Welt : Cosa Nostra: Mafia-Museum in der Hochburg der Paten

Werner Raith

Für Bürgermeister Pippo Cipriani ist es "ein Erfolg, von dem noch vor wenigen Jahren niemand auch nur zu träumen gewagt hätte". Die Tageszeitung "La Repubblica" feiert eine "epochale Wende, das Ende einer jahrzehntelangen albtraumhaften Herrschaft", und Italiens bekanntester Mafia-Experte Pino Arlacchi, mittlerweile Generaldirektor für den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität bei den Vereinten Nationen, sieht seine These bestätigt, "dass man die Cosa Nostra sehr wohl in die Knie zwingen kann": Ausgerechnet in Corleone, 12.000 Einwohner, dem berüchtigsten Mafia-Nest Siziliens, entsteht derzeit das erste Museum über die Untaten der sizilianischen Dunkelmänner, aber auch über den Kampf gegen sie, über das Image, das die "ehrenwerte Gesellschaft" in aller Welt hat.

Archiv hinter Klostermauern

Hinter den Gemäuern eines Klostergebäudes aus dem 17. Jahrhundert wird so ziemlich alles gesammelt, was jemals über die Mafia zu erfahren war und ist. So soll das weltweit größte Archiv von Dokumenten zum Phänomen der Mafia entstehen - Ermittlungsakten, Anklageschriften, Urteile, Berichte der parlamentarischen Antimafiakommissionen. Eine eigene Bibliothek soll nach und nach alles kaufen, was jemals über die Mafia an Büchern erschienen ist und natürlich auch alle Neuerscheinungen hinzufügen; weiterhin wird eine Zeitschriftensammlung auch die Abhandlungen in Periodicals oder auch Serien in seriösen in- wie ausländischen Magazinen und Tageszeitungen erfassen. Und schließlich werden auch alle Filme und CD-Roms zum Thema vorrätig sein, Dokumentarsendungen im Fernsehen genauso wie Spielfilme.

Natürlich stellt sich die Frage, was die Mafiosi zu alldem sagen, die zwar, wie Oberboss Toto Riina, im Gefängnis sitzen oder, wie Bernardo Provenzano, seit Jahren flüchtig sind, deren Kinder und Enkel aber weiter in Corleone wohnen. "Sehen Sie," meint Bürgermeister Cipriani, der an der Spitze einer Mitte-Links-Koalition steht und seit jeher gegen die düsteren Gestalten kämpft: "Bei uns geschehen mittlerweile Dinge, die noch vor zwei, drei Jahren unmöglich gewesen wären: es gibt ganz normale Diebstähle, sogar Handtaschenräuber sind aufgetaucht, ein Geschäftsmann wurde erpresst - und ist sofort zur Polizei gegangen.

Mafia nur auf Tauchstation?

Lachen Sie nicht", setzt der Bürgermeister schnell hinzu, "aber zu Zeiten, als die Mafia hier geherrscht hat, wäre so ein Dieb oder Räuber keine zwei Stunden mehr am Leben gewesen: die Bosse hätten ihn umbringen lassen, weil er ihre Ordnung nicht respektierte, und zur Polizei wäre ein Erpresster erst gar nicht gegangen." Das Museum, so Cipriani, ist nur der letzte, überzeugende Schritt dazu, dass "wir ein wirklich normaler Ort werden". Mag sein. Aber wenn die Mafia, wie nicht wenige Experten vermuten, derzeit nur auf Tauchstation gegangen ist, wie früher schon mehrere Male in Zeiten starker staatlicher Repression? "Die Mafia hat ein Gedächtnis wie ein Elefant", hat der einstige Oberermittler Giovanni Falcone einmal gesagt, "und wartet mit ihrer Vergeltung oft Jahre, bis sich der günstige Moment ergibt." Und wie Recht er hatte: Es dauerte fast drei Jahre, bis die Mafia, nachdem er schon längst seinen Posten in Palermo verlassen hatte, den entsprechenden Zeitpunkt gekommen sah, und ihn mit einer Fünfhundertkilobombe umbrachte.

Und so meint Bürgermeistrer Cipriani am Ende denn auch eher unsicher: "Wir müssen halt herausbringen, was die Mafiosi so vorhaben."

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