvor hatte Nicola Falconi, der Chef des städtischen Amts für den Gondelbetrieb, einen allgemeinen Drogen- und Alkoholtest für Beschäftigte dieses Metiers verlangt. Und er hatte einen offenbar genauso nötigen Aufruf zur Disziplin und zur „Beachtung der Regeln“ an die Fahrer losgelassen. Das geschah nicht zum ersten Mal, wurde in Venedig bisher aber mit Hinweis auf die nationalen Gesetze vereitelt: diese schreiben Drogen- und Alkoholtests zwar für Lenker von Autos, Lastwagen und Bussen vor, nicht aber für jene, die auf dem Wasser unterwegs sind.
Die Kollision zwischen einem Linienschiff und der Gondel unmittelbar vor der Rialto-Brücke, bei der Professor Vogel getötet wurde, ist in ihrem genauen Hergang noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass sie mit der enormen Verkehrsdichte an dieser engsten Stelle des Canal Grande zu tun hat, mit dem daraus folgenden Mangel an Manövrier- und Ausweichfläche, damit auch, dass Linienschiffe, Wassertaxis, Transportkähne, Gondeln und private Motorboote aus allen Richtungen kommen und regellos durcheinanderfahren. In der Hauptverkehrszeit sind da bis zu 250 Fahrzeuge pro Stunde unterwegs, jede Minute vier. Und auch wenn der – vom aktuellen Fall abgesehen – letzte tödliche Unfall 21 Jahre zurückliegt: Jedes Jahr kommt es auf Venedigs 3,8 Kilometer langer „Zentralautobahn“ zu etwa neunzig Zusammenstößen.

Auf dem Canal Grande kollidieren sehr unterschiedliche Interessen seiner Nutzer

Dieses Chaos will Bürgermeister Orsoni nun beenden. Doch wenn er Liefer- und Lastkähne nach zehn Uhr morgens aussperren will, dann protestieren die Fuhrunternehmer: Auf diese Weise ließen sich die zahlreichen Hotels, Frühstückspensionen, Geschäfte entlang des Canal Grande nicht mehr versorgen. Wenn Orsoni die derzeit vormittags stattfindende Müllabfuhr in die Nachtstunden verlegen will, schreien Anwohner und Hotelbetreiber auf: Diese Lärmbelästigung! Diese höheren Kosten, die Nachtarbeitszuschläge, die bestimmt auf die Bürger übergewälzt werden! Wenn Orsoni die zwei Haupt-Schifffahrtslinien zu einer bündeln will, gehen die Venezianer und die Berufspendler auf die Barrikaden: Dann brauchen wir ja ewig, bis wir vom Fleck kommen, sagen sie. Für die Gewerkschaften kommt eine Reduzierung von Linienschiffen überhaupt nicht infrage. Wenn der Bürgermeister außerdem – um die „Straße“ zu verbreitern – an den neuralgischen Punkten die Parkplätze stark verringern möchte, dann verlangen Einheimische freie Fahrt für freie Bürger.
Die Stadt überwacht den Canal Grande mit 160 Videokameras

Seit 2007 gibt es in der Lagunenstadt „Argos“, ein Hightech-System zur Verkehrsüberwachung auf Venedigs Hauptverkehrsstrecke. Argos beobachtet die Szene derzeit mit 160 Videokameras. Aber es ist zahnlos. Weil die rechtlichen Grundlagen fehlen, dürfen die Behörden mithilfe von Argos keine Strafzettel für zu schnelles Fahren ausstellen. Damit bleibt eines der Hauptprobleme auf dem Canal Grande ungelöst. Die Polizeistreifen, die ihre mobilen Radargeräte mal da, mal dort platzieren und jedes Jahr Tausende von Geldbußen verhängen – Tendenz stetig steigend –, schrecken wohl zu wenig ab.
Und dann gibt es auch noch die traditionellen Rivalitäten zwischen den städtischen Linienschiffen und den Gondeln. Die Capitani beschweren sich seit langem darüber, dass die Gondolieri sie durch absichtliches Langsamfahren und gezielt störende Lenkmanöver immer wieder provozieren und gefährliche Verkehrssituationen heraufbeschwören. Die Gondolieri keilen selbstverständlich zurück. „Verflucht seien die Capitani!“, hat der Gondelfahrer eines Luxushotels jetzt auf seiner Facebook-Seite geschrieben: „Wir wünschen ihnen einen langsamen und qualvollen Tod.“
An diesem Freitag wollte Bürgermeister Orsoni mit den diversen Interessenvertretungen seinen neuen Verkehrsplan diskutieren. Eines ist bereits jetzt abzusehen: Dass sich jede Lobbygruppe auf ihre Weise an das Verwaltungsgericht wenden wird. Das hat in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Versuche einer venezianischen Verkehrsreform versenkt. „Der Canal Grande ist nicht regierbar“, sagt ein Gewerkschafter. Warum also sollte es ausgerechnet diesmal klappen?

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