Welt : Da schüttelt’s einen

Was für ein Schreck, was für ein Tabubruch: Der neue James Bond kann sich nicht entscheiden, wie er seinen Martini haben will

Andreas Conrad,Andreas Oswald

Es gibt eben ein paar Dinge zwischen Himmel und Hölle, die sind einfach wichtiger als alles andere. Ob der neue 007-Darsteller Daniel Craig ein Weichei ist und deshalb vielleicht der zeitgemäßere James Bond, gehört nur vielleicht dazu. Sicher gehört aber eine Szene aus „Casino Royale“ dazu, in der er ein kleines bisschen unter Stress steht und „Wodka Martini!“ verlangt. „Geschüttelt oder gerührt?“, fragt der Barkeeper grinsend. Und der neue Bond antwortet doch tatsächlich: „Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?“

Dem Kinopublikum wurden in der Filmgeschichte bereits viele Tabubrüche zugemutet. Und nun das. „Casino Royal“ war der erste Band der James-Bond-Serie von Ian Fleming. Der traditionalistische Zuschauer weiß natürlich, dass Bond seinen Martini in späteren Zeiten geschüttelt haben will, was wiederum den Martini-Traditionalisten immer schon manchen Schauer über den Rücken laufen ließ. Den Martini trinkt der Trinker gerührt, Schütteln macht ihn trüb. Winzige Luftbläschen mischen sich in den Drink, das ist nicht zum Ansehen. Außerdem schmilzt dann zu viel Eis, und die paar Tropfen machen das Ganze zu einer dünnen Plörre.

Der Legende nach geht der ursprüngliche Martini auf den New Yorker Bartender Martini di Arma di Taggia Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, vielleicht auch auf einen Mann in Martinez, Kalifornien. Das Rezept geht so: In das Rührgefäß kommen Eiswürfel. Darüber wird Vermouth geschüttet, vorzugsweise Noilly Prat. Dann wird der Vermouth weggekippt, so dass nur noch Spuren am Eis bleiben. Gin kommt hinzu, Bombay Saphire oder Tanqueray. Das Ganze wird 30 Sekunden lang gerührt und in Cocktail-Schalen geschüttet. Am Ende wird Zitronenschale, mit der Außenseite nach unten, ausgedrückt.

Früher lag der Vermouth-Anteil wesentlich höher, aber im Laufe der Zeit wurde er immer weiter reduziert. Von Churchill wird erzählt, er sei lediglich mit einer geöffneten Vermouth-Flasche am Martini vorbeigelaufen, damit dieser nicht zu sehr verdünnt wird. Eine andere Geschichte besagt, er habe nur die Sonnenstrahlen durch die Vermouth-Flasche auf den Martini scheinen lassen, aber nur kurz.

Zu viele Martinis sollte man nicht trinken. Dorothy Parker dichtete einmal: „I like to have a Martini, but only two at the most. After three I’m under the table, after four I’m under my host.“

Über die Hintergründe für den Tabu-Bruch in „Casino Royale“ kann man nur spekulieren. Vielleicht wollten die Produzenten ja nur ein Zeichen setzen, den aktuellen Bond-Darsteller auch auf alkoholischer Ebene neu positionieren. Oder war es einfach Unwissenheit des 007-Debütanten Craig, der einfach mehr in die Vorbereitung auf die Rolle hätte investieren müssen? Zumindest jene mehrere Tausend Pfund, die er für eine unsignierte Erstausgabe von Ian Flemings „Casino Royale“ wohl zahlen müsste. Er soll sich darum bemüht haben, aber zurückgezuckt sein, als ihm ein Antiquar den zu erwartenden Preis nannte.

In Ian Flemings Roman jedenfalls hätte er das Rezept für einen Wodka-Martini à la Bond schwarz auf weiß nach Hause tragen können, Flemming hatte es selbst erfunden: „Drei Maß Gordon’s, eines Wodka, ein halbes Kina Lillet. Gut schütteln, bis es eiskalt ist, dann eine große dünne Scheibe Zitronenschale hinzufügen.“ Ergänzend riet Fleming, dem Gin und dem Vermouth nur Wodka aus Getreide, nicht aus Kartoffeln beizufügen. Dessen Marke wechselte im Laufe der Filmgeschichte allerdings mehrfach. In den frühen Filmen wurde Bond überwiegend amerikanischer Wodka der Marke „Smirnoff“ kredenzt, schon dies nicht ganz korrekt, bestand doch der Buch-Bond auf russischer Ware. In „Sag niemals nie“, noch einmal mit dem ersten Darsteller Sean Connery, doch außerhalb der offiziellen Bond-Serie gedreht, gab er sich auch mit „Absolut“, also Hochprozentigem aus Schweden zufrieden. In „Der Hauch des Todes“ und „Im Angesicht des Todes“ durfte Bond endlich echten russischen Wodka der Marke „Stolichnaya“ schlürfen, in „GoldenEye“ kehrte er zu „Smirnoff“ zurück. Nur als Ausnahme muss schließlich die Badewannenszene in „Diamantenfieber“ gelten, in der Bond neben sich eine Flasche der Vermouth-Marke „Martini“ zu stehen hatte, die mit seinem Cocktail nur den Namen gemein hat.

Die Vorliebe für einen Wodka-Martini teilten die Darsteller mit ihrer Figur freilich nicht immer. Sean Connery, noch immer der definitive Bond, äußerte sich dazu wohlwollend, erklärte aber, geschüttelt oder gerührt sei ihm egal: „Um ehrlich zu sein, wenn Sie es wirklich wissen wollen: Ich ziehe einen guten Schluck schottischen Whisky einem Martini vor, und zwar jeden Tag.“ Auch Pierce Brosnan lag schon voll im Trend, als er die Frage der empfehlenswerten Zubereitung offenließ: „Ich liebe Martinis, ganz gleich, ob gerührt oder geschüttelt.“

Das Wodka-Martini-Rezept und eigentlich alles, was man über Bond wissen oder auch nicht wissen will, findet sich in dem überarbeiteten, stark erweiterten und in einem neuen Verlag publizierten Buch des Bond-Kenners Siegfried Tesche: James Bond – top secrets. Die Welt des 007. Militzke-Verlag, Leipzig. 624 Seiten, 200 Abbildungen, 20 Euro.

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