"Costa Concordia"-Prozess : Francesco Schettino muss büßen

In dieser Woche soll das Urteil gegen Kapitän Francesco Schettino fallen. Doch viele fragen sich, warum andere Besatzungsmitglieder der Costa Concordia so einfach davonkamen.

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Das Wrack der Costa Concordia.
Das Wrack der Costa Concordia.

Mit starken Worten gegen Francesco Schettino hatte die Staatsanwaltschaft nicht gegeizt. „Was für ein Angeber, was für ein Feigling! Was für ein Dilettant, ein unbedachter Idiot, einer der skrupellos Würfel spielt mit der Sicherheit seiner Passagiere“, hieß es. Umso mehr Aufwand musste in Grosseto die Verteidigung betreiben, um ihren Mandanten anders darzustellen – als einen „demütigen, redlichen Menschen, der im letzten Moment mit sicherem Seemannsinstinkt das einzig Richtige getan hat“. Zwar gab es 32 Tote beim Unglück um das havarierte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia, „aber mehr als wurden 4000 gerettet. Und dafür wollen die Staatsanwälte den Kapitän für 26 Jahre und drei Monate hinter Gitter stecken? Drei, maximal fünf Jahre!“ Und vor allem: Die Todesfälle hätten mit dem Verhalten Schettinos nichts zu tun. Freispruch also von den Anklagepunkten “fahrlässige Tötung” und “vorzeitiges Verlassen des Schiffes.”

Nach eineinhalb Jahren und 68 Verhandlungstagen ist im Prozess die Zeit für die letzten Auseinandersetzungen gekommen. Am Dienstag wollen sich die drei Richter zur Urteilsfindung zurückziehen. Ein, zwei Tage, vermuten Gerichtsbeobachter, länger werden sie nicht brauchen. In den fast drei Tagen ihres Plädoyers hat die Verteidigung noch einiges aufgerührt – auch im Sinne der Nebenkläger, also der Verletzten und der Hinterbliebenen, deren Anwälte in diesem Fall kurioserweise dem Angeklagten näher standen als der Staatsanwaltschaft. Auch so mancher Gerichtsbeobachter zweifelt daran, ob der Prozess auf einer richtigen Basis stand. Könnte es denn nicht sein, dass die Reederei Costa an den Todesfällen mitschuldig ist, wenn – nur ein Beispiel – der Notstromgenerator auf der Costa Concordia versagte und Aufzugschächte durch offen gebliebene Türen zu tödlichen Fallen wurden?

Und wo sind die Offiziere, deren Aufgabe es am Abend jenes 13. Januar 2012 gewesen wäre, das 300 Meter lange und mehr als 60 Meter aus dem Wasser ragende Schiff sicher an der Insel Giglio vorbeizufahren? Wo hatte der Wachhabende, der zweite Offizier Ciro Ambrosio, seine Augen? „Wussten Sie“, hatten Schettinos Verteidiger ihn im Zeugenstand gefragt, „dass bei Ihrem Kurs der Bug der Costa Concordia genau auf die Insel zeigte?“ Dem damals 28-Jährigen fiel keine bessere Antwort ein als diese: „Klar, mit dem Bug fährt man, mit dem Heck legt man an.“

Ansprüche an materiellem Schadenersatz „weitgehend befriedigt“

Die Frage aber bleibt, weshalb Schettino als Einziger immer noch auf der Anklagebank sitzt und eine hohe Strafe zu erwarten hat, während seine Offiziere bereits mit symbolischen Bewährungsstrafen von nicht einmal zwei Jahren davonkamen. Und warum blieb die Beobachtung der Nebenkläger folgenlos, wonach manche aus der Concordia-Mannschaft – auch solche, die dann vor Gericht als Zeugen gegen Schettino auftraten – von der Reederei befördert worden waren?

Verletzte und Hinterbliebene sehen wenigstens ihre Ansprüche an materiellem Schadenersatz „weitgehend befriedigt“. So sagt es der deutsche Anwalt Hans Reinhardt, der 30 Opfer vertritt. Costa selbst hat dem Gericht vorgerechnet, man habe drei Jahre nach der Havarie 2623 von 3206 Passagieren und 964 von 1023 Besatzungsmitgliedern mit insgesamt 84 Millionen Euro entschädigt; in den anderen Fällen sei nur mehr die Höhe des Betrags offen.

Es könnte für die Reederei noch teurer werden: Die Insel Giglio verlangt 200 Millionen Euro, und eine gewisse Domnica Cemortan klagt auf 200.000 Euro. Das ist die Moldawierin, die als Schettinos Geliebte mit an Bord war und von ihm eigens für die romantische Insel-Passage auf die Brücke mitgenommen wurde: „Ich bin am Boden, bloß weil ich dieser Frau einen Gefallen tun wollte“, sagte er ein paar Minuten nach dem Unglück seiner Reederei am Telefon. Cemortan, die in den vergangenen Monaten viele Interviews gegeben und für ein Buch viele Details sehr bildlich geschildert hat, fühlt heute ihr Leben „durch die Aggressivität der Medien zerstört“.

"In jener Minute blieb mir nur der Tod"

Ob es „kriminell“ oder „verantwortungsbewusst“ war, den Generalalarm an Bord erst nach einer Dreiviertelstunde auszurufen und den Räumungsbefehl erst nach weiteren zwanzig Minuten, darüber haben sich Anklage und Verteidigung lange gestritten. Nur zur Aussage der Staatsanwälte, zu den „praktischen Rettungsarbeiten“ habe Schettino „praktisch nichts beigetragen“, er sei davongeschlichen, „ohne sich auch nur die Schuhsohlen nass zu machen“, fiel den Anwälten des Kapitäns nicht viel ein. Immerhin hat Schettino seine Behauptung zurückgezogen, er sei wegen der starken Neigung des Schiffes „ins Rettungsboot gefallen“. Seine aktuelle Version lautet: „In jener Minute blieb mir nur der Tod, das Ins-Wasser-Springen oder das Hinunterfallen. Da bin ich in die Schaluppe gegangen.“

Nicht einmal sechs Jahre alt war die Costa Concordia, als sie auf Giglio strandete. 450 Millionen Euro hatte ihr Bau gekostet, für die Bergung sind mehr als eine Milliarde Euro dazugekommen. Eingebracht hat sie am Ende nichts: Vergangenen Juli ging sie für einen Euro an ein Abwrackkonsortium. Die Kreuzfahrtreederei wiederum hat dieser Tage angekündigt, sie werde ihre Sicherheitsabteilung für den Schiffsverkehr nach Hamburg verlagern. „In Genua“, sagt Michael Thamm, der deutsche Geschäftsführer, „hat das ja nicht funktioniert. Der Fall Schettino und die Sache der Costa Concordia sind in einer Unternehmenskultur entstanden, die ich auslöschen will.“

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