Welt : Concorde-Unglück: Foto-Jagd nach dem Absturz

Clemens Wergin

So wird man sie vielleicht in Erinnerung behalten. Jene elegant abhebende Concorde, die gerade die Rollbahn hinter sich gelassen hat. Die Nase noch ein wenig nach unten abgeknickt, wie immer beim Start des ebenso schlanken wie mächtigen Überschallflugzeugs. Zu spät, um den Abflug abzubrechen. Aber aus den Flügeltanks weht schon jene tödliche Feuerfahne, die Katastrophe ankündigend, die in wenigen Augenblicken das Flugzeug zerreissen wird. Angesichts von 113 Toten scheint es fast zynisch zu fragen: Wie kam dieses Bild auf die Cover von Magazinen und Zeitungen der ganzen Welt ?

Die "New York Times" ist diesem Thema nachgegangen und hat ein wenig Licht hinter die Kulissen gebracht: Am Dienstagnachmittag kommen die ersten Meldungen über den Absturz der Concorde über den Ticker. Bildjournalisten in Paris stürzen auf ihre Motorräder und rasen zum Flughafen Charles de Gaulle. Doch dort finden sie nur noch Trümmer. Sofort beginnt die Hatz auf mögliche Amateurbilder. Und tatsächlich: Drei Amateure bewiesen schnelle Reflexe, hielten die brennende Concorde noch im Flug fest. Die Nachrichtenagentur Reuters greift als erste zu und sichert sich das Bild des ungarischen Flughafen-Enthusiasten Andras Kisgely. Mehr als 2000 Mark sollen für das sehr unscharfe, körnige Bild bezahlt worden sein. Ein Schnäppchen. Reuters stellt das Bild seinen Kunden zur Verfügung, und so landet es einen Tag später auch auf der ersten Seite des Tagesspiegel. Um weitere Bilder eines japanischen Geschäftsmannes und der Frau eines spanischen LKW-Fahrers entbrennt ein reger Handel, "ebenso hektisch wie makaber", wie die "New York Times" schreibt.

Die Marktwirtschaft im Kleinen: ein sehr rares Gut wird an den Meistbietenden verkauft. Der Preis steigt ständig, aus Mangel an Alternativen. Es herrschen verschärfte Bedingungen: Man kann nicht wissen, wieviel andere Bilder noch auf dem Markt sind. Außerdem muss das Geschäft so schnell wie möglich abgeschlossen sein, denn der Redaktionsschluss der Zeitungen drängt. Das Bild des japanischen Geschäftsmanns, das am Ende sogar den Weg auf das Cover der Newsweek findet, taucht erst am nächsten Tag auf. Über Mittelsmänner stellt die kleine Londoner Fotoagentur "Buzz" einen Kontakt her. Aber Steve Lake, einer der Partner bei Buzz, hat keine Eile damit. Er hat gehört, das Bild sei ohne Stativ durch ein Flugzeugfenster aufgenommen worden. Als er dann erst am Mittwochabend seinen elektronischen Briefkasten öffnet, um das Bild abzurufen, ist er elektrisiert: Das Foto hat das Zeug, zum Sinnbild des Absturzes zu werden.

So organisiert Lake um acht Uhr abends eine Telefonauktion. Gefährlich nahe am Redaktionsschluss der Zeitungen. Gebote beginnen bei 4-5000 £ (ca. 12 500-16000 Mark). "Daily Mail", "Mirror", "Sun" und "Express" bieten bis 16 000 £ (knapp 57 000 Mark). Am Ende bekommt der "Mirror" den Zuschlag und bringt das Foto am nächsten Morgen unter der Überschrift "No Chance". Für Lake ist damit die Geschichte nicht zu Ende, sind doch nur die Exklusiv-Rechte für Großbritannien vergeben. So telefoniert er laut "New York Times"" am nächsten Morgen mit der Bild-Zeitung, die die Fotos am Freitag bringen wird. Doch langsam wird die Angelegenheit zu groß für die kleine Agentur, die nur über eine Telefonleitung verfügt: Noch am Donnerstagmorgen bekommt Sygma bei einer Auktion unter Fotoagenturen den Zuschlag, das Bild weiter zu vermarkten. Buzz wird prozentual beteiligt. Sofort nach der Auktion kontaktiert Sygma Sarah Harbutt, Fotochefin von "Newsweek". 25 000 $ soll das Bild nun kosten, man einigt sich laut "New York Times" auf eine Summe näher an 15 000 $ (knapp 32 000 Mark). Die "Herald Tribune" schätzt, dass das Foto des japanische Geschäftsmanns bis jetzt fast 160 000 Mark eingebracht hat. Und das Verwertungskarussel dreht sich weiter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben