Welt : Da lachen ja die Harfen

Geiger des Bonner Orchesters ziehen vor Gericht – weil sie mehr Noten spielen müssen als ihre Bläserkollegen

Frederik Hanssen

Wie bitte? Zuerst will man seinen Ohren gar nicht trauen, wenn man von dem Fall aus Bonn hört: 16 Geiger des örtlichen Sinfonieorchesters haben beim Amtsgericht gegen die Bundesstadt Klage eingereicht, um mehr Geld für ihre Arbeit zu erstreiten. So weit, so normal – schließlich hält sich fast jeder Arbeitnehmer für unterbezahlt. Das Argument allerdings, mit dem die Streicher ihrem Arbeitgeber mehr Gehalt abpressen wollen, ist schon abenteuerlich: Als Violinisten hätten sie pro Konzert viel mehr Noten zu spielen als ihre Musikerkollegen an den Hörnern, Flöten oder Posaunen. Darum müsste am Monatsende auf ihrem Gehaltszettel auch eine größere Summe erscheinen.

Nach dem „Tarifvertrag für Kulturorchester“ erhalten allerdings alle Instrumentalisten denselben Grundlohn. Zulagen stehen nur den Solisten zu. Das finden die Hinterbänkler unter den Tutti-Geigern ungerecht. Schließlich würde ein Blick in die Partituren beweisen, dass die Komponisten den Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässen stets mehr Noten pro Minute zugemutet haben als dem Rest der orchestralen Belegschaft. Nicht, dass die streitbaren Streicher jede Sechzehntel-Note einzeln abrechnen wollen – aber 100 Euro mehr pro Probe oder Auftritt hätten sie schon gerne. Macht summa sumarum im Monat rund 3000 Euro extra.

Sähe das Image der deutschen Orchestermusiker etwas rosiger aus, man würde das Ganze als verfrühten Aprilscherz auffassen. Leider aber stehen die fest angestellten Instrumentalisten im öffentlichen Bewusstsein vor allem als Kassenkünstler mit Beamtenmentalität da, die vertraglich gerade einmal zu 24 Wochenstunden kollektiven Musikmachens verpflichtet sind und dafür saftige Gehälter einstreichen.

Extrawünsche kosten extra

In der Tat hat die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) in den fetten Jahren für ihre Mitglieder jede Menge Annehmlichkeiten erstritten. Der Tarifvertrag für die 10325 Musiker, die bei 137 deutschen Sinfonieorchestern beschäftigt sind, liest sich wie ein Auszug aus den allgemeinen Geschäftsbedingungen des Schlaraffenlandes. Da werden die Fräcke vom Staat finanziert, da gibt es Geld für die „Abnutzung“ der Instrumente, da kann zum Arbeitsbeginn nach den Ferien ein „Einspieltag“ gewährt werden.

Die Musiker achten penibel darauf, dass sie vertragsgemäß behandelt werden. So konnte sich jüngst ein Schlagzeuger eine Extravergütung erstreiten, weil er in einer modernen Komposition ein „Hi-Hat“ zu bedienen hatte. Die Beckenschlagvorrichtung gehörte nach Auffassung des Musikers zu den so genannten „ungewöhnlichen Instrumenten“, deren Spiel gesondert abzugelten ist.

So ein Pochen auf Extrawürsten kommt in Zeiten knapper Kassen gar nicht gut an beim Publikum. Sicher, Musiker müssen bis zu einem gewissen Grad Egomanen sein – sonst würde es sie nicht auf die Bühne drängen. Zuerst an sich zu denken, ist für jeden Künstler lebensnotwenig. Während Maler und Schriftsteller, Tänzer und Schauspieler als Einzelkämpfer ihr finanzielles Schicksal in die Hand nehmen müssen, gibt es für Musiker die Deutsche Orchestervereinigung. Sie hat einen Organisationsgrad von 95 Prozent – und damit eine enorme Macht bei den Tarifverhandlungen. Dass jedes Opernhaus an den Rand des Kollapses gerät, wenn das Orchester stur Dienst nach Vorschrift macht, haben die Musiker der Deutschen Oper Berlin vor ein paar Jahren bewiesen.

Doch das weltweit einmalige System der Klassik-Subventionierung droht aufgrund der für die Kommunen kostspieligen Nebenabreden aus besseren Zeiten zu implodieren. 31 Orchester wurden in Deutschland seit 1992 geschlossen, viele sind in ihrer Existenz bedroht. Gerade hat der rot-rote Senat beschlossen, den Berliner Symphonikern die Subventionen ab 2005 zu entziehen. Darum bekommen die aufmüpfigen Bonner Musiker keinen Beifall, weder aus den eigenen Reihen noch von der Orchestervereinigung. „Der Fall hat keine bundesweite Relevanz“, erklärt DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Risikoreiche Rebellion

Auch wenn die Streicher in Bonn aus rechtstechnischen Gründen ihren Arbeitgeber verklagt hätten, handele es sich letztlich um einen Konflikt unter Musikern, so Mertens. Weil das Orchester der Beethovenhalle nach dem Umzug der Regierung Bundeszuschüsse einbüßte, musste das Ensemble von 130 auf 106 Mitglieder verkleinert werden. Dieser Personalabbau wurde vor allem bei der Streichergruppe realisiert, weil hier am meisten Musiker altersbedingt ausschieden. Das führt bei den verbliebenen Instrumentalisten zwangsläufig zu Mehrbelastungen. Allerdings, so Mertens, werde keiner der Streicher über sein Dienstlimit beansprucht. Und außerdem wisse jeder, der an der Musikhochschule studiere, wie die Anteile zwischen Bläsern und Streichern in den Partituren verteilt sind, fügt er hinzu. Auch wenn die Kollegen an den Bläser-Pulten vielleicht rein rechnerisch weniger Noten pro Abend abzuliefern haben, so stehen sie doch unter dem Druck, dass sie den Orchesterklang fast immer solistisch überstrahlen. Er habe selber versucht, in dem seit zwei Jahren schwelenden Konflikt zu vermitteln, erzählt Gerald Mertens – vergebens. Nun plädiert er dafür, die Angelegenheit niedrig zu hängen – um den Kulturgegnern keine weiteren Argumente in die Hände zu spielen.

Anfang Mai wird der kuriose casus vor dem Bonner Landgericht verhandelt. Bekommen die Kläger Recht, können sich die Arbeitgeber die Hände reiben: Dann werden sie die „unterbeschäftigten“ Bläser künftig wohl nur noch auf Teilzeitbasis einstellen müssen. Wahrscheinlich aber werden die Richter den Fall an die Wissenschaft verweisen – mit der Bitte zu klären, ob nicht vielleicht doch ein Zusammenhang zwischen der Zahl gespielter Noten und dem Schrumpfen des gesunden Menschenverstands bestehe.

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