Welt : Christopher Street Day: Heimlich, still und ganz legal

Silke Becker

Für Christian Kunzer teilen sich die Menschen in zwei Gruppen. Da gibt es einmal die Selbstbewussten, die mit sich und der Welt zufrieden sind, die hätten auch keine Schwierigkeiten mit Schwulen. Auf der anderen Seite stehen die Verklemmten, all die sogenannten Normalen, die mit dem Anderssein nicht klarkommen. Es ist ein bitteres Resümee, das er da zieht. Dabei ist er eigentlich gar nicht der Typ, der die Welt nach einem Schwarz-Weiß-Muster unterteilt, einfach in Gut und Böse, aber so sei nun mal seine Erfahrung mit der "toleranten Gesellschaft". Natürlich ist es oberflächlich alles offener und freier geworden, aufgetakelte junge Männer können Arm in Arm durch die Straßen schlendern, sie dürfen sich küssen. Offiziell ist alles erlaubt. Aber in den Familien habe sich wenig getan. Wenig zumindest im Angesicht des halben Jahrhunderts, das er nun bald überblickt. 40 Jahre ist es her, dass seine Eltern erfuhren, wie es um ihn steht. Der Sohn - schwul.

Es war Ende der 50er Jahre. Seine Eltern dachten damals darüber nach, ob ihr Sohn unter einer behandlungsbedürftigen Krankheit leide. Manche seiner Altersgenossen traf es schlechter, sie wurden zu Ärzten geschickt, zur Umpolung. Man verpasste ihnen Elektroschocks, während nackte Männer an die Wand projiziert wurden. Es war jene Zeit der 50er und 60er, in der Schwule als krank und kriminell galten. Es war noch nicht lange her, dass solche Männer ins KZ gekommen waren - mit einem rosa Winkel versehen. In der kriegstraumatisierten Gesellschaft wurde die heile Welt hochgehalten. Die Polizei führte Listen und nahm regelmäßig die einschlägigen Kneipen hoch.

Christian Kunzer sitzt in seinem etwas verlotterten Wintergarten zwischen wu-chernden Kakteen und pinkfarbenen Geranien. Auf den beiden Bretterborden an der Wand stehen verstaubte Urlaubsmitbringsel, Blumendünger. Ein wenig lieblos wirkt es aber nur im Vergleich zum Rest der Wohnung mit Kronleuchtern, Antiquitäten, edlen Teppichen und Geschirr in der Biedermaier Vitrine. Er hat eine Vorliebe für Porzellan. Wenn sein Freund Hosen kauft, zieht es ihn in die Geschirrabteilung.

Die wilden, ausgeflippten Phasen

Natürlich versuchte er es zunächst mit Frauen, aber er fand es langweilig, "hat nichts gebracht". Seinen ersten Lover lernte Herr Kunzer in der Schule kennen, sie spielten zusammen in der Theatergruppe. Es muss ein ständiges Versteckspiel gewesen sein, ein Doppelleben. Viele haben die jahrelange Verheimlichung und Unterdrückung so verinnerlicht, dass sie bis heute Angst haben, irgend jemand könnte entdecken, dass sie schwul sind, erzählt Jürgen Bieniek, der seit Jahren den Berliner Christopher Street Day mitorganisiert.

Aber Herr Kunzer kann sich an nichts "Be-sonderes" erinnern. "Es gibt wenig zu erzählen". Es war normal, in Kneipen mit dichten Gardinen zu verkehren, in denen Türsteher den Einlass kontrollierten. Nachts zog er mit seinem Freund durch Bars mit Namen wie "Kleist Kasino" oder "Ellis Bierbar", "tüllige Dinger", manche existieren heute noch. Der prototypische Schwule hieß schon damals Detlef und trug einen hellblauen Pullover. Aber eine Razzia habe er nie erlebt.

