Welt : Chemotherapie – keine Medizin für alle Fälle

Eine neue Studie aus München stellt die Wirksamkeit in Frage. Doch andere Experten warnen vor pauschalen Schlussfolgerungen

Adelheid Müller-Lissner

Oft geht es gar nicht mehr um Heilung, sondern um eine kleine Ausweitung der Lebensspanne, um Monate oder nur um Wochen. Diese Zeit habe der Kranke noch gebraucht, steht in Anzeigen, mit denen Pharmahersteller in Ärztezeitschriften für Krebsmedikamente werben. Auf dem Bild ist zum Beispiel eine Frau zu sehen, die gerade ihre Lebenserinnerungen verfasst. Oder ein Großvater mit seinem Enkelkind.

Im fortgeschrittenen Stadium, wenn er Absiedelungen im ganzen Körper gebildet hat, ist Krebs auch heute oft nicht heilbar. 19 von 20 Menschen, die ihrem Krebsleiden erliegen, so schätzen Experten, haben solche Tochtergeschwulste.

Die Hoffnung, dass Gifte, die den bösartigen Zellen den Garaus machen sollen, das Leben von solchen schwer Krebskranken verlängern, dämpft nun eine Studie des Tumorzentrums München, über die der „Spiegel“ berichtete.

Der Forscher Dieter Hölzel hat für diese Studie die Daten von Patienten zusammengetragen, die seit 1978 im Großraum München wegen Krebs behandelt wurden, der von Brust, Darm, Prostata und Lunge ausging und im Körper streute. Die Überlebensraten bei diesen Kranken haben sich demnach in den letzten Jahrzehnten nicht oder kaum verbessert. Beim Lungenkrebs gewannen die Patienten Hölzels Statistik zufolge in den letzten 26 Jahren einen ganzen Monat. Die Hälfte von ihnen lebte sechs statt fünf Monate nach Entdeckung der Tochtergeschwulste (Metastasen) noch. Beim Prostatakrebs ist die Bilanz sogar negativ. Allein beim Darmkrebs zeigen sich kleine Erfolge.

Haben die prinzipiellen Gegner der Chemotherapie also doch Recht? Ist es sinnlos, sich von den starken und nebenwirkungsreichen Mitteln beuteln zu lassen? So einfach ist es – glücklicherweise – nicht: Lymph- und Blutkrebs ist heute dank dieser Medikamente in vielen Fällen wirklich heilbar, vor allem bei Kindern. Auch Geschwulste des Bindegewebes (Sarkome) oder Hodenkrebs haben dank der Zytostatika viel von ihrem Schrecken verloren.

In der Fachwelt völlig unbestritten ist auch, dass es sinnvoll ist, bestimmte Patientinnen mit Brustkrebs schon vor oder direkt nach der Operation, bei der der Knoten aus der Brust entfernt wird, mit den Zellgiften zu behandeln, um Tumorzellen beizukommen, die sich möglicherweise schon irgendwo im Körper verstecken.

Für welche Frauen das gut ist, das legen die Fachgesellschaften in so genannten Leitlinien aufgrund der aktuellsten Forschungsergebnisse fest.

Aber auch was den fortgeschrittenen Krebs betrifft, wehrt sich die Internistin und Krebsspezialistin Carmen Scheibenbogen, Oberärztin am Campus Benjamin Franklin der Charité, gegen zu pauschale negative Schlussfolgerungen. „Das geben die Datenbanken nicht her.“

Die Statistik zeige zum Beispiel nicht, welchen Nutzen einzelne Patienten aus der Therapie ziehen. „Manche leben nach einer Chemotherapie noch zwei bis drei Jahre, das kann für Krebskranke eine Menge sein.“ Grund für einen optimistischeren Blick sieht die Onkologin gerade jetzt beim Darmkrebs. „Neue Substanzen verdoppeln die Lebenszeit der schwer kranken Patienten.“ Besondere Hoffnungen setzt man auf eine Kombination von Zellgiften und Antikörpern, die die bösartigen Zellen erkennen.

In anderen Fällen bemisst sich der Erfolg nicht in gewonnenen Monaten oder Wochen, sondern in einer Linderung von Schmerzen, die etwa ein Tumor verursacht, der auf andere Organe drückt. Das kann sinnvoll sein, zumal die Mittel selbst in den letzten Jahren deutlich verträglicher wurden.

Um wirklich nach dem neuesten Stand der Wissenschaft behandelt zu werden, sollte man sich aber an größere Zentren wenden, betont Scheibenbogen. „Dort werden nur Substanzen eingesetzt, deren Wirksamkeit schon erwiesen ist. Oder der Patient nimmt an einer klinischen Studie teil, in der ein hoffnungsvolles Präparat mit der bereits erprobten Standardtherapie verglichen wird.“ Die Berliner Krebsgesellschaft empfiehlt zudem immer wieder, dass der Betroffene oder seine Angehörigen sich nicht scheuen sollen, vor einer vorgeschlagenen Behandlung eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.

Denn natürlich bietet sich die Verordnung eines zellgiftigen Krebsmittels manchmal auch an, wenn Arzt – und Patient – einem ehrlichen Gespräch ausweichen wollen. Dann steht auf dem Rezeptblock vielleicht der Name eines Mittels, das nicht mehr helfen kann.

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