Welt : Concorde-Unglück: Millionenschwere Entschädigung

Rainer W. During

Die Hinterbliebenen der 100 deutschen Opfer des Concorde-Absturzes erhalten insgesamt fast 300 Millionen Mark Schmerzensgeld. Nach Angaben des Luftrechtexperten Elmar Giemulla handelt es sich bei der mit Air France und deren Versicherung ausgehandelten Summe um die höchste Entschädigung, die nach einem Flugzeugunglück in Europa gezahlt wurde.

Weil das Ziel der Concorde, mit der deutsche Kreuzfahrttouristen nach New York fliegen wollten, in den USA lag, konnten sich die Juristen - unter ihnen der ehemalige Bundesinnenminister Gerhard Baum - auf amerikanisches Recht berufen. Dort sind hohe Entschädigungszahlungen an der Tagesordnung. Dabei spielen neben dem Verwandtschaftsgrad auch die individuelle Beziehungsform und das daraus resultierende, persönliche Leid jedes Angehörigen bei der Ermittlung der jeweiligen Höhe des Schmerzensgeldes eine Rolle.

Für die Hinterbliebenen bedeutete das oftmals schmerzliche Befragungen durch die Anwälte. Die Betroffenen wurden während der Zeit von der Psychologin betreut, die sich bereits um die Opfer der Ramstein-Katastrophe gekümmert hatte.

Transatlantischer Kompromiss

Herausgekommen ist schließlich ein transatlantischer Kompromiss, der "voll unseren Erwartungen entspricht", wie Giemulla betont. Der Kreis der Betroffenen wurde nach französischem Recht festgelegt, bei dem auch entferntere Verwandte wie Nichten und Neffen berücksichtigt werden. Bei der Festlegung der Schmerzensgeldsummen orientierte man sich dagegen am amerikanischen Recht. "Bei einem reinen US-Fall wäre sicher noch mehr möglich gewesen", sagte der Berliner Luftrechtler.

Angehörige von 99 der insgesamt 100 getöteten Passagiere können jetzt im Juni mit erheblichen Entschädigungszahlungen rechnen. Lediglich die Hinterbliebenen eines Reisenden sowie einige Verwandte eines zweiten Opfers gehen vorerst leer aus. Deren Anwalt klagt vor einem New Yorker Gericht, wo sich das Verfahren laut Giemulla über Jahre hinziehen kann.

Nach französischem Recht hätten die Angehörigen lediglich Anspruch auf eine Zahlung von 70 000 Mark gehabt. Die deutsche Gesetzgebung kennt überhaupt keine Entschädigung für psychisches Leid. So erhielten die Hinterbliebenen der Opfer des Birgenair-Absturzes in der Dominikanischen Republik nur deshalb wenigstens jeweils 100 000 Mark, weil sich der Flugzeughersteller Boeing freiwillig zu einer Kulanzzahlung bereit erklärte.

Auf entsprechende Vorstöße im Justizministerium habe man bisher stets zu hören bekommen, dass es bei den Bundesbürgern gar keine Erwartungshaltung in Sachen Schmerzensgeld gebe, sagt Elmar Giemulla. Wenn das Bekanntwerden des Concorde-Vergleiches jetzt zu einer veränderten Anspruchsempfinden in der Bevölkerung führe, könne dies bei der Forderung nach einer überfälligen Gesetzesänderung helfen.

Flüge weiter gefragt

Der Überschalljet war am 25. Juli vergangenen Jahres nach dem Start auf dem Pariser Charles de Gaulle-Flughafen abgestürzt. Nach dem vorläufigen Untersuchungsergebnis hatte ein zuvor von einer anderen Maschine verlorenes Metallstück einen Reifen platzen lassen. Dessen Gummiteile verursachten beim Aufprall auf die Tragfläche eine Schockwelle im Kerosin, die den Treibstofftank bersten ließ. Nach Modifikationen, die eine solche Kettenreaktion künftig ausschließen sollen, wird für den Herbst die Wiederaufnahme des Linienverkehrs geplant. Denn die Nachfrage ist weiterhin groß.

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