Er schildert sich als einen selbstbewussten jungen Mann, der nie an sich zweifelte oder glaubte, er sei krank. Er wusste, was er wollte. Aber vorsichtig müssen ihn die Erfahrungen doch gemacht haben. Zur Bedingung des Interviews gehört die schriftliche Zusicherung, dass weder Fotos noch Namen verwendet werden. In Wirklichkeit heißt er nicht Christian Kunzer. Vielleicht liegt das auch an seiner Position. Er ist Richter in gehobener Stellung. "Belassen wir es dabei." Herr Kunzer drückt sich sehr sachlich aus, nur nicht zu viele Einzelheiten herausrücken, damit niemand Rückschlüsse auf ihn ziehen kann. Er weiß nicht, ob seine Kollegen es wissen, "keine Ahnung", wahrscheinlich vermuten es einige, er wurde nie direkt gefragt. Vielleicht würde er es sagen, sein 25-jähriges Dienstjubiläum liegt lange hinter ihm. Was machen Sie auf Festen, wen nehmen Sie mit? "Richter feiern nicht!" Er interessiere sich schließlich auch nicht für das Privatleben der anderen. Kunzer geht nun auf die Sechzig zu. Eine stattliche, seriös wirkende Erscheinung, mit einer randlosen Brille auf der Nase und leicht gebräunter Haut. Er trägt ein Ringel T-Shirt, Shorts und Sandalen, aber man kann ihn sich gut vorstellen in der Richterrobe, wie er in einem holzgetäfelten Saal das Gesetz vertritt.

Er sitzt nun, sehr aufrecht, ein bisschen steif in seinem knarzenden Gartenstuhl in der Hitze des Wintergartens. Das ideale Klima für die Kakteen! Unten auf dem Hof spielen Kinder. Die Hände auf den Schoß gelegt, spricht der Richter mit einer klaren, deutlichen Stimme. Herr Kunzer besucht die schwule Sauna, er ist Mitglied im schwulen Sportverein und sowieso war oder ist er in lauter schwulen Vereinigungen. Nur die schwulen Kneipen interessieren ihn nicht mehr. Wenn er mal in einer landet, meistens aus "reinem Versehen".

Und er hatte ja seine wilden, ausgeflippten Phasen, auch wenn er es nie so nennen würde. Es begann Ende der 60er, Kunzer war Student. Es war die Zeit. als in der Stadt ständig Gruppen gegründet wurden. Und wie es so seine Art ist, erzählt er nebenbei, dass er ja zu den Mitbegründern der HAW gehörte. HAW steht für Homosexuelle Aktion Westberlin. Ein politischer Vorkämpfer also? "Um Gottes Willen, schreiben Sie bloß nicht so etwas."

Es müssen schöne Zeiten gewesen, sonst würde der Richter wohl kaum darauf hin-weisen, wieviel diese Männer der Stadt gebracht haben. Mit dabei waren stadtbe-kannte Schwule wie Rosa von Praunheim, Fassbinder, ein Verlagsbesitzer und Vetter des Filmemachers. Andere sind heute Professoren, Ärzte, viele Lehrer. Männer aus dieser Gruppe gründeten Beratungszentren.

Wenn sie damals gut drauf waren, haben sie Kiss-Ins veranstaltet. Fünf, zehn Männer sind zusammen auf den Kudamm gezogen und haben sich geküsst. Ob das nicht einen Aufruhr gegeben hätte? "Nein, nie etwas passiert." Kunzer erinnert sich noch genau, wie sie einmal Besuch von italienischen Tunten bekamen, "und die italienischen Tunten sind ja sehr schrill." Es gab heftige Diskussionen, ob deren Auftreten nicht die politische Aussage zertrümmere. Überhaupt gab es ständig Streit, beispielsweise mit K-Gruppen, die sich zierten, einen Schwulenblock auf den Demos zu dulden.

Manchmal fuhren die Aktivisten, die Stu-denten und Referendare, zusammen in andere Städte und beglückten die Provinz. Sie bauten Stände auf, stellten sich auf die Marktplätze. Zu Pfingsten trafen sich alle auf der schwulen Insel Berlin. Zu den Demos trugen sie lange spitze Papphüte mit Schleiern vor dem Gesicht. Ein bisschen wie beim Ku-Klux-Klan muss es ausgesehen haben. Oben auf den Mützen hatten sie mit dicken Filzstiften in unübersehbaren Lettern die Berufe angegeben: Richter, Lehrer stand da.

