Welt : Concorde: Absturz bei Paris: Die Triebwerke waren 23 Jahre alt

Rainer W. During

Die Concorde sollte den weltumspannenden Reiseverkehr revolutionieren und die Entfernungen rund um den Globus auf wenige Stunden zusammenschrumpfen lassen. Doch als das Überschall-Verkehrsflugzeug 1976 in den Liniendienst ging, war es fast schon ein Auslaufmodell. Die immensen Betriebskosten beschränkten die Zahl der Benutzer auf wenige, gut betuchte Reisende, und die vier ebenso lauten wie abgasreichen Olympus-Nachbrennertriebwerke sorgten dafür, dass der Jet heute fast auf jedem Flughafen mit einem Landeverbot belegt ist.

Schon vor dem gestrigen Unglück hatten Experten an den Tragflächen einiger Concorde-Maschinen Haarrisse entdeckt, doch nach Angaben des Chefs der französischen Fluggesellschaft Air France, Jean-Cyril Spinetta, hätten diese mit dem Absturz nichts zu tun. Die Ursache für den Absturz sei ein Triebwerksschaden. Nach Angaben des britischen Triebwerke-Herstellers Rolls Royce waren die vier Triebwerke der Unglücksmaschine 23 Jahre alt. Gegenüber der BBC teilte Rolls Royce am Dienstag ferner mit, die Maschine habe 900 000 Flugstunden gehabt.

Während die Amerikaner ihre Pläne für ein Überschall-Verkehrsflugzeug wieder verwarfen und der russischen Tupolew TU-144 kein Erfolg beschieden war, wurde die Concorde zum Prestigeobjekt der britischen und französischen Luftfahrtindustrie. Bereits 1962 hatten die beiden Regierungen einen Vertrag über die Zusammenarbeit bei Entwicklung und Bau der 62,10 Meter langen Maschine unterzeichnet, der bei British Aerospace und Aerospatiale erfolgte. Am 2. März 1969 startete der erste Prototyp in Toulouse zum Jungfernflug, am 9. April folgte die erste britische Maschine in Filton. Am 3. Oktober 1969 durchbrach erstmals eine Concorde die Schallmauer.

Der Jet fliegt schneller (2200 Stundenkilometer) und höher (15 bis 18 Kilometer) als jedes andere Verkehrsflugzeug. Um den besonderen Belastungen des Überschallfluges standzuhalten, wurde für die Zelle eine spezielle Aluminiumlegierung entwickelt. Die Pilotenkanzel der Concorde ist konventionell ausgestattet, geflogen wird der Jet noch von einer dreiköpfigen Cockpit-Besatzung. Um der Crew bei der Landung die Bodensicht zu ermöglichen, wird die spitze Nase der Maschine abgesenkt.

Wirtschaftlich wurde der Überschall-Jet zum Misserfolg, doch die Entwicklungskosten von rund 1,5 Milliarden englischen Pfund trugen die britischen und französischen Steuerzahler. Nur 20 Maschinen wurden gebaut, davon vier Testflugzeuge und 16 Serienmodelle. Je sieben Concorde (Stückpreis rund 150 Millionen DM) mussten die damals rein staatlichen Luftverkehrsgesellschaften Air France und British Airways übernehmen. Weil keine weiteren Kunden gefunden wurden, mussten die beiden verbleibenden Maschinen als Ersatzteillager eingemottet.

Nach mehr als sechsjähriger Flugerprobung stellten Air France und British Airways die Concorde am 21. Januar 1976 zeitgleich in den Liniendienst. Wurde anfangs noch eine ganze Reihe von Routen von Río de Janairo bis Singapur bedient, beschränkt sich der Linieneinsatzbei Air France bereits seit 1982 auf die Rennstrecke von Paris nach New York. Auch British Airways zog sich in den 90er Jahren auf die Verbindung zwischen London und der US-Metropole zurück. Für das Privileg, den Atlantik in nur rund dreieinhalb Stunden in einem engen Kabinenschlauch von 2,63 Metern Durchmesser zu überqueren, müssen die maximal 100 Passagiere tief in die Tasche greifen. Rund 10 000 Mark kostet der Hin- und Rückflug, auf dem die Reisenden mit luxoriösem Bordservice entschädigt werden. Dennoch gilt die Auslastung als gut.

Daneben versuchen die Airlines immer wieder, die übrigen Concordes zusätzlich mit Charterflügen zu beschäftigen, für die eine rege Nachfrage besteht. Luxusreisen in Kombination von Überschalljet und Kreuzfahrtschiff gehören ebenso zum Angebot wie kurze Rundflüge, die es auch weniger gut betuchten Menschen ermöglichen, einmal das Durchbrechen der Schallmauer zu erleben. Am Boden stoßen die Airlines indessen auf immer weniger Gegenliebe bei den Behörden. Denn die Überschalljets widersprechen allen heute geltenden Lärm- und Umweltschutzbestimmungen. So ist die einst als "Königin der Lüfte" gefeierte Maschine längst von vielen Ländern mit einem Einflugverbot belegt. Im März 1999 kam letztmalig eine Concorde der Air France für Rundflüge nach Berlin-Schönefeld.

Wegen ihres zunehmenden Alters - die Maschinen wurden zwischen 1975 und 1979 gebaut - ist die Concorde immer wieder ins Gerede gekommen, doch war das Modell bisher von verhängnisvollen Unfällen verschont geblieben. Inzwischen wurden die Jets, die noch einige Jahre in der Luft bleiben sollen, umfangreichen Überholungsarbeiten unterzogen, bei denen sich der Abnutzungszustand geringer als erwartet zeigte. An einem Nachfolgemodell für die Concorde wird seit Jahrzehnten weltweit geforscht. Doch längst laufen die Planungen nur noch auf Sparflamme. Grund sind vor allem die immensen Entwicklungskosten, die in keinem Verhältnis zum Bedarf stehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben