Comic-Heldin der Woche : Im Koffer gefangen

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Hernán Migoya hat die Geschichte der Entführung seiner Frau zu einer Graphic Novel verarbeitet. Jetzt ist die düstere Erzählung unter dem Titel „Entführt“ auf Deutsch erschienen.

Lars von Törne
Entführt.
Entführt.Foto: promo

Es passierte auf dem Weg zur Universität. Auf dem Rücksitz eines Taxis spürt die 18-jährige Melina plötzlich den Lauf einer Pistole in der Seite – schlagartig wird die peruanische Studentin aus ihrem Alltag gerissen. Drei Männer entführen sie. Sie verbinden der jungen Frau die Augen und stecken sie in einen Reisekoffer. Darin fahren sie sie kreuz und quer durch Lima, dann schließen die Entführer Melina in eine fensterlose Kammer ein. Wenn sie ihre Tochter lebend wiedersehen wollen, so teilen sie Melinas Eltern am Telefon mit, sollen sie 40000 Dollar Lösegeld zahlen – eine unvorstellbar hohe Summe für die Familie.

16 Jahre ist der Fall her, der damals in Peru – wo Entführungen nicht unüblich sind – vor allem deswegen Schlagzeilen machte, weil die junge Frau vorübergehend in den Koffer gesperrt wurde. Jetzt erregt die Entführung erneut Aufmerksamkeit: Melinas heutiger Ehemann, der Schriftsteller und Drehbuchautor Hernán Migoya, hat die Geschichte zusammen mit dem Comiczeichner Joan Marín zu einer Graphic Novel verarbeitet, die jetzt unter dem Titel „Entführt“ auf Deutsch bei Panini erschienen ist.

Migoya beschreibt Melina als starke, tapfere Frau, die trotz ihrer verzweifelten Lage einen klaren Kopf bewahrt. Todesängste und Dunkelheit verdrängt sie, indem sie an ihre Freunde denkt und in imaginären Dialogen mit dem geliebten Vater sich selbst zu beruhigen vermag. Der ist Anwalt und hat zuvor schon öfters Entführer verteidigt. Die Verhandlungen mit den Männern, die seine Tochter in ihrer Gewalt haben, scheinen ihn allerdings anfangs zu überfordern. Im Verlauf der detailliert geschilderten Telefonate mit den Entführern wächst er jedoch zu einem kühlen Verhandler, der trotz mehrfach gescheiterter Geldübergaben die Nerven behält.

Die düsteren Schwarz-Weiß-Bilder Maríns verstärken die intensive Wirkung der Erzählung. Sie illustrieren die Verzweiflung Melinas und ihrer Eltern ebenso wie die zunehmend angespannte Lage der Entführer. Am anrührendsten ist das Buch allerdings am Schluss. Da gibt es neben Faksimiles von Dokumenten zu dem Fall einen Epilog, in dem Autor Migoya sein ambivalentes Verhältnis zu Lima beschreibt, der Metropole, in der derartige Gewaltkriminalität für viele Menschen zum Alltag gehört. So wurden er und seine Frau vor einigen Jahren von bewaffneten Männern brutal beraubt. Wegziehen aus dieser „eindringlichen, fantastischen und furchtbaren Stadt“ wollen sie trotzdem nicht.

Hernán Migoya und Joan Marín: Entführt, Panini, 268 Seiten, 24,95 Euro

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