Eigentlich will er gar nicht wirken wie einer dieser Alt-68er, bei denen die übliche Verklärung eingesetzt hat, bei denen früher sowieso alles besser und schöner war. Aber er will einfach nicht glauben, dass heute alles so locker und offen und unproblematisch ist, wie es manchmal wirkt.

Mit 36 schon zum "alten Eisen"

Wenn der Richter nicht über sich selbst sprechen muss und über die allgemeine Lage philosophieren kann, könnte man fast behaupten, dass er in Plauderlaune kommt. Es gibt viel zu viele Heimlichkeiten, sagt er. Und wenn er so darüber nachdenkt, meint er sogar, dass immer noch der alte Spruch von Rosa von Praunheim gilt: "Macht Euer Schwul sein öffentlich!"

Sicher, in der Szene sei es lustig, schwul zu sein, die Frisöre machen damit ihr Geschäft. Aber wie verhalten sie sich im Urlaub? Und wie sieht es in den Kleinstädten aus, in Brandenburg, in Fulda oder Wiesbaden. Was glauben Sie, wie es da aussieht? Es zieht die Schwulen nach wie vor in die Großstädte. Dabei will sich Herr Kunzer gar nicht zu etwas Besserem erheben, vielleicht sind die Probleme heute nicht mehr so offensichtlich, resümiert er. Wir hatten den 175er, gegen den wir angehen konnten, den Paragra-phen, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Aber heute ist es diffus ge-worden, keine klaren Fronten mehr.

Plötzlich, am frühen Abend klingelt es stürmisch an der Tür. Keine Regung. Es ist der Freund, der nach einem langen Bürotag nach Hause kommt. Später sitzen die beiden an dem langen Glastisch unter einer Galerie von Originalen eines befreundeten Künstlers. Herr Kunzer hat ein Küchenhandtuch ausgebreitet und schält Spargel. Er wirkt nun ein bisschen väterlich, wie er sich um das Abendessen kümmert und seinem sehr viel jüngeren Freund lauscht.

Der ist Mitte dreißig und bewegt sich tänzelnd durch die Wohnung, die Arme immer auf Taillenhöhe gehalten, die Handflächen abgekippt. Er hat sich schnell umgezogen, den Anzug gegen Shorts eingetauscht, die Tennissocken bis zu den Waden hochgezogen. Er wirkt dünn und zerbrechlich im Vergleich zur stattlichen Figur des Richters.

Mit seinen 36 gehört er längst zum "alten Eisen" in der Szene, in der der Jugendkult bis zum Exzess getrieben wird, in der sich 50-Jährige als knackige Jeansboys anbieten und sich als Top-potente Männer geben. Der erste Kontakt wird immer noch über den Sex gemacht, da müssen sie junge Burschen bleiben, hübsch und begehrenswert.

Der Richter, Herr Kunzer, schenkt Mine-ralwasser nach und hört still seinem Freund zu, wie der über die Jugendkultur redet. Manchmal gehen die beiden zusammen shoppen ins KaDeWe, und während sie davon erzählen, merkt man, wie sehr sie es genießen, von den Verkäuferinnen umgarnt zu werden, die sie namentlich begrüßen. "Ach, Sie auch mal wieder da."

Hin und wieder geht der sehr viel jüngere Freund an den Wochenenden noch tanzen. Herr Kurzer bleibt an diesen Abenden zu Hause. Aber der junge Mann geht nur mit Freunden, mit festen Verabredungen, allein findet er es langweilig und er ist ja nicht mehr auf der Suche: "Ich hab ja ihn." Und des Richters Augen fangen an zu leuchten, für eine Sekunde klimpert er mit den Wimpern. "Mich" sagt er glücklich.

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