Welt : China ist überall

Die Franzosen haben Zuwanderer aus Fernost mit offenen Armen empfangen, doch deren Traum vom Glück erfüllt sich immer seltener

Sabine Heimgärtner[Paris]

Schon früh am Morgen fühlen sich Pariser, die im Stadtviertel Belleville im 20. Arrondissement wohnen, als lebten sie in China. Zu beiden Seiten des Boulevards de la Villette beginnt morgens um sechs ein Treiben wie sonst nirgends in der Metropole. In der Fleischerei „Han“ werden mit knatternden Sägen riesige Schweinehälften in Stücke geschnitten, nebenan beim Friseur bedecken Berge schwarzer Haare den Fußboden und Monsieur Wei drapiert im Schaufenster seines Restaurants „Perlfluss“ fettglänzenden Entenbraten und lackierte Schweinepansen.

Französisch ist in diesem Quartier schon lange nichts mehr. Die tüchtigen Einwanderer aus dem Reich der Mitte, aus Vietnam, Laos und Kambodscha, machen sich nicht mal mehr die Mühe, ihre Auslagen in der Landessprache zu kennzeichnen. Anwaltskanzleien, Arztpraxen, Musik- und Videogeschäfte, Fahrschulen und Reisebüros – wer nicht genau hinschaut, ist im Dschungel chinesischer Schriftzeichen ziemlich verloren.

Ähnlich geht es im 13. Arrondissement zu, wo die China-Welle in Frankreich ihren Anfang nahm. Dort ließen sich Mitte der 70er Jahre die heute prominentesten Pariser Chinesen nieder, die Tang-Brüder. In einem winzigen Laden fingen sie mit der Vermarktung von Sojasauce an. Heute gebieten sie über ein Imperium: Sie kontrollieren den größten Teil des einschlägigen Lebensmittelgroßhandels und herrschen allein in Paris über fünf Supermärkte und drei Restaurants. Die „Tang Frères“ sind Stars der französisch-chinesischen Freundschaftsgesellschaft. Und wenn Präsident Jacques Chirac am Montag seinen Amtskollegen Hu Jintao zum 40. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen beider Länder zum Staatsbesuch empfängt, sitzen sie beim festlichen Diner mit geräucherten Entenzünglein, hundertjährigen Eiern und frittierten Hühnerkrallen mit am Tisch. Auch beim Drachen-Umzug auf den Champs Elysées, den Paris zu Ehren „seiner“ Chinesen an diesem Samstag zum ersten Mal veranstaltet, haben sie einen Ehrenplatz.

So viel Aufmerksamkeit, wie sie den Tang-Brüder zuteil wird, fällt für ihre Landsleute nicht ab. Rund 500 000 chinesischstämmige Immigranten leben heute in Frankreich. Meist sind sie auf verschlungenen Wegen hergekommen, viele eingeschleust von Schlepperbanden. Die meisten von ihnen leben in Paris, oft in winzigen Massenunterkünften, nicht selten illegal. Xia Ming Na ist eine von ihnen. Sie hatte nicht das Glück vieler in den 80er und 90er Jahren eingereister Chinesen, durch verwandtschaftliche Beziehungen Arbeit in einer der kleinen Textil- und Lederwerkstätten oder gar eine Aufenthaltserlaubnis zu ergattern. Die 37-jährige Mutter zweier Kinder stammt aus dem Nordosten Chinas, jener Region, die nach der Schließung der großen staatlichen Kohle- und Stahlbetriebe zusehends verarmt.

Mit ihrem Trolley klappert die fortwährend strahlende Frau abends die Bistros und Kneipen ab – in der Hoffnung auf Käufer für Bauchladenware „Made in China“: Feuerzeuge, Lesebrillen, Spielzeug, Kleidung. Manchmal erzählt Frau Xia, wie anstrengend die Arbeit auf der Straße ist – und wie groß die Sehnsucht nach ihren Kindern, die sie vor zwei Jahren ihrem Mann überließ. Jeden Monat schickt sie ihm ihr hart verdientes Geld. Für Einwanderer wird die Luft unterdessen dünn. Immer mehr Nähateliers, die früher für die großen Modebetriebe arbeiteten, machen dicht. Immer weniger Neuankömmlinge haben das Glück, eine Arbeit zu finden, um ihre Reisekosten abzuarbeiten und aus der Ferne ihre Familien zu ernähren. Für Prostitution, Bandenbildung und Kriminalität ist das der ideale Nährboden.

Hinzu kommt, dass die französische Regierung infolge wachsender chinesischer Touristenströme einen Ansturm illegaler Flüchtlinge befürchtet. Dennoch: Bei den Franzosen sind die Chinesen wegen ihrer Bescheidenheit und ihres Fleißes ausgesprochen beliebt. Auch deshalb wird der Eiffelturm zum chinesischen Neujahrsfest, bis Ende Januar also, mit tausenden roter Glühbirnen geschmückt.

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