• Chaos nach Taifun "Haiyan": Hunger, Plünderungen und Angst auf den Philippinen

Chaos nach Taifun "Haiyan" : Hunger, Plünderungen und Angst auf den Philippinen

Der Taifun "Haiyan" tötete auf den Philippinen wahrscheinlich mehr als 10.000 Menschen. Die Überlebenden haben Hunger und Angst um ihre Angehörigen. In vielen Regionen herrscht Chaos.

In den vom Taifun verwüsteten Regionen herrscht Chaos.
In den vom Taifun verwüsteten Regionen herrscht Chaos.Foto: AFP

Faith Pelies hat überlebt. Dabei dachte die Nichtschwimmerin nur an ihr Baby, als der Taifun „Haiyan“ die Küstenstadt Palo im Osten der Philippinen traf und für Zerstörungen und Überschwemmungen sorgte. „Ich sagte zu meinem Mann, der schwimmen kann: 'Rette unser Baby und denk nicht an mich, ich werde Gottes Willen akzeptieren'“, sagt die junge Mutter. Mit ihrem glucksenden Baby auf dem Schoß sitzt Faith Pelies nun in einer Notunterkunft in der nahe gelegenen Stadt Tacloban und wartet auf Hilfe.

Mehr als vier Millionen Menschen sind von den Folgen des Taifuns betroffen, der am Freitag auf den Osten der Philippinen traf und ganze Landstriche verwüstete. In vielen Städten blieb kein Haus, kein Baum, kein Strommast stehen. Wahrscheinlich starben weit mehr als 10.000 Menschen durch das Unwetter, das als schlimmste Naturkatastrophe der Philippinen in die Geschichte eingehen könnte. Im Regen schreiten Bewohner in Tacloban Reihen von Leichen ab, die am Straßenrand liegen. Soldaten verfrachten Tote in Lastwagen. „Wir haben sechs Lastwagen, die reichen nicht aus“, sagt ein Fahrer. „Überall liegen Leichen, wir sind nicht genug Leute.“

Bei den Überlebenden des Taifun macht sich Verzweiflung breit

Viele Überlebende wissen nicht, was aus ihren Verwandten geworden ist. Die 27-jährige Mirasol Saoyi sucht ihren Mann, den sie im Chaos verloren hat. „Er hat uns aneinandergebunden, aber die Welle kam und riss ihn mit“, sagt sie. „Ich hoffe, er lebt noch!“ Weinend berichtet sie von der Riesenwelle, die über ihr Wohngebiet schwappte. „Ich sah Menschen ertrinken, sie schrieen und gingen unter.“

Die Philippinen nach dem Taifun "Haiyan"
Die Philippinen nach dem Taifung "Haiyan": Dieser kleine Junge hat schon einen der vielen Wasserkanister erhalten, auf die die Bewohner der stark zerstörten Stadt Tacloban seit Tagen gewartet haben.Weitere Bilder anzeigen
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15.11.2013 14:06Die Philippinen nach dem Taifung "Haiyan": Dieser kleine Junge hat schon einen der vielen Wasserkanister erhalten, auf die die...

Auch viele Philippiner in Berlin warten noch auf ein Lebenszeichen von Verwandten. „Ich hoffe so sehr, dass die Stromversorgung bald wieder funktioniert“, sagt Necitas Hoppe vor der Heilig-Geist-Kirche in Charlottenburg, in der sich an diesem Sonntagnachmittag wie jeden Sonntag die philippinische Gemeinde Berlins trifft. Sie hat Verwandte und Freunde in Tacloban und bislang noch nichts von ihnen gehört. Pfarrer Simon Boiser erzählt vor dem Gottesdienst von Nachrichten und Fotos aus Tacloban. Er spricht von zerstörten Häusern und Kirchen. Von einer Frau, der das Hochwasser ihr Kind aus der Hand riss – und einem Jungen, der all seine Freunde sterben sah. „Der Sturm ist schon furchtbar, aber die Fluten sind wie eine fleischfressende Pflanze“, sagt er. Eigentlich wollte die Berliner Gemeinde an diesem Tag ihren 28. Gründungstag feiern, doch nun gedenkt sie der Opfer des Taifuns. „Letzte Woche haben wir noch wegen des Erdbebens im Oktober gebetet“, sagt der Pfarrer. „Und nun? Wer weiß, was nächste Woche geschieht.“

Die Hilfsmaschinerie läuft langsam an

Seiner Predigt hört auch Franziska Kaiser (59) zu. Ihre Nichte lebt in Cebu und hat Verwandte im Katastrophengebiet. Auch sie blieben nicht verschont. Während sich die Großmutter ihrer Nichte gerade noch aus dem zusammenstürzenden Haus retten konnte, wurden ihre Cousinen von den Trümmern begraben. „Die Stadt sieht aus wie im Krieg“, sagt Franziska Kaiser und ist froh, mit ihrer Nichte zumindest skypen zu können.

Während Regierungen und Hilfsorganisationen die Hilfsmaschinerie in Gang setzen, macht sich im Katastrophengebiet Verzweiflung breit. „Niemand kann erklären, wie wir uns fühlen“, sagt Marc Perdosan, ein Einwohner von Tacloban. Der Verlust von Verwandten und dem gesamten Hab und Gut lastet schwer auf den Überlebenden, der Hunger macht sie aggressiv. Viele Menschen haben seit dem Taifun nichts gegessen. „Manche Menschen drehen durch den Hunger oder den Verlust ihrer Angehörigen durch“, sagt der Lehrer Andrew Pomeda. „Die Leute werden gewalttätig. Sie plündern Geschäfte, Einkaufszentren, nur um Essen, Reis und Milch zu suchen“, fügt der 36-Jährige hinzu. „Ich fürchte, innerhalb einer Woche werden Menschen durch Hunger sterben.“

„Die Menschen sind hungrig, durstig und schmutzig“

In Tacloban sind nach dem Taifun nur 20 der 390 städtischen Polizisten zur Arbeit erschienen, es herrscht Chaos. Plünderer ziehen durch die Straßen. Präsident Benigno Aquino ordnet die Entsendung von 300 Sicherheitskräften an. „Sie sollen Ruhe und Ordnung zurückbringen“, sagt der Staatschef. Es herrsche „Anarchie“, sagt Ladenbesitzerin Emma Bermejo. „Die Menschen sind hungrig, durstig und schmutzig. Noch ein paar Tage, und die Leute bringen sich gegenseitig um.“

Am Rande von Tacloban schreitet Edward Gualberto zwischen Leichen herum, manchmal tritt er versehentlich auf einen Toten. Er sucht zwischen den Trümmern nach Essbarem. In seinem Beutel sind Spaghetti, Konservendosen, Kekse, Seife, Bier und Bonbons - die Ausbeute eines halben Tages. Der vierfache Vater, der nur rote Baseballshorts am Leib trägt, entschuldigt sich für sein ungepflegtes Äußeres und dafür, Tote zu bestehlen. „Ich bin ein bescheidener Mann“, sagt er. „Aber wenn man drei Tage lang nichts zu essen hat, tut man beschämende Dinge.“ Der Taifun habe den Menschen ihre Würde genommen, sagt Edward Gualberto. „Aber ich habe noch meine Familie und dafür bin ich sehr dankbar.“ (röv/AFP)

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