Welt : Cosbys Provokationen

Der Fernsehstar liest den Schwarzen die Leviten

Matthias B. Krause[New York]

Beim ersten Mal sah es noch wie ein Fehltritt aus. Doch nach dem zweiten Mal gab es keinen Zweifel mehr: TV-Entertainer Bill Cosby befindet sich auf einem neuen Feldzug. Der Mann, der als freundlicher Dr. Huxtable in seiner „Cosby Show“ zum Multimillionär und zum Vorbild vieler Schwarzer wurde, ist enttäuscht von der Jugend, von den jungen Männern, den Müttern und der schwarzen Gemeinschaft generell. „Ihr müsst aufhören, eure Frauen zu schlagen, nur weil ihr keinen Job finden könnt, weil ihr keine Ausbildung haben wolltet und nun nur den Mindestlohn verdient“, rief er mehr als Tausend Zuhörern auf einer von Reverend Jesse Jackson organisierten jährlichen Bürgerrechtskonferenz in Chicago zu.

Dort erntete Cosby Beifall, im vergangenen Monat war sein spontaner Gefühlausbruch in Washington zur Feier einer wegweisenden Entscheidung des Obersten US-Gerichtshofes gegen die Rassentrennung an amerikanischen Schulen vor 50 Jahren noch auf entsetztes Schweigen gestoßen. Er beklagte, schwarze Mütter und Väter seien eher bereit, ihren Kindern Sportschuhe für 500 Dollar zu kaufen, als 200 Dollar für Bücher auszugeben. Weiter sagte er an ihre Adresse: „Eure schmutzige Wäsche kommt jeden Tag um 2 Uhr 30 aus der Schule, und während sie auf der Straße rumhängen, nennen sie sich gegenseitig ‚Nigger’ und sie fluchen. Sie denken, sie sind hip. Sie können nicht lesen. Sie können nicht schreiben. Die lachen und kichern und sie bringen es zu nichts.”

Er habe es satt, dass der Rassismus der Weißen als Entschuldigung für die Heerschar der Schulabgänger, die vielen Teenagerschwangerschaften, die Gewalt und die kaputten Familien verantwortlich gemacht werde. Als seine Bemerkung in den schwarzen Gemeinden des Landes für Aufruhr sorgte, legte Cosby nach: „Ich denke, es ist Zeit, den Spiegel umzudrehen. Nur darüber zu reden, was die Weißen uns antun, hält eine Person wie versteinert in ihrem Sitz, versteinert in dem Loch, in dem sie sitzt.“

Bürgerrechtler Jackson sprang Cosby bei: „Das ist dasselbe, was ich schon seit 1976 sage.” Besonders die gewaltverherrlichende Sprache der Rap-Musiker sei unakzeptabel. Reverent Al Sharpton, der in diesem Jahr einer der demokratischen Präsidentschaftskandidaten war, äußerte sich etwas vorsichtiger: „Ich stimme darin überein, dass wir etwas gegen die Widersprüche in unserer Gemeinschaft tun müssen.“ Gleichzeitig dürfe das jedoch den Weißen nicht als Entschuldigung dienen. Viele weniger prominente Schwarzen-Vertreter beklagten sich dagegen, dass sich hier ein Reicher öffentlich gegen die Armen wende, anstatt ihnen zu helfen.

Und die Realität ist zweifellos vielschichtiger, als Cosby, der schon in der Vergangenenheit des Öfteren die schwarze Unterschicht kritisiert hatte, sie darstellt. Soziologie-Professor Joe Feagin von der Universität Florida warf Cosby zudem vor, gängige Vorurteile zu bedienen: „Diese falschen Stereotypen sind sehr schädlich. Jeder, der ein bisschen Zeit mit schwarzen Leuten verbringt, weiß, dass es eine große Bandbreite von Typen gibt. Die Wahrheit ist, dass die meisten armen Schwarzen nicht in diese Stereotypen passen.“ Sein Kollege Tony Whitehead von der University of Maryland, der die Verhältnisse von armen schwarzen Gemeinschaften in Baltimore untersucht, sagt: „Es ist einfach, auf die Statistiken zu schauen und zu sagen: ‚Hey, diese Leute müssen etwas tun’. Aber wenn ich zu ihnen hingehe, stelle ich fest, dass es viele Familien gibt, die es richtig machen wollen und ich frage mich dann, wie sie überleben. Es ist viel schwerer, als die Statistiken das zeigen.“

Kritik muss Cosby auch von den weißen Liberalen einstecken. Sie sehen den Geist der 80-er Jahre wiedererwachen. Zu Zeiten Reagans wurde in den USA darüber diskutiert, die Sozialhilfe abzuschaffen, weil diese angeblich das Nichts-Tun und damit die Armut fördere. „New York Times“-Kolomunistin Barabara Ehrenreich wetterte: „Wenn Cosby sich um schlechte Grammatik und solche Dinge sorgt, warum klagt er dann nicht über Bushs Haushalt 2005, der eine Reihe von Programmen streicht für Schulabgänger und Bildungsberatung?“ Eine Fortsetzung der Debatte ist garantiert. Am Dienstag wird Bill Cosby bei der Bürgerrechtsorganisation NAACP sprechen. Bis dahin wird er wohl kaum leiser geworden sein.

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