Chemieunglück in Ungarn : Giftiger Schlamm erreicht die Donau

Nach dem schwersten Chemieunglück seiner Geschichte kämpft Ungarn mit den Folgen der Schlammlawine. Greenpeace ist am Ort und nimmt unabhängige Messungen vor. Jetzt hat der Schlamm die Donau erreicht.

von und Lissy Kaufmann
Die Unglücks-Fabrik: Aus einem Rückhaltebecken der ungarischen Alufabrik MAL laufen Anfang Oktober 750.000 Tonnen Giftschlamm aus und verseuchen 40 Quadratkilometer Land rings um die Ortschaften Kolontar und Devecser aus.Weitere Bilder anzeigen
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16.10.2010 10:21Die Unglücks-Fabrik: Aus einem Rückhaltebecken der ungarischen Alufabrik MAL laufen Anfang Oktober 750.000 Tonnen Giftschlamm aus...

Trotz Schutzmaßnahmen hat der bei einem Unfall in einer ungarischen Aluminiumfabrik ausgelaufene Giftschlamm am Donnerstagmorgen einen Seitenarm der Donau erreicht.

Die Wasserbehörde habe bei Messungen am Zusammenfluss von Raab und Donau einen leicht erhöhten Laugenhalt festgestellt, sagte ein Vertreter der Wasserbehörde. Das Ökosystem des zweitlängsten Flusses Europas sei gefährdet.

Jozsef Toth von der Wasserbehörde sagte, bei den Messungen seien pH-Werte zwischen 8,96 und 9,07 festgestellt worden. Normalerweise habe das Wasser einen pH-Wert von acht. Der örtliche Katastrophenschutz bestätigte, dass sich das Gift auf dem Wasserweg ausbreitete. "Der rote Schlamm hat am Morgen den sogenannten Mosoni-Arm der Donau erreicht, rund zehn Kilometer vom Hauptarm des Flusses entfernt", sagte der örtliche Leiter des Katastrophenschutzes, Tibor Dobson.

Feuerwehrmänner in Gummianzügen stehen teilweise bis übers Knie in der roten Brühe und stochern mit Stäben in der Erde. Kühlschränke und Haushaltsgegenstände treiben in dem blutrot gefärbten Wasser, verzweifelte Anwohner versuchen ihre Habseligkeiten aus Häusern und weggespülten Autos zu retten.

Katastrophenschützer und Soldaten suchten am Mittwoch in der westungarischen Gemeinde Kolontar verzweifelt nach sechs älteren Menschen in den giftigen Fluten, die mancherorts noch einen Meter hoch standen. Sie waren am Montagabend von einer hochtoxischen Bauxitschlammlawine überrascht worden, nachdem der Damm eines nahen offenen Rückhaltebeckens geborsten war. Mit dem Hochwasser naher Bäche vermengt, hatte sich die Brühe schnell in der flachen Gegend ausgebreitet und fast 300 Häuser überschwemmt. Vier Menschen – darunter zwei Kleinkinder – sind tot. Von sechs Personen fehlt jedes Lebenszeichen.

Die ganze Nacht über hatten die Katastrophenschützer zusammen mit Fachkräften des Aluminiumwerkes MAL, zu dem das Rückhaltebecken gehört, versucht, die ausgetretenen Giftstoffe in den nahen Flüssen mit Gips und Kunstdünger zu binden. Die rote Brühe sollte neutralisiert werden, bevor sie in die nahen direkten Zuflüsse der Donau gelangt. Am Mittwochmittag allerdings musste der Gebietsvorsteher eingestehen, dass dies nicht gelungen sei. Das schwermetallhaltige Giftwasser werde am Wochenende oder am Montag in der Donau erwartet, erklärte Imre Szakacs gegenüber der Nachrichtenagentur MIT. Allerdings bedeute dies keine ökologische Gefahr für die Donau, behauptete der Beamte.

Ungarische Umweltschützer sind da ganz anderer Meinung. WWF-Direktor Gabor Figeczky warnte davor, dass die ausgiebigen Niederschläge in der Region landesweit Ökosysteme, Grund und Boden und das Trinkwasser massiv gefährden könnten. „Diese Umweltkatastrophe ist beispiellos in der ungarischen Geschichte“, warnte er. Die „Arbeitsgemeinschaft für saubere Luft“ warnte vor Haut- und Augenverätzungen. Dennoch bestand auch am Mittwoch die Unternehmensführung von MAL darauf, dass der ausgetretene rote Schlamm „völlig ungefährlich“ sei. Auch der Innenminister der rechtspopulistischen ungarischen Regierung, Sandor Pinter, beruhigte, die unmittelbare Gefahr sei abgewendet.

In der betroffenen ungarischen Region verloren viele Menschen alles, was sie haben. „Uns hilft niemand, uns informiert niemand“. Der 50-jährige Landwirt in Trainingsanzug und Gummistiefeln aus dem westungarischen Dorf Kolontar wirkt müde und desillusioniert. Die rote Schlammlawine hat seinen Hof, seine Keller und Gärten überschwemmt. Manche Bewohner zeigen mit dem Finger auf das Bauxitwerk und seinen Betreiber, die Aluminiumhütte MAL AG. „Jeder wusste, dass der Damm am Speicherbecken undicht war“, behauptet ein Mann mittleren Alters auf dem Portal „index.hu“. „Das war ein offenes Geheimnis, aber man hat es unter den Teppich gekehrt.“

In den ungarischen Medien kam Kritik an der Politik auf, die es seit der Wende vor mehr als 20 Jahren versäumt habe, dem Umweltschutz die nötige Priorität einzuräumen. In Ungarn würden „Gesetze von legendärer westeuropäischer Strenge mit Kontrollen von balkanischem Niveau“ kombiniert, ätzte der Internetblog „komment.hu“. Die Überreste der kommunistischen Bauxit- und Aluminiumindustrie sind ein schweres Erbe. Geschäftsleute aus der postkommunistischen Elite erwarben die Anlagen bei der Privatisierung in den 90er Jahren „für einen Pappenstiel“, schrieb die Budapester Tageszeitung „Nepszabadsag“. Dank ihrer Vernetzung im politischen Filz der Nachwendezeit verhinderten die neuen Eigentümer die Einführung einer Deponiesteuer für die Abfalllagerung in freier Natur. „Wir sind zum Land der Mülldeponien geworden“, stellte der Kommentar fest.

Mitarbeiter von Greenpeace Österreich sind derzeit vor Ort und untersuchen den giftigen Schlamm. Erst am Freitag werden die genauen Ergebnisse vorliegen. Doch bereits jetzt warnt Pressesprecher Steffen Nichtenberger vor den Folgen für Flora und Fauna: „Mit einem massiven Fischsterben ist zu rechnen“, sagt er. Der Rotschlamm sei mit einem pH-Wert von 12 hochalkalisch und daher ätzend – selbst bei niedriger Schwermetallkonzentration. Besonders die Bäche und Flüsse unmittelbar am Unfallort seien gefährdet. Es sei aber auch nicht ausgeschlossen, dass Fische in der Donau durch den Schlamm verenden.

Die Umweltschutzorganisation WWF fordert, dass der giftige Schlamm vollständig gesammelt und neutralisiert wird, bevor er die Donau erreicht. Nach Angaben des WWF sei die Masse auch leicht radioaktiv. Die Organisation gibt der EU eine Mitschuld an dem Desaster. „Sie hat sich bei der Gesetzgebung von der Bergbauindustrie über den Tisch ziehen lassen“, kritisiert der Pressesprecher Jörn Ehlers. Die Umweltstandards seien zu gering. (mit dpa/AFP)

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