Cholaraepidemie : Haiti: Bloß nichts auf der Straße essen

Kubanische Krankenschwestern bekämpfen in Haiti die Choleraepidemie – am Mittwoch jährt sich das große Erdbeben.

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Effektive Hilfe. Kubanische Krankenschwestern in Haiti behandeln den kleinen Julvenson. Kubaner haben ein Netz von Stationen eingerichtet. Foto: Coulanges/Welthungerhilfe
Effektive Hilfe. Kubanische Krankenschwestern in Haiti behandeln den kleinen Julvenson. Kubaner haben ein Netz von Stationen...

Der Junge macht keinen Mucks. Mit großen Augen sperrt der Achtjährige den Mund auf, als ihm die kubanische Krankenschwester mit den Gummihandschuhen eine Pille in den Mund schiebt. Julvenson Reme lebt in Carrefour, gut anderthalb Autostunden vom Zentrum der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince entfernt – und er hat Cholera. Seine Mutter ist mit den Nerven fertig. Julvenson ist schon das zweite ihrer fünf Kinder, das sich angesteckt hat. „Ich laufe zwischen zu Hause und hier ständig hin und her“, sagt die Frau, deren Haare wild vom Kopf abstehen. Sie sitzt jetzt neben ihrem Sohn auf einer Bank, er schlürft langsam unter Aufsicht einer Schwester Elektrolytlösung aus einem blauen Plastikbecher. Julvenson wird die Durchfallkrankheit überleben, die in dem im vergangenen Jahr gleich von mehreren Katastrophen heimgesuchten Karibikstaat bereits rund 3500 Menschen getötet hat. Die Zahl der Kranken steigt immer noch, aber es sterben weniger Menschen daran. Einen großen Anteil daran hat die kubanische Gesundheitsbrigade, die quer durchs Land ein Netzwerk von Gesundheitsstationen aufgebaut hat, die auf einfache und sehr effektive Weise helfen. Sie waren die Ersten, die vor der Epidemie warnten, die sich vom Fluss Artibonite aus ausbreitete, berichtet ihr Chef Lorenzo Somaribba Lopez, Vizegesundheitsminister und Generalkoordinator der medizinischen Brigade, in seinem Büro in Port-au-Prince.

1998 kamen die ersten kubanischen Ärzte nach dem Hurrikan „George“ nach Haiti. Der graumelierte Brillenträger Somaribba präsentiert in weißem Hemd unter Che- und Fidel-Bildern eine stolze Statistik. Die Daten zeigen Tag für Tag, wie sich die Cholera von Artibonite aus rasant übers ganze Land verbreitet hat. 21 Länder von Südamerika bis nach Mali und Saudi-Arabien haben sich schon an der Brigade beteiligt, verkündet Somarribba, ehe das Hupen seines Fahrers ihn aus dem Haus ruft. Auch er passiert eine kleine Kiste mit Schaumgummi und Desinfektionsmittel an der Tür, Vorsichtsmaßnahme. Zur Vorsicht dürfen seine Leute auch nicht auf der Straße essen. Sie wollen die Cholera besiegen und sie sich nicht selbst holen.

Auf diese Erfahrung setzt nun auch die Welthungerhilfe. Eigentlich gehört der Gesundheitsbereich nicht zu den Programmen der Hilfsorganisation. Aber die Abwehr der Choleragefahr muss Priorität haben. Diese Frage haben sie sich in Bonn auch gestellt, bekannte die Präsidentin der Organisation, Bärbel Dieckmann, gerade während einer Reise nach Haiti, auf der sie auch bei den Kubanern vorbeischaute. Für sie ist deren Arbeit „ein ganz großer Glücksfall“ für das Land und seine Menschen.

Allerdings wollen die Ärzte nicht anecken und halten sich darum strikt aus jeder Diskussion über die Ursache der Epidemie heraus, die die ohnehin nicht besonders beliebten UN-Soldaten aus Nepal, vermutlich unwissend, eingeschleppt haben sollen. Haiti kannte die Krankheit seit Jahrzehnten nicht mehr. „Wir kümmern uns um die Behandlung, wir beschäftigen uns nicht mit der Quelle“, bescheidet Somaribba die Besucher knapp.

Vorbei an noch immer unübersehbaren Schuttbergen, zusammengesunkenen Häusern, die so daliegen, wie sie am 12. Januar einfielen, vorbei an zahllosen Zeltstädten geht es nach Carrefour, wo die Kubaner seit Mitte Dezember ein Behandlungszentrum führen. Am Eingang des Cholerazentrums im Bürgermeisteramt wartet ein Teil der Brigade in T-Shirts mit Che Guevara auf der Brust. Hier heißt es zunächst Füße in einen Schwamm drücken, Hände waschen, Schuhsohlen desinfizieren, Kittel, Haube, Mundschutz und Handschuhe anlegen. Desinfektion wird großgeschrieben.

Die Leiterin des Cholerazentrums, Isdalvis Hinojosa Arias, studierte Krankenschwester mit weißer Strass-Schleife im Haar und kajalbetonten Augen, schiebt die Sonnenbrille ins Haar. Hier ist noch kein Patient gestorben, berichtet die 43-jährige Kubanerin. Im Moment haben sie einige leichte Fälle und eine Reihe mittelschwere. Gerade tragen sie eine stöhnende ausgezehrte alte Dame an Armen und Füßen ins Zelt für die mittelschweren Fälle. Gleich mehrere Schwestern suchen eine Vene, es will nicht gelingen. Die alte Frau wimmert unter den Stichen, krümmt sich auf der Matratze, die in der Mitte ein großes Loch hat, darunter eine dunkelgrüne Schüssel. Die meisten Patienten sind so geschwächt, dass sie es nicht bis zur Toilette schaffen.

Leichte Tabletten und Elektrolytlösungen, ein Tropf – es ist nicht viel, was die Kranken brauchen. Selbst schwere Fälle bleiben selten länger als zwölf Stunden da. Von Impfen halten die Kubaner nichts. Es gibt zu viele verschiedene Stämme.

Lange Reihen der Betten mit Lochmatratzen warten im Moment auf Patienten. Auch sie werden gefüllt werden, sagt Isdalvis Hinojosa Arias, während der Geruch eines Schweinekobens von nebenan herüberweht. Wenn es regnet und die hygienischen Verhältnisse in den Lagern noch schlechter werden, werden die Patientenzahlen hochschnellen. Die meisten wissen nicht, wie wichtig Hygiene ist, um keine Cholera zu bekommen.

Julvenson nuckelt derweil ungerührt an seinem Becher.

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