Welt : Cholera, Typhus, Malaria

Nach der Naturkatastrophe warnen Experten vor dem Ausbruch von Seuchen – schnelle Hilfe könnte Epidemien verhindern

Sarah Kramer,Dennis Grabowsky

Berlin - Nach dem Zyklon „Nargis“ warnen Experten vor dem Ausbruch von Seuchen im Katastrophengebiet. So leiden nach Schätzungen des Weltkinderhilfswerks Unicef bereits 20 Prozent der Kinder in den am schwersten verwüsteten Regionen an Durchfallerkrankungen. Außerdem wurden erste Fälle von Malaria gemeldet. Gesundheitsexperten bemühen sich darum, eine größere Ausbreitung zu verhindern, wie der Unicef-Leiter in Rangun, Osamu Kunii, mitteilte. „Die gesamte Gegend ist mit schmutzigem Wasser überschwemmt“, sagte Kunii. „Es gibt dort viele Leichen, und Überlebende haben nur geringen oder gar keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln.“ Hilfsorganisationen befürchten auch deshalb eine Ausbreitung von Seuchen, weil die birmanische Regierung die Anlieferung von Versorgungsgütern weiterhin blockiert.

„Die Lage ist dramatisch“, sagte die Leiterin des Instituts für Tropenmedizin in Berlin, Gundel Harms-Zwingenberger, dem Tagesspiegel. Eine präzisere Einschätzung lasse die schwierige Nachrichtensituation allerdings kaum zu. Die Größe des überschwemmten Gebietes mache die Lage unter den hygienischen Bedingungen nahezu unbeherrschbar, sagte die Medizinerin. Fehlende medizinische Versorgung, das feucht-warme Klima und die nicht weggeräumten Leichen und Tierkadaver könnten die Lage in den nächsten Wochen noch weiter verschärfen. Man müsse mit dem Ausbruch von Cholera und Typhus rechnen. Da Mücken durch das stehende Wasser nun beste Brutbedingungen vorfänden, sei auch Malaria eine tödliche Gefahr, die noch Wochen nach der Katastrophe auftreten könne.

Oberstleutnant Walter-Hubert Schmidt a. D. erinnern die Bilder und Berichte aus Birma an die Tsunami- Katastrophe im Dezember 2004. Der Bundeswehr-Soldat war in den folgenden Monaten mit dem zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr einer der internationalen Helfer im indonesischen Banda Aceh, einer der am stärksten von der Flutwelle betroffenen Regionen. Auch damals war die Angst vor Epidemien groß – doch die Seuchen blieben aus. Das sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass zivile und militärische Helfer unmittelbar nach der Katastrophe an Ort und Stelle gewesen seien.

Wie sich die Lage in Birma weiter entwickle, hänge auch von der dort verfügbaren Infrastruktur ab, sagt Schmidt. „Man muss bedenken, dass womöglich auch zahlreiche Ärzte und Sanitäter unter den Toten sind“, sagt der Oberstleutnant. Zwar verfüge vermutlich auch die Militärregierung über entsprechend ausgebildete Kräfte. „Die Frage ist aber, ob ihre Zahl ausreicht“, sagt Schmidt. Neben der Beseitigung von Leichen gehe es schließlich in erster Linie um die Versorgung der Überlebenden. „Man braucht dafür nicht nur geschultes Personal, sondern auch Medikamente und Krankenhäuser“, sagt Schmidt. Wenn all dies aber nicht vorhanden sei, könne sich die Lage innerhalb kurzer Zeit zuspitzen.

Hilfslieferungen könnten also Schlimmeres verhindern – doch die verhindert Birmas Militärregierung nach wie vor. Die Vereinten Nationen gehen inzwischen davon aus, dass bis zu zwei Millionen Menschen im Katastrophengebiet dringend auf Hilfe angewiesen sind. Überlegungen, die Opfer in Birma mit Hilfsgütern aus der Luft zu versorgen, dürften vor allem aus rechtlichen Erwägungen scheitern. Denn der Abwurf von Nahrungsmitteln oder Medikamenten aus der Luft würde eine Verletzung des birmanischen Luftraums und damit der nationalen Souveränität bedeuten. Auch Walter-Hubert Schmidt hält nichts von einer Versorgung aus der Luft: „Das gibt bei der Bevölkerung Mord und Totschlag“, sagt er. „Mit Hilfslieferungen aus der Luft muss man sehr vorsichtig sein.“

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