China : "Alles ist voller Leichen"

Panik im chinesischen Erdbebengebiet: Weil ein Damm zu brechen droht, musste eine ganze Stadt in aller Eile evakuiert werden. Eine deutsche Korrespondentin war dabei und berichtet von "unfassbaren" Zerstörungen. Ein bisher vermisster Deutscher ist inzwischen wieder aufgetaucht.

Beichuan
Ein Soldat trägt einen alten Mann aus der zerstörten Stadt Beichuan, um ihn vor der drohenden Flut in Sicherheit zu bringen. -Foto: dpa

Peking/BerlinEin vermisster Deutscher hat das verheerende Erdbeben in Südwestchina unverletzt überlebt. Anders als zuvor berichtet, musste der Mann jedoch nicht aus Trümmern geborgen werden, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Samstag berichtete. Der 62 Jahre alte Mann hat bis zum Eintreffen der Rettungskräfte unverletzt zusammen mit den Bewohnern des Dorfes Taoguan ausgeharrt. "Mit mir ist alles in Ordnung", sagte er. Nach der Rettung des Deutschen konnte wenig später ein weiterer Überlebender gemeldet werden. Feuerwehrleute befreiten einen jungen Mann in der Stadt Yingxiu in der Provinz Sichuan nach 124 Stunden aus Trümmern und Schutt, meldete Xinhua. Knapp eine Woche nach dem Erdbeben droht den Überlebenden nun neue Gefahr durch einen Dammbruch. Die Stadt Beichuan musste evakuiert werden.

Der deutsche Bergsteiger war mit zwei chinesischen Begleitern unterwegs. Die Reise hatte ein Münchner Tourveranstalter organisiert. Laut Xinhua war er bereits am Donnerstag in Taoguan im schwer betroffenen Landkreis Wenchuan ausfindig gemacht worden, konnte aber erst am Samstag - 114 Stunden nach dem Beben - in Sicherheit gebracht werden. Anwohner hatten ihn mit Nahrung und Wasser versorgt. Sobald ein passendes Fahrzeug gefunden sei, werde er in die Provinzhauptstadt Chengdu gebracht, sagte ein Militärangehöriger.

Mehr als 50.000 Tote befürchtet

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte: "Der Fall ist uns bekannt. Es handelt sich um die Person, die sich heute bei den deutschen Stellen gemeldet hat." Angaben zur Person und zu Details des Falles wollte die Sprecherin aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht machen. Das Auswärtige Amt spricht bisher von "einigen wenigen Vermisstenmeldungen" Deutscher in der Region.

Insgesamt wird in China mit mehr als 50.000 Todesopfern gerechnet. Die Zahl der amtlich bestätigten Toten stieg am Samstag auf fast 29.000. Die Zahl der Verletzten gab die Regierung mit etwa 200.000 an. Im Erdbebengebiet haben rund fünf Millionen Obdachlose eine fünfte Nacht in meist notdürftigen Unterständen verbracht. Staats- und Parteichef Hu Jintao besuchte am Samstag die Region, in der das Epizentrum des Bebens am Montag mit einer Stärke von 7,9 lag, um sich ein Bild von den Zerstörungen zu machen.

"Lauft, lauft"

In aller Eile musste am Samstag die von einem Dammbruch bedrohte Stadt Beichuan evakuiert werden. Tausende Menschen und auch die Bergungsmannschaften flüchteten in höher gelegene Gebiete, weil sie eine Flutwelle befürchteten, wie die ARD-Korrespondentin Ariane Reimers berichtete, während sie selber mit dem Kameramann und einer Assistentin den Berg heraufrannte. Die Menschen riefen "lauft, lauft" oder "schnell, schnell". "Alle helfen sich gegenseitig, auch an Engpässen." Anfangs habe es kurz Panik und Hektik gegeben, doch sei die Evakuierung nach zehn Minuten eher wie ein "geordneter Rückzug" verlaufen. "Alle ziehen aus der Stadt ab." Kurz zuvor hatten Soldaten laut Xinhua berichtet, der Wasserstand steige, und der Damm könne "jederzeit brechen". Die Zerstörung in der Stadt, wo nur 10.000 der 30.000 Einwohner überlebt haben, nannte Reimers "unfassbar". "Alles ist voller Leichen."

Oberhalb von Beichuan hatte ein Erdrutsch nach dem Beben einen Fluss blockiert, so dass sich ein See herausbildete. Experten waren bereits zu diesem natürlichen Damm aus Geröll, Felsen und Erde gefahren, um die Gefahr einschätzen zu können.

Durch die schlechten hygienischen Bedingungen stieg bei feuchtwarmem Wetter die Seuchengefahr. Die Leichen können nicht schnell genug beerdigt oder eingeäschert werden. Trotz der großen Hilfsaktion mangelt es an ärztlicher Versorgung. Mehr als 100.000 Soldaten sind im Einsatz, um in den Trümmern nach Opfern zu suchen und die Hilfe zu organisieren.

Zigaretten gegessen

Einige Überlebende, die fast 100 Stunden nach dem Beben noch aus den Trümmern gerettet worden waren, schilderten, wie sie sich am Leben hielten. Der 46-jährige Peng Zhijun berichtete, seinen eigenen Urin getrunken und sich von Papiertaschentüchern und Zigaretten ernährt zu haben. "Ich musste mich selber retten", sagte der Mann laut Xinhua. Er steckte mit einem gebrochenen Arm und leichten Beinverletzungen in den Trümmern eines Gebäudes in Beichuan fest. "Ich habe Zigaretten auseinandergebrochen und den Tabak gegessen. Als die Zigaretten aufgebraucht waren, habe ich die Papiertaschentücher genommen."

Immer wieder hatte Peng Zhijun gegen eine eingestürzte Wand geklopft, um auf sich aufmerksam zu machen. Als fast 100 Stunden vorbei waren, habe ihn ein Bergungstrupp gefunden. "Sie waren begeistert, mich lebend zu finden - so wie ich. Ich habe laut geweint." Drei andere Überlebende wurden mit ihm geborgen. Auch sie hatten ihren Urin getrunken. Er habe andere ermutigt, seinem Beispiel zu folgen, sagte Peng Zhijun. "Aber sie haben nicht gehört." Mehr als zehn Verschüttete seien um ihn herum gewesen. "Am Anfang waren sie alle noch am Leben." (svo/dpa)

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