Charité-Krankenschwester verurteilt : Lebenslang für "absurden Irrtum"

Scheinbar unberührt hat die Krankenschwester Irene B. das Urteil wegen fünffachen Mordes zu lebenslanger Haft entgegen genommen. Der Richter begründete sein Urteil damit, dass ihr Handeln absolut nichts mit Sterbehilfe zu tun hatte.

Beatrix Boldt[ddp]
Irene B.
Irene B. muss lebenslang hinter Gitter. -Foto: ddp

BerlinDen Blick gesenkt, die Hände übereinander gefaltet und auf dem Tisch abgestützt - scheinbar ungerührt nimmt die Krankenschwester Irene B. vor dem Berliner Landgericht ihr Urteil entgegen. Wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen an fünf schwer kranken Patienten verhängen die Richter gegen die frühere Angestellte des Berliner Universitätsklinikums Charité eine lebenslange Haftstrafe. Der rote Schal auf ihrer schwarz-weiß gepunkteten Bluse kann die Blässe im ernsten Gesicht der 55-Jährigen nicht kaschieren.

Der Vorsitzende Richter Peter Faust stellt gleich zu Beginn der Urteilsbegründung klar, dass "dieser Fall absolut nichts mit Sterbehilfe zu tun" gehabt habe. Kein Opfer und kein Angehöriger habe Derartiges von der Angeklagten verlangt. "Auch ein Leben, das nur noch kurz dauern wird, ist grundsätzlich geschützt." Es gebe kein Recht zu bewerten, welches Leben lebenswert sei und welches nicht, betont Faust.

Als Herrscherin "über Leben und Tod aufgespielt"

Das Gericht sehe es als erwiesen an, dass die heute 55-Jährige auf der kardiologischen Intensivstation der Charité zwischen Juni 2005 und Oktober vergangenen Jahres fünf schwer kranke Menschen im Alter von 48 bis 77 Jahren mit zu hoch dosierten Medikamenten tötete. In drei weiten angeklagten Fällen, darunter zwei Mordversuche, wird Irene B. freigesprochen. Hierbei habe das Gericht "keine sichere Überzeugung von der Täterschaft der Angeklagten gewinnen können", heißt es.

Das Gericht teilt in seiner Urteilsbegründung die Auffassung von Staatsanwältin Brigitte Raddatz, wonach sich Irene B. zur Herrscherin "über Leben und Tod aufgespielt hat". Sie habe Menschen ohne Auftrag und "zum Teil gegen deren ausdrücklich bekundeten Willen" getötet, "nur weil sie es jetzt für richtig hielt", heißt es. In zwei Fällen hatte sie die Todesspritze sogar in Anwesenheit von Ärzten gesetzt, welche die Patienten reanimierten. Eine 48-jährige Frau wurde ermordet, während ihr Ehemann am Krankenbett saß.

"Offensichtliche Systemmängel im Krankenhaus"

Am Tag der Urteilsverkündung ist der Gerichtssaal wieder gerammelt voll, darunter viele Charité-Mitarbeiter. Auch der Direktor der Klinik für Kardiologie der Charité, Gert Baumann, ist gekommen. Für das Verhalten der Klinikleitung in dem Fall findet Richter Faust scharfe Worte. Er spricht von "offensichtlichen Systemmängeln". "Die Intensivstation sollte eine Zone der absoluten Gewaltlosigkeit sein", sagte er. Der "ruppige Umgang in Wort und Tat" der Angeklagten mit Patienten sei jedoch wahrgenommen worden. Wer das zulasse, mache sich mitschuldig und gegebenenfalls strafbar.

Ein 42-jähriger Pfleger hatte bereits im August 2006 beobachtet, wie Irene B. einem 77-jährigen Mann "etwas spritzte". Die Ampulle mit dem blutdrucksenkenden Mittel fand er danach im Mülleimer. Aus Angst möglicherweise eine Unschuldige anzuklagen, hatten Pfleger und Ärzte nach eigener Aussage den Verdacht aber als Gerücht abgetan und geschwiegen. Drei weitere Patienten starben, bis die Angeklagte am 4. Oktober 2006 verhaftet wurde.

Angeklagte brach in Tränen aus

Ein psychiatrisches Gutachten hatte die Frau als voll schuldfähig eingestuft und ihr eine "narzisstische Persönlichkeit" attestiert. Trotz des "serienmäßigen Tötens von Patienten" sah das Gericht dennoch keine "besonderen Schwere der Schuld", so dass Irene B. nach Verbüßung der Mindeststrafe von 15 Jahren wieder freikommen kann. Die Angeklagte, die bis zu ihrer Verhaftung ein "unbescholtenes Leben" geführt habe, werde 70 Jahre sein, wenn sie diese Strafe verbüßt habe.

Die bis dahin ungerührt wirkende Angeklagte bricht bei diesen deutlichen Worten unvermittelt in Tränen aus. Irene B. hatte im Prozess die Tötung von vier Patienten gestanden und angegeben, "zum Wohle der Kranken" gehandelt zu haben. In ihrem letzten Wort vor Gericht nennt die sich als gläubige Christin bezeichnende Frau ihr Handeln einen "absurden Irrtum". Die Verteidigung hatte auf Totschlag plädiert und kündige an, eine Revision zu prüfen.