• Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts: Brücke über sorgenvollem Wasser

Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Brücke über sorgenvollem Wasser

Freiwillig würde ich niemals tanzen gehen. Unfreiwillig auch nicht, ehrlich gesagt, weswegen ich mich an unseren Abi-Ball auch kaum erinnern kann.

von
Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey.Foto: Mike Wolff

Ich weiß nur noch, dass ich erstens kein langes Kleid trug wie die meisten anderen Mädels (und zweitens kein kurzes wie die etwas kesseren), und dass ich mir drittens in meinen neuen Schuhen ein Hühnerauge erstanden habe, vom möglichst unbeteiligten, äh, geschäftigen Herumstehen. Mit meinem Englischlehrer habe ich „getanzt“, doch, ja, in Englisch war ich ein Ass, und er hatte gerade ein Gipsbein (ein echtes), das fand ich rather peculiar. Aber sonst bin ich gesellschaftlich nicht nur in dieser Hinsicht wenig zu gebrauchen.

Musikalische Menschen, heißt es, könnten gut Auto fahren und schlecht tanzen. Hallo Musikwissenschaft, hat das mal jemand untersucht? Ist Sebastian Vettel vielleicht hochmusikalisch, der Mozart des 21. Jahrhunderts, endlich, und kein Schwein weiß es? In jedem Fall gibt es peinlichere Ausreden fürs Nichttanzenwollenkönnendürfen.

Die meisten Tänze in meinem Leben weiß ich zu vermeiden. Nur manchmal klappt das nicht, wie auf der Hochzeit von Freunden vor ein paar Wochen. Eine Hochzeit ohne Tanz, das ist wie die Großmutter ohne Wolf in „Rotkäppchen“, das leuchtet sogar mir ein. Wobei ich Musikmenschen kenne, ernsthafte, die haben zu ihrer Hochzeit radikal auf alles verzichtet, keine Feier, kein Essen, kein Trinken, kein nix, keine Geschenke, und haben das ganze schöne Geld in ein Auftragswerk gesteckt, Neue Musik zum neuen Leben oder so. Das Stück klang schau-er-lich, halb nach Topfschlagen, halb nach rolligen Katzen. Also ich weiß nicht, sooo schlimm ist das mit dem Tanzen dann auch wieder nicht.

Ich kann nicht sagen, wie der Bann brach. War's die Tatsache, dass ich am Morgen des Festes Rumpfschmerzen verspürte, die anderntags wie weggeblasen waren? Stundenlanges Schütteln des Körpers samt aller seiner Teile ist einfach super gegen Verspannungen! Oder weil die Freunde beide bereits zum zweiten Mal heirateten, ergo also schon etwas älter waren und mit ihnen die Musik, die gespielt wurde? Das meiste kannte ich aus dem Schulbus, 70er Jahre, morgens eine Stunde hin vom einen oberpfälzischen Nest ins überübernächste, mittags respektive abends eine Stunde zurück. Das bildet das Repertoire, kann ich Ihnen sagen. Den Text von „Under The Moon of Love“ (Showaddywaddy) kann ich bis heute auswendig und bei „Bridge over Troubled Water“, ach, schmacht.

Ich tanzte also und tanzte – mit Partnern! Der kleine Dicke biss als Erstes der Rose von der Tischdekoration, die ich mir ins Dekolleté gesteckt hatte, den Kopf ab. Der beste Freund des Bräutigams, ein Bayer, fing plötzlich an zu schuhplatt’n, was mich rhythmisch und an sich nicht in Verlegenheit gebracht hätte, in dem langen (!) engen (!) Kleid, das ich trug, allerdings schon. Und raffen ging nicht, meiner, nun ja, eher gesunden Wäsche wegen. Der Höhepunkt aber war ein flotter Endsechziger, der mich zwei Stunden lang in Beschlag nahm und alle englischen Songtexte auf Deutsch mitsang, sozusagen in Supersimultanübersetzung: „Brühücke über sorgenvollem Wasser“ zum Beispiel, „Sehegeln, ihich sehegele“ (mit Reibeisenstimme), „Schüttel dein’n Säugling“ oder „Väterchen, Väterchen Frohohost“. Fand ich cool. Ich denke nicht, dass er ein Gipsbein trug, nein.

Fazit: Ich habe eine Menge verpasst seit dem Abitur. Und ich bin auf dem besten Weg, es nachzuholen. „Ich mach’s, ich mach’s, ich mach’s, ich mach’s, ich mach’s“, huhuhuu.